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Dann erfahren wir, dass seine Tochter nicht nur zur Durchführung der Zeremonie aus Mykene zu uns kommt, sondern auch, um einen der Könige zu heiraten. Vermählungen verheißen Glück; sie stimmen die Götter gnädig. Vielleicht wird das helfen.

Agamemnon ruft Achill und mich in sein Zelt. Seine Haut ist faltig und sein Gesicht geschwollen, man sieht ihm an, dass er nächtelang nicht geschlafen hat. Neben ihm sitzt Odysseus, entspannt und anscheinend unbeeindruckt wie immer.

Agamemnon räuspert sich. »Prinz Achill. Ich habe dich rufen lassen, weil ich dir etwas vorschlagen möchte. Vielleicht weißt du, dass –« Er stockt und räuspert sich erneut. »Ich habe eine Tochter, Iphigenie. Ich würde sie dir gern zur Frau geben.«

Wir starren ihn an. Achill öffnet seinen Mund und schließt ihn wieder.

Odysseus schaltet sich ein: »Agamemnon erweist dir damit eine große Ehre, Prinz von Phthia.«

»Das weiß ich zu schätzen«, stammelt Achill. Selten war er so in Verlegenheit. Er wirft einen Blick auf Odysseus, und ich ahne, was er denkt: Was ist mit Deidameia? Achill ist bereits verheiratet, was Odysseus sehr wohl weiß.

Doch der König von Ithaka deutet ein kaum merkliches Kopfnicken an, das Agamemnon nicht bemerkt. Wir sollen so tun, als gäbe es die Prinzessin von Skyros nicht.

»Dein Vorschlag ehrt mich«, sagt Achill zögerlich. Sein Blick streift meinen.

Odysseus entgeht es nicht. »Leider werdet ihr nur eine Nacht miteinander verbringen können, da sie gleich wieder abreisen muss. Aber natürlich kann in einer Nacht sehr viel passieren.« Er schmunzelt. Als Einziger.

»Ich glaube, eine Vermählung wäre genau das Richtige.« Agamemnons Worte kommen schleppend. »Für unsere Familien und für alle Menschen.« Er vermeidet es, uns anzusehen.

Achill wartet auf meine Reaktion. Er wird nein sagen, wenn ich es wünsche. Mich beschleicht Eifersucht, aber nur ein wenig. Es ist nur für eine Nacht, denke ich. Er gewinnt dadurch an Rang und Namen und kann mit Agamemnon Frieden schließen. Sonst hat es nichts zu bedeuten. Nun nicke auch ich kaum merklich.

Achill streckt die Hand aus. »Ich nehme deinen Vorschlag an, Agamemnon, und bin stolz darauf, dich zum Schwiegervater zu haben.«

Agamemnon schlägt ein. Ich schaue ihm in die Augen. Sie sind kalt und fast traurig. Später werde ich mich daran erinnern.

Er räuspert sich ein drittes Mal. »Iphigenie«, sagt er, »ist ein gutes Mädchen.«

»Daran zweifle ich nicht«, entgegnet Achill. »Ich werde mich als ihr Gatte glücklich schätzen dürfen.«

Agamemnon nickt und entlässt uns. Iphigenie. Ein anmutiger Name, der wie Ziegenhufe auf Felsen klingt, beschwingt und heiter.

Ein paar Tage später traf sie im Lager ein, begleitet von einer Eskorte streng dreinblickender Mykener, die für den Krieg zu alt waren. Als ihr Wagen über die steinerne Rampe holperte, strömte eine Unmenge von Soldaten herbei. Sie hatten schon wochenlang keine Frau mehr gesehen und weideten sich an ihrem Anblick, dem schlanken Hals, den blanken Fesseln und den zierlichen Händen, mit denen sie ihr Brautgewand glatt strich. Ihre braunen Augen leuchteten vor Begeisterung. Sie war gekommen, um den besten aller Griechen zu heiraten.

Die feierliche Vermählung sollte vor dem Altar auf der Agora stattfinden. Der Wagen rollte herbei, durch die Gasse gaffender Männer. Agamemnon stand auf dem Podest, flankiert von Odysseus und Diomedes. Auch Kalchas war anwesend. Achill wartete, wie es sich für den Bräutigam gehörte, am Rand des Podiums.

Iphigenie verließ ihren Wagen und bestieg das Podest. Sie war sehr jung, noch keine vierzehn, und obwohl sie eine priesterlich würdevolle Haltung annahm, verriet sie kindlichen Eifer. Sie warf sich ihrem Vater an die Brust und fuhr ihm mit den Händen durch die Haare, flüsterte ihm etwas zu und lachte. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, wohl aber seine Hände, die sich um die schlanken Schultern der Tochter zu klammern schienen.

Odysseus und Diomedes traten lächelnd vor und verbeugten sich. Sie nahm ihren Gruß anmutig entgegen, zeigte sich aber ungeduldig und suchte mit ihren Blicken den versprochenen Gemahl. Er war leicht auszumachen an seinen golden glänzenden Haaren. Sie lächelte angetan von dem, was sie sah.

Als sich ihre Blicke begegneten, trat Achill auf sie zu. Er stand jetzt unmittelbar am Rand des Podests, nur eine Armeslänge von ihr entfernt. Ich sah, wie er zögernd seine Hände ausstreckte, um ihre zu berühren, die wie Elfenbein schimmerten.

Plötzlich geriet das Mädchen ins Wanken. Ich erinnere mich an Achills verstörten Ausdruck und seinen Versuch, sie zu stützen.

Doch sie stürzte nicht. Sie wurde weggezerrt, zum Altar vor ihr. Diomedes war, von niemandem bemerkt, nach vorn gesprungen. Er hatte sie ergriffen, hielt seine wuchtige Hand auf ihre zarten Schlüsselbeine gepresst und zwang sie auf den Opferstein. Sie war zu entsetzt, um sich zu wehren, und schien nicht zu wissen, wie ihr geschah. Agamemnon zog etwas hinter seinem Gürtel hervor. Es blitzte, vom Sonnenlicht getroffen, als er es in die Höhe hob.

Die Messerspitze durchstach ihren Hals. Blut spritzte und strömte über den Altar. Würgend versuchte sie zu sprechen, brachte aber keinen Laut hervor. Sie wand sich unter den Qualen und zuckte am ganzen Körper, doch die Hände des Königs hielten sie gepackt. Ihr Widerstand wurde schwächer, bis sie sich schließlich nicht mehr rührte.

Agamemnons Hände waren voller Blut. Er sprach in die Stille hinein: »Der Göttin ist nun Genüge getan.«

Die Luft schmeckte nach Eisen und Salz. Todesgeruch breitete sich aus. Menschen zu opfern war eine Abscheulichkeit und als solche schon lange aus unseren Ländern verbannt. Doch er hatte seine eigene Tochter geopfert. Wir waren entsetzt, voller Wut und Gewaltbereitschaft.

Ehe wir uns jedoch besinnen konnten, streifte etwas unsere Wangen. Wir hielten inne. Da war er wieder, sanft und kühl und mit dem Duft des Meeres erfüllt. Ein Raunen ging durch die Menschenmenge. Wind. Der Wind frischt auf. Die allgemeine Anspannung löste sich. Der Göttin ist Genüge getan.

Achill stand wie angewurzelt auf dem Podest. Ich nahm ihn beim Arm und führte ihn durch die Menge zu unserem Zelt. Er schaute mit wilden Blicken umher, das bleiche Gesicht blutbespritzt. Ich versuchte, es mit einem Tuch zu säubern, doch er hielt meine Hand fest. »Ich hätte sie aufhalten können«, sagte er mit heiserer Stimme. »Ich war nahe genug und hätte sie retten können.«

Ich schüttelte den Kopf. »Damit konnte niemand rechnen.«

Er vergrub das Gesicht in den Händen und schwieg. Ich nahm ihn in die Arme und flüsterte Worte, von denen ich hoffte, dass sie ihn trösteten.

Nachdem er seine Hände gewaschen und die Kleider gewechselt hatte, rief Agamemnon uns auf die Agora zurück. Artemis, sagte er, sei mit unseren Kriegsplänen nicht einverstanden gewesen und habe eine Art Vorauszahlung gefordert. Tieropfer seien diesmal nicht genug. Sie habe Menschenblut gegen Menschenblut verlangt, eine jungfräuliche Priesterin, und als solche sei nur die älteste Tochter des Anführers in Frage gekommen.

Er behauptete, Iphigenie sei darüber aufgeklärt worden und habe sich freiwillig ihrem Schicksal gefügt. Die meisten Männer hatten aus der Entfernung das Entsetzen in ihren Augen nicht sehen können. Sie glaubten den Worten ihres Anführers gern.

Auf Scheiten von Zypressenholz, geschlagen aus dem Baum unserer finstersten Götter, wurde ihr Leichnam noch in derselben Nacht verbrannt. Agamemnon bewilligte zur Feier hundert Fässer Wein. In unser Zelt zurückgekehrt, schlief Achill, erschöpft, wie er war, mit dem Kopf auf meinem Schoß ein. Ich streichelte seine Stirn und sah sein Gesicht im Traum zucken. In der Ecke lag sein von Blut besudelter Leibrock, bei seinem Anblick schnürte sich mir die Kehle zu. Vorsichtig hob ich seinen Kopf von meinem Schoß und stand auf.