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»Athene hat kein Kind zu verlieren.« Thetis’ Worte hingen in der Luft.

Ohne weiter auf sie einzugehen, wandte sich Odysseus an Achill und sagte: »Frag deine Mutter, was sie weiß.«

Achill schluckte hörbar in der stillen Kammer. Er schaute seiner Mutter in die schwarzen Augen. »Ist es wahr, was er sagt?«

Inzwischen war die Glut, die sie ausgestrahlt hatte, erloschen. Übrig blieb nur der Anschein von Marmor. »Ja, es ist wahr, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Da ist noch etwas, was er nicht auszusprechen wagt«, antwortete sie tonlos und wie aus dem Mund einer steinernen Statue. »Wenn du nach Troja gehst, wirst du nicht zurückkehren, sondern als junger Mann dort sterben.«

Achill erbleichte. »Ist das gewiss?«

Alle Sterblichen stellten diese Frage, ungläubig und entsetzt. Gibt es für mich keine Ausnahme? »Ja, es ist gewiss.«

Wenn er mich in diesem Moment angesehen hätte, wäre ich in Tränen ausgebrochen. Doch sein Blick blieb auf seine Mutter gerichtet. »Was soll ich tun?«, flüsterte er.

Ein leichtes Zittern zeigte sich auf ihrem Gesicht wie auf glatter Wasseroberfläche. »Das darfst du mich nicht fragen«, entgegnete sie und verschwand.

Ich weiß nicht mehr, was noch zwischen den beiden Besuchern und uns gesagt wurde oder wie wir zurück in unsere Kammer gelangten. Ich erinnere mich aber an Achills verstörte Miene und die tiefen Schatten unter seinen Augen. Seine Schultern, sonst immer gestrafft, hingen schlaff herab. Ich selbst drohte an meinem Kummer zu ersticken. Bei dem Gedanken, er könnte sterben, war mir, als stürzte ich in einen schwarzen Abgrund.

Du darfst nicht gehen. Tausendfach lag mir dieser Satz auf der Zunge, doch anstatt ihn auszusprechen, hielt ich seine Hände umfasst. Sie waren kalt und rührten sich nicht.

»Ich würde es nicht ertragen«, sagte er schließlich. Er hatte die Augen geschlossen, und ich wusste, dass er nicht seinen Tod meinte, sondern den von Odysseus entsponnenen Alptraum, den Verlust seiner Herrlichkeit und Anmut. Ich wusste um seine Freude über die eigenen Fähigkeiten, seine wundersame Kampfkraft und Vitalität. Was würde von ihm übrig bleiben, wenn es damit vorbei wäre? Was, wenn er seiner Bestimmung zum Ruhm nicht nachkäme?

»Es wäre mir nicht wichtig«, flüsterte ich. »Was immer mit dir geschähe, es würde für mich keinen Unterschied machen. Wir wären zusammen.«

»Ich weiß«, entgegnete er leise, ohne mich anzusehen.

Doch dieses Wissen reichte ihm nicht, und umso größer war mein Schmerz. Wenn er stürbe, würde alles, was schnell, schön und hell war, mit ihm begraben werden. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch er hatte bereits einen Entschluss gefasst.

»Ich gehe«, sagte er. »Ich werde nach Troja gehen.«

Seine Lippen schimmerten rosig, die grünen Augen leuchteten. Kein einziges Fältchen verunzierte sein Gesicht. Er war wie der Frühling, golden und heiter. Der neidische Tod würde durch ihn wieder jung werden.

Er betrachtete mich eindringlich.

»Wirst du mich begleiten?«, fragte er.

Der nie endende Schmerz der Liebe. In einem anderen Leben hätte ich mich vielleicht entziehen und ihn seinem Schicksal allein überlassen können. Aber nicht in diesem. Ich würde mit ihm nach Troja ziehen, und sei es in den Tod. Ja, flüsterte ich. Ja.

Erleichterung spiegelte sich in seinem Gesicht und er drückte mich fest an sich.

Tränen strömten. Über uns kreisten die Gestirne, und der Mond schleppte sich müde auf seiner Bahn voran. Verzweifelt und schlaflos verbrachten wir die Nacht.

Als der Morgen dämmerte, stand er auf und sagte: »Ich muss meiner Mutter Bescheid geben.« Er war bleich und wirkte um Jahre gealtert. Ich geriet in Panik. Geh nicht, wollte ich sagen. Doch er streifte schon ein Hemd über und war gleich darauf verschwunden.

Ich lehnte mich zurück und versuchte, an nichts zu denken. Gestern noch hatten wir alle Zeit der Welt gehabt, jetzt zerrann sie uns zwischen den Fingern.

Es wurde hell. Das Bett war kalt und viel zu groß ohne ihn. Kein Laut war zu hören. Die Stille machte mir Angst. Wie in einer Grabkammer. Ich stand auf und schüttelte mich, weil ich fürchtete, den Verstand zu verlieren. So wird es sein ohne ihn, Tag für Tag. Mir schnürte sich die Brust zusammen. Tag für Tag, ohne ihn.

Ich verließ die Burg in der verzweifelten Hoffnung, dem Kummer entfliehen zu können, suchte die hohen Klippen am Meeresufer auf und begann zu klettern. Der Wind rüttelte an mir, und der Fels war glitschig, doch die Gefahr machte mich achtsam, und so stieg ich immer höher, dem tückischen Gipfel entgegen, den zu erklimmen ich mich bislang nicht getraut hatte. Ich schürfte mir am scharfen Gestein Hände und Füße auf, doch die Schmerzen waren mir willkommen. Sie zu ertragen war geradezu lachhaft einfach.

Ich stieg bis ganz nach oben, richtete mich auf dem Felsgrat auf und setzte in die Tat um, was mir unterwegs in den Sinn gekommen war, ein Einfall so grimmig und unbesonnen, wie ich mich fühlte.

»Thetis!«, brüllte ich gegen den Wind an, den Blick auf das Meer gerichtet. »Thetis!« Die Sonne stand hoch. Das Treffen von Mutter und Sohn musste längst beendet sein. Ich holte Luft, um ein drittes Mal zu rufen.

»Sprich nie wieder meinen Namen aus.«

Herumwirbelnd verlor ich fast das Gleichgewicht. Die Steine unter meinen Füßen fingen zu rutschen an, und der Wind zerrte an mir, doch es gelang mir, auf den Beinen zu bleiben.

Ihr Gesicht war noch fahler als sonst, wie mit Reif bedeckt. Sie bleckte die Zähne.

»Du bist ein Narr«, sagte sie. »Steig wieder nach unten. Dein armseliger Tod wird ihn nicht retten.«

Ich hatte doch mehr Angst als angenommen und schreckte vor ihrer Boshaftigkeit zurück. Trotzdem zwang ich mich zu der Frage, auf die ich eine Antwort wissen wollte. »Wie lange wird er noch leben?«

Sie gab ein kehliges Geräusch von sich, das wie das Bellen eines Seehundes klang. Es dauerte eine Weile, bis ich gewahr wurde, dass sie lachte. »Warum fragst du? Willst du dich darauf gefasst machen? Oder etwa seinen Tod verhindern?« Ihr Gesicht war voller Verachtung.

»Ja«, antwortete ich. »Wenn ich es kann.«

Wieder ließ sie dieses unheimliche Geräusch verlauten.

»Bitte.« Ich kniete nieder. »Bitte, sag es mir.«

Vielleicht lag es an meinem Kniefall. Sie verstummte jedenfalls und betrachtete mich einen Moment. »Zuerst wird Hektor sterben«, erwiderte sie. »Das ist alles, was ich weiß.«

Hektor. »Danke«, sagte ich.

Ihre Augen wurden zu Schlitzen, und die Stimme zischte, wie wenn Wasser auf heiße Kohlen trifft. »Untersteh dich, mir zu danken. Ich bin aus einem anderen Grund gekommen.«

Ich wartete.

»Es wird nicht so einfach sein, wie er glaubt. Die Moiren versprechen Ruhm, aber wie viel? Er muss auf seine Ehre achtgeben und ist doch zu vertrauensselig. Die Männer Griechenlands«, sie spuckte die Worte aus, »sind wie Hunde, die um einen Knochen kämpfen. Sie gönnen einander keinen Vorrang. Ich werde tun, was ich kann. Und du –« Sie betrachtete mich geringschätzig vom Scheitel bis zur Sohle. »Bring keine Schande über ihn. Verstanden?«

Verstanden?

»Ja«, antwortete ich. Ich verstand sehr wohl. Wenn er mit dem Leben dafür zahlte, musste sein Ruhm über die Maßen groß sein. Ein Lufthauch setzte den Saum ihres Gewandes in Bewegung, und ich wusste, dass sie gleich verschwinden und in ihre Meeresgrotte zurückkehren würde.

»Ist Hektor ein guter Kämpfer?«, fragte ich mit dem Mut der Verzweiflung.

»Der beste«, antwortete sie. »Nach meinem Sohn.«

Sie schaute zur Seite, wo die Klippe senkrecht abfiel. »Er kommt«, sagte sie.