Ich riss meinen Blick von ihm los und sah zu meinem Entsetzen, dass Odysseus und Diomedes bis über beide Ohren grinsten. »Zum Gruße, Prinz Achill«, sagte Odysseus. »Wir haben dich gesucht.«
Alle Augen waren auf Achill gerichtet, der nun langsam die Waffen senkte. Ich war hilflos und rührte mich nicht.
»Odysseus«, sagte er mit bemerkenswert ruhiger Stimme. »Diomedes.« Er verneigte sich höflich vor beiden. »Ich fühle mich geehrt, der Anlass so großer Bemühungen zu sein.« Seine Worte klangen vornehm und gleichzeitig ein wenig spöttisch, womit er den Besuchern die Möglichkeit nahm, ihn zu demütigen.
»Ich nehme an, ihr wollt mit mir sprechen. Einen Moment noch, ich werde gleich bei euch sein.« Er legte Schwert und Lanze zurück auf den Tisch und lüftete sein Kopftuch. Seine Haare schimmerten wie polierte Bronze. Die Höflinge tuschelten aufgeregt miteinander, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
»Wie wär’s damit?« Odysseus warf ihm einen Leibrock zu, den er von wer weiß woher hervorgezaubert hatte. Achill fing ihn auf.
»Danke«, sagte er. Wie gebannt schaute der ganze Hofstaat zu, als er sein Frauengewand ablegte und die Tunika anlegte.
Odysseus wandte sich dem alten König zu. »Lykomedes, wir würden uns gern mit dem Prinzen von Phthia in eine leere Kammer zurückziehen. Wir haben einiges miteinander zu bereden.«
Lykomedes’ Gesicht war zu einer Maske erstarrt. Ich ahnte, dass er an Thetis dachte und deren Strafe fürchtete. Er antwortete nicht.
»Lykomedes!«, bellte Diomedes.
»Ja, natürlich«, krächzte der Alte. Er tat mir leid. »Gleich dahinten.« Er zeigte auf eine Tür.
Odysseus nickte. »Danke.« Er ging zur Tür, voller Zuversicht und als zweifelte er keinen Augenblick daran, dass Achill ihm folgen würde.
»Nach dir«, feixte Diomedes. Achill zögerte und warf einen flüchtigen Blick auf mich.
»Oh, ich vergaß«, rief Odysseus über die Schulter hinweg. »Patroklos ist ebenfalls herzlich eingeladen. Es geht schließlich auch um ihn.«
Fünfzehntes Kapitel
In dem mit abgenutzten Wandteppichen behängten Raum standen vier Stühle mit hoher Lehne. Ich nahm auf einem Platz und bemühte mich, aufrecht zu sitzen, wie es sich für einen Prinzen gehörte. Achill war sichtlich aufgewühlt, sein Hals gerötet.
»Ihr habt mich überrumpelt«, sagte er vorwurfsvoll.
Odysseus blieb ungerührt. »Du warst so schlau, dich zu verkleiden. Wir mussten schlauer sein, um dich zu finden.«
Achill zog eine Braue in die Stirn und gab sich hochmütig. »Na schön. Ihr habt mich gefunden. Was wollt ihr?«
»Wir wollen, dass du mit nach Troja kommst«, antwortete Odysseus.
»Und wenn ich nicht mitkommen möchte?«
»Dann werden wir das hier bekannt machen.« Diomedes hob das von Achill abgelegte Gewand in die Höhe.
Achill errötete wie nach einem Schlag ins Gesicht. Dass er sich hatte verkleiden müssen, war schlimm genug, schlimmer jedoch war die Vorstellung, alle Welt erführe davon. Für Männer, die sich als Frauen ausgaben, hatte unser Volk die hässlichsten Bezeichnungen. Von einer solchen Schmach betroffen, war schon mancher zu Grunde gegangen.
Odysseus hob eine beschwichtigende Hand. »Dazu muss es nicht kommen. Schließlich sind wir alle von edler Gesinnung. Ich hoffe, wir können dir bessere Gründe liefern. Zum Beispiel die Aussicht auf Ruhm. Der wird dir sicher sein, wenn du für uns kämpfst.«
»Es wird andere Kriege geben.«
»Aber keinen wie diesen«, sagte Diomedes. »Daran wird man sich auf alle Zeit in Legenden und Liedern erinnern. Ein Narr, der die Gelegenheit versäumt, dabei gewesen zu sein.«
»Um einen gehörnten Gatten zu rächen und Agamemnons Gier zu stillen?«
»Du bist blind. Was wäre heldenhafter, als um die Ehre der schönsten Frau der Welt zu kämpfen und es mit der mächtigsten Stadt im Osten aufzunehmen? Mit einer vergleichbaren Tat können sich nicht einmal Perseus oder Jason rühmen. Für eine solche Chance würde Herakles seine Frau ein zweites Mal erschlagen. Wir werden über ganz Anatolien bis nach Arabien hinein herrschen und in die Geschichte eingehen.«
»Habt ihr nicht gesagt, es würde ein leichter Feldzug sein, und wir wären im nächsten Herbst schon wieder zu Hause?«, ließ ich von mir hören, weil ich dem Wortwechsel etwas hinzufügen wollte.
»Das war gelogen«, gestand Odysseus achselzuckend. »Tatsächlich kann niemand sagen, wie lange der Krieg dauern wird. Er würde sich jedenfalls verkürzen, wenn du daran teilnimmst.« Er schaute Achill an. Seine dunklen Augen hatten den Sog einer starken Strömung, gegen die man nicht ankommen konnte. »Trojas Söhne sind bekannt für ihre Kampfeskraft. Wer sie zu Fall bringt, wird selbst Unsterblichkeit erlangen. Wenn du dir diese Gelegenheit entgehen lässt, bleibst du namenlos zurück und gerätst in Vergessenheit.«
Achill krauste die Stirn. »Das kannst du nicht wissen.«
»Oh doch, das kann ich«, antwortete Odysseus und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Glücklicherweise habe ich Anteil am Wissen der Götter.« Er lächelte wie in Erinnerung an einen himmlischen Scherz. »Und die Götter haben es für richtig befunden, mich einen Blick in deine Zukunft werfen zu lassen.«
Ich hätte mir denken können, dass Odysseus mehr zu bieten hatte als schnöde Erpressung. Man nannte ihn auch Polytropos, den Listenreichen. Mir wurde angst und bange.
»Und was siehst du?«, fragte Achill vorsichtig.
»Dass, wenn du nicht mit nach Troja ziehst, deine Göttlichkeit ungenutzt in dir versiegt. Deine Kraft wird abnehmen und dein Schicksal dem des Lykomedes gleichen, der nur mit einer Tochter als Erbin auf dieser entlegenen Insel verkümmert. Du weißt so gut wie ich, dass Skyros schon bald von einem benachbarten Staat erobert wird. Und dann wird er seine letzten Jahre in Einsamkeit fristen und Brotrinde essen, die man für ihn einweichen muss. Wenn er stirbt, wird man fragen: Wer war das?«
Seine Worte hallten durch den Raum und verdünnten die Luft, bis wir kaum mehr atmen konnten. Ein solches Leben war entsetzlich.
Unerbittlich fuhr Odysseus fort. »Er ist heute nur noch deshalb bekannt, weil sich seine Geschichte mit der deinen überschneidet. Wenn du nach Troja ziehst, wird selbst der Geringste, auch wenn er dir nur einen Becher zu trinken gereicht hat, in den Legenden, die sich um dich ranken, mit Namen genannt sein. Du wirst –«
Mit lautem Gepolter und stiebenden Splittern brach plötzlich die Tür auf. Auf der Schwelle stand Thetis, hell wie eine lodernde Flamme und so heiß, dass die zerborstenen Türflügel verkohlten. Ich duckte mich und spürte, wie mir die Hitze ins Mark fuhr und meine Adern auszutrocknen drohte.
Odysseus’ dunkler Bart war mit dem Staub der aufgebrochenen Tür überzogen. Er stand auf. »Zum Gruße, Thetis.«
Sie starrte ihn an wie eine Schlange ihr Opfer. Ihre Haut glühte, und die Luft schien zu flimmern. Diomedes rutschte auf den Knien zurück. Ich kniff die Augen zu, weil ich fürchtete, ein Blitz könnte auf uns niederfahren.
Nach einer Weile, in der es vollkommen still blieb, wagte ich es, die Augen zu öffnen. Odysseus war unverletzt. Thetis hatte die Fäuste geballt. Ihr Anblick brannte nun nicht mehr in den Augen.
»Die helläugige Jungfrau ist mir hold«, sagte Odysseus fast wie zur Entschuldigung. »Sie weiß, warum ich hier bin, und segnet, was mir am Herzen liegt.«
Mir war, als hätte ich einen Teil seiner Rede nicht mitbekommen. Ich versuchte zu folgen. Mit der helläugigen Jungfrau meinte er wohl die Göttin der Weisheit und des Kampfes. Es hieß, dass sie Klugheit über alles schätzte.