Achill kletterte über den Rand und setzte sich zu mir. Er schaute mir ins Gesicht und musterte meine aufgeschürften Hände und Füße. »Ich habe dich reden hören«, sagte er.
»Ich sprach mit deiner Mutter«, entgegnete ich.
Er kniete sich vor mich hin und legte meinen Fuß in seinen Schoß, zupfte vorsichtig die Steinsplitter aus den Wunden und wischte den Schmutz ab. Dann riss er ein Stück Stoff aus dem Saum seines Rocks und legte einen Verband an.
Meine Hand schloss sich um seine. »Du darfst Hektor nicht töten«, sagte ich.
Er schaute mich an. Sein schönes Gesicht war gerahmt von goldenen Haaren. »Meine Mutter hat dir gesagt, was prophezeit wurde.«
»Ja, das hat sie.«
»Und du meinst, dass niemand außer mir Hektor töten kann?«
»Ja«, antwortete ich.
»Du glaubst, dass man dem Schicksal Zeit stehlen kann?«
»Ja.«
»Aha.« Er schmunzelte durchtrieben. »Warum sollte ich ihn töten? Er hat mir schließlich nichts getan.«
Zum ersten Mal seit langem keimte Hoffnung in mir auf.
Am Nachmittag brachen wir auf. Es gab keinen Grund, länger zu verweilen. Lykomedes verabschiedete uns in aller Form, wie es seine Art war, und wir standen eine Weile betreten beieinander. Odysseus und Diomedes waren schon vorausgegangen. Sie wollten uns nach Phthia zurückbringen, damit Achill dort seine eigenen Truppen aufstellen konnte.
Es galt noch etwas auf der Insel in Ordnung zu bringen. Ich wusste, dass Achill sich dabei nicht sehr wohl fühlte.
»Lykomedes, meine Mutter lässt dir einen Wunsch ausrichten.«
Die Lippen des Alten fingen zu zittern an, aber er hielt dem Blick seines Schwiegersohnes stand. »Bezüglich des Kindes«, sagte er.
»Ja.«
»Und was wünscht sie?«, fragte der König.
»Dass sie es ist, die ihn aufzieht. Sie –« Achill stockte angesichts der Miene des Alten. »Das Kind wird ein Junge sein, sagt sie. Sie will ihn an sich nehmen, sobald er entwöhnt ist.«
Schweigen. Lykomedes schloss die Augen. Ich wusste, er dachte an seine Tochter, die nicht nur auf den Mann, sondern auch auf ihr Kind würde verzichten müssen. »Ich wünschte, du wärst nie zu uns gekommen«, sagte er.
»Es tut mir leid«, erwiderte Achill.
»Geht«, flüsterte der Alte. Wir gehorchten.
Das Schiff, mit dem wir segelten, war wendig und schnell, seine Mannschaft bestens ausgebildet. Die Leinen schienen gerade erst gedreht worden zu sein, die Masten waren so frisch wie lebendiges Holz. Der weit über das Wasser hinausragende Steven hatte die Gestalt einer Frau, deren Hände wie in Anbetung vor der Brust aneinandergelegt waren. Sie war wunderschön mit ihrem ebenmäßigen Gesicht und dem schlanken Hals, der unter fliegenden schwarzen Haaren zum Vorschein kam, zudem prächtig bemalt in fein aufeinander abgestimmten Farbtönen.
»Wie ich sehe, bewunderst du meine Frau.« Odysseus war zu uns an die Reling getreten und stützte sich auf seinen muskulösen Unterarmen ab. »Sie war dagegen und hat sich geweigert, dem Künstler Modell zu stehen. Er musste sie heimlich abbilden, doch das Ergebnis ist, wie ich finde, gut gelungen.«
Eine Vermählung aus Liebe war in unseren Breiten so selten wie Zedern im Osten des Landes. Fast hätte ich ihn deswegen gemocht. In letzter Zeit allerdings lächelte er für meinen Geschmack zu häufig.
»Wie ist ihr Name?«, erkundigte sich Achill höflich.
»Penelope«, antwortete er.
»Ist das Schiff neu?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln.
»Ganz und gar, bis zum letzten Balken. Übrigens aus dem besten Holz, das Ithaka zu bieten hat.« Mit seiner großen Hand tätschelte er die Reling wie die Flanke eines Pferdes.
»Na, gibst du wieder an mit deinem neuen Kahn?« Diomedes hatte sich zu uns gesellt. Seine Haare waren mit einem Lederband im Nacken zusammengefasst, was seine Gesichtszüge noch schärfer wirken ließ.
»Du hast mich ertappt.«
Diomedes spuckte ins Wasser.
»Der König von Argos ist heute ungewöhnlich beredt«, kommentierte Odysseus.
Im Unterschied zu mir kannte Achill die Sticheleien der beiden noch nicht. Irritiert blickte er von einem zum anderen und verzog dann den Mund zu einem Schmunzeln.
»Wie erklärt sich eigentlich, dass du so überaus gewitzt bist?«, setzte Odysseus nach. »Liegt’s womöglich daran, dass dein Vater das Gehirn eines Mannes gegessen hat?«
»Wie bitte?« Achill schien seinen Ohren nicht zu trauen.
»Kennst du etwa nicht die Geschichte des mächtigen Tydeus, bekannt auch als Verzehrer von Menschenhirn?«
»Ich habe von ihm gehört. Aber dass er Gehirne …«
»Ich spiele mit dem Gedanken, unsere Teller mit einer Abbildung dieser Szene zu schmücken«, sagte Diomedes.
Noch in der Burg hatte ich Diomedes für Odysseus’ Schoßhund gehalten. Doch der spitzzüngige Schlagabtausch und die Art, wie die beiden miteinander umgingen, konnten so nur zwischen Gleichgestellten stattfinden. Außerdem erinnerte ich mich, dass Diomedes angeblich auch ein Liebling von Athene war.
Odysseus verzog das Gesicht. »Lade mich bitte nie nach Argos zum Essen ein.«
Diomedes lachte, was alles andere als angenehm klang.
Den beiden war offenbar danach zumute, miteinander zu plaudern, und so erzählten sie eine Geschichte nach der anderen: von Seereisen, Kriegen und lange zurückliegenden Wettkämpfen. Achill war ein aufmerksamer Zuhörer und stellte immer wieder Fragen.
»Wie ist es dazu gekommen?«, wollte er wissen und deutete auf die Narbe auf Odysseus’ Wade.
»Tja«, sagte der und rieb sich die Hände, »das ist eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt. Allerdings sollte ich vorher ein paar Worte mit dem Schiffsführer wechseln.« Er deutete auf die Sonne, die schon tief über dem Horizont stand. »Wir werden bald vor Anker gehen.«
»Ich gehe.« Diomedes stieß sich von der Reling ab. »Diese leidige Geschichte habe ich mindestens schon ebenso oft gehört wie die mit dem Bett.«
»Dein Pech, dass du sie dir nicht noch einmal anhörst«, rief ihm Odysseus nach. »Ihr dürft ihm nichts verübeln«, sagte er, an uns gerichtet. »Seine Frau ist ein Schreckgespenst und macht aus jedem Mann einen Griesgram. Meine Frau hingegen –«
»Ich schwöre«, brüllte Diomedes über die gesamte Länge des Decks hinweg, »wenn du noch ein Wort hinzufügst, werfe ich dich über Bord, und du kannst nach Troja schwimmen.«
»Seht ihr?« Odysseus schüttelte den Kopf. »Ein Griesgram.« Achill lachte. Er hatte Gefallen an den beiden und schien ihnen seine Demaskierung verziehen zu haben.
»Was wollte ich noch erzählen?«
»Wie es zu der Narbe gekommen ist«, sagte Achill.
»Ah ja, die Narbe. Ich war dreizehn Jahre alt –«
Die Sonne senkte sich auf den Horizont, und das Schiff glitt in den Schatten einer Landzunge, wo wir die Nacht verbringen wollten. Der Anker wurde gesetzt und ein Lager am Strand errichtet.
Als unser Zelt aufgebaut und ein kleines Feuer entzündet war, kam Odysseus und erkundigte sich, ob alles zum Besten stehe.
»Durchaus«, sagte Achill und lächelte auf seine freimütige, ehrliche Art. »Danke der Nachfrage.«
Auch Odysseus lächelte und zeigte weiße Zähne hinter seinem dunklen Bart. »Ausgezeichnet. Dass eine Zelt reicht euch hoffentlich. Ihr scheint alles miteinander zu teilen, Tisch und Bett, wie man hört.«
Mir schoss das Blut ins Gesicht, und ich hörte, wie meinem Freund der Atem stockte.
»Dafür braucht ihr euch doch nicht zu schämen. Unter jungen Burschen ist das häufig der Fall.« Er kratzte sich nachdenklich am Bart. »Nun ja, von jungen Burschen kann bei euch ja eigentlich nicht mehr die Rede sein. Wie alt seid ihr?«
»Das ist nicht wahr«, erwiderte ich hitzig und überlaut.
Odysseus krauste die Stirn. »Wahr ist, was gemeinhin angenommen wird. Aber vielleicht irren sich die Leute, die das von euch behaupten. Wenn euch die Gerüchte stören, lasst sie einfach hinter euch zurück, wenn wir in den Krieg ziehen.«