Lykomedes ließ seinen Blick zwischen beiden hin und her wandern. »Und? Wie hast du deine Gemahlin kennengelernt, Prinz von Ithaka?«
Odysseus ließ nicht erkennen, ob er sich gereizt fühlte oder nicht. »Nett von dir, dass du fragst. Als Tyndareos einen Gatten für Helena suchte, kamen Bewerber aus aller Herren Länder. Ich bin sicher, du weißt davon.«
»Zu der Zeit war ich bereits verheiratet«, erwiderte Lykomedes. »Darum bin ich nicht gekommen.«
»Natürlich nicht. Und der da war wohl leider noch zu jung.« Er warf mir ein Lächeln zu und richtete seinen Blick zurück auf den König.
»Von allen Bewerbern war ich glücklicherweise der erste, der am Hof eintraf. Der König lud mich ein, mit seiner Familie zu speisen: Helena, seine Schwester Klytämnestra und deren Kusine Penelope.«
»Er lud dich ein?«, frotzelte Diomedes. »War’s nicht eher so, dass du der Holden nachgestiegen bist und ihr aufgelauert hast?«
»Ich bin mir sicher, dass der Prinz von Ithaka so etwas nicht täte.« Lykomedes zog die Stirn in Falten.
»Ich muss gestehen, dass ich ihr tatsächlich nachstellte, obwohl ich dein Vertrauen in mich zu schätzen weiß«, sagte Odysseus und schenkte dem alten König ein strahlendes Lächeln. »Penelope hat mich sogar dabei ertappt. Sie verriet mir später, mich die ganze Zeit über beobachtet und gefürchtet zu haben, ich könne mich am Dornbusch verletzen, hinter dem ich steckte. Das war natürlich peinlich, zumal mir auch Tyndareos auf die Schliche kam, aber er kam und bat mich zu bleiben. Als wir dann bei Tisch saßen, wurde mir bewusst, dass Penelope noch viel klüger war als ihre Kusinen und genauso schön. Und –«
»So schön wie Helena?«, unterbrach Diomedes. »War sie deshalb, obwohl schon zwanzig, immer noch unverheiratet?«
Odysseus lächelte mild. »Du wirst von einem Mann doch nicht verlangen, dass er seine Gemahlin im Vergleich zu anderen Frauen weniger vorteilhaft beschreibt.«
Diomedes verdrehte die Augen, lehnte sich zurück und stocherte mit der Spitze seines Messers zwischen den Zähnen.
Odysseus wandte sich wieder Lykomedes zu. »Im Laufe unserer Unterhaltung und als mir bewusst wurde, dass Penelope Gefallen an mir fand –«
»An deiner äußeren Erscheinung kann es wohl nicht gelegen haben«, kommentierte Diomedes.
»Gewiss nicht«, pflichtete ihm Odysseus bei. »Jedenfalls fragte sie mich, welches Geschenk ich meiner Braut machen würde. Ich sagte: ein Hochzeitsbett aus edelster Steineiche. Damit war sie allerdings nicht einverstanden. Ein Hochzeitsbett, entgegnete sie, solle nicht aus totem, trockenem Holz gemacht werden, sondern aus grünem, lebendigem. ›Und was, wenn ich dir ein solches Bett baue?‹, fragte ich. ›Wirst du mich dann zum Gemahl nehmen?‹ Darauf antwortete sie –«
Der König von Argos schnaubte verächtlich. »Ich kann die Geschichte nicht mehr hören.«
»Dann hättest du vielleicht nicht vorschlagen sollen, dass ich sie erzähle.«
»Und du solltest dir vielleicht etwas Neues einfallen lassen, sonst langweile ich mich verdammt nochmal zu Tode.«
Lykomedes zeigte sich entrüstet. Solche Flüche waren vielleicht auf dem Exerzierplatz oder im Gesindehaus entschuldbar, nicht aber bei Hofe, zumal an der Speisetafel. Odysseus schüttelte den Kopf. »Wahrlich, die Männer von Argos werden von Jahr zu Jahr barbarischer. Lykomedes, bringen wir dem König von Argos ein bisschen Kultur bei. Ich hoffe, die berühmten Tänzerinnen deiner Insel bewundern zu dürfen.«
Lykomedes schluckte. »Nun ja«, stammelte er. »Ich habe nicht –« Er unterbrach sich, fing von neuem an und bemühte sich um einen angemessenen Ton. »Wenn du es wünschst.«
»Wir beide wünschen es«, sagte Diomedes.
»Nun denn.« Lykomedes’ Blicke huschten zwischen seinen Gästen hin und her. Thetis hatte verlangt, die Frauen versteckt zu halten, doch er konnte den beiden ihre Bitte unmöglich ausschlagen. Er räusperte sich und traf eine Entscheidung. »Also gut, sie sollen kommen.« Er gab einem Diener ein Zeichen, worauf dieser eilends die Halle verließ. Ich starrte auf meinen Teller, um mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr ich mich fürchtete.
Die Frauen hatten nicht mit einem Auftritt gerechnet und zupften noch an ihren Gewändern, als sie die Halle betraten. Achill war unter ihnen und hielt den verhüllten Kopf gesenkt. Ich warf einen ängstlichen Blick auf Odysseus und Diomedes, doch sie schienen ihn nicht zu bemerken.
Die Mädchen nahmen Aufstellung und die Musik fing zu spielen an. Es war ein Genuss, ihrem Tanz zuzuschauen, obwohl Deidameia fehlte, denn sie tanzte bei weitem am schönsten.
»Welche ist deine Tochter?«, fragte Diomedes.
»Sie ist nicht dabei«, antwortete Lykomedes. »Sie besucht eine Tante.«
»Schade«, erwiderte Diomedes. »Ich hatte gehofft, diese da sei es.« Er zeigte auf ein kleines Mädchen, das tatsächlich ein wenig aussah wie Deidameia. Sie hatte besonders hübsche Fußfesseln, die unter dem wirbelnden Saum des Kleides zum Vorschein traten.
Lykomedes räusperte sich wieder. »Bist du vermählt, mein Herr?«
Diomedes schmunzelte. »Einstweilen, ja«, antwortete er, ohne die Frauen aus den Augen zu lassen.
Als sie zu Ende getanzt hatten, stand Odysseus auf und sprach mit lauter Stimme: »Wir fühlen uns geehrt durch eure liebreizende Darbietung. Nur wenige können sich rühmen, die Tänzerinnen von Skyros gesehen zu haben. Zum Zeichen unserer Bewunderung haben wir für euch und euren König Geschenke mitgebracht.«
Die Mädchen tuschelten aufgeregt miteinander. Nur selten gelangten Luxusgüter nach Skyros. Es fehlte einfach an Geld.
»Zu gütig«, sagte Lykomedes, vor Freude gerötet, wie man sah. Damit hatte er nicht gerechnet. Auf Odysseus’ Zeichen hin schleppten Diener mehrere Koffer in die Halle und luden sie auf den langen Tischen aus. Ich sah Silber blinken, Glas und Edelsteine. Wir alle reckten den Hals, begierig zu sehen, was die Gäste mitgebracht hatten.
»Bitte, nehmt, was euch gefällt«, sagte Odysseus. Die Mädchen eilten zu den Tischen, und ich beobachtete, wie sie sich über die verführerischen Gaben hermachten: zierliche Glasfläschchen, gefüllt mit Duftwässern und versiegelt mit Wachs, Handspiegel mit Griffen aus geschnitztem Elfenbein, goldene Armreifen, dunkelrot und violett gefärbte Bänder. Manche anderen Dinge waren, wie ich vermutete, für Lykomedes und seine Berater gedacht: Lederschilde, Lanzenschäfte und versilberte Schwerter in Scheiden aus Ziegenleder. Dem alten König gingen die Augen über. Odysseus stand vor den Tischen und lächelte großmütig.
Achill schlich unauffällig um die Tische. Er tupfte ein paar Tropfen Parfüm auf sein Handgelenk, fuhr mit den Fingern über den glatten Spiegelgriff. Dann betrachtete er ein Paar Ohrringe aus blauen Edelsteinen, gefasst in Silberdraht.
Eine Bewegung am anderen Ende der Halle ließ mich plötzlich aufmerken. Diomedes hatte den Raum durchquert und sprach mit einem seiner Sklaven, der daraufhin durch die hohe Doppeltür nach draußen ging. Was immer sein Auftrag sein mochte, wichtig konnte er nicht sein, denn Diomedes blickte müde und gelangweilt.
Ich schaute zurück zu Achill. Er hielt sich die Ohrringe ans Ohr, neigte in mädchenhafter Gebärde den Kopf mal zur einen, mal zur anderen Seite und spitzte die Lippen, was ihn zu amüsieren schien. Unsere Blicke trafen sich, und ich konnte es mir nicht verkneifen zu lächeln.
Draußen erschallte eine Fanfare, laut und alarmierend. Ein lang gezogener Ton, gefolgt von drei kurzen Stößen: das Signal für unmittelbar drohende Gefahr. Lykomedes sprang auf, die Wachen stürzten zur Tür. Die Mädchen schrien auf und ließen die Geschenke fallen. Klirrend brach Glas auf dem steinernen Boden.
Alle Mädchen, bis auf eines. Ehe die Fanfare verstummte, hatte Achill eines der silbernen Schwerter aus der Scheide gerissen. Der Tisch, vor dem er stand, versperrte ihm den Weg zur Tür. Er sprang darüber hinweg und schnappte sich dabei eine der Lanzen. Mit erhobenen Waffen und kampfbereit landete er auf beiden Füßen – ganz und gar nicht mädchenhaft. Nicht einmal ein gewöhnlicher Mann vermochte sich so in Stellung zu bringen. Das konnte nur er. Der größte Kämpfer seiner Generation.