Draußen betranken sich die Männer und sangen grölend. Am Strand brannte noch das Zypressenfeuer, geschürt vom Wind. Ich durchquerte das Lager mit einem festen Ziel vor Augen.
Die Wachen vor seinem Zelt lagen am Boden und dösten vor sich hin. Einer der Männer schreckte auf und fragte: »Wer bist du?« Ich ging an ihm vorbei und stieß die Einstiegsplane des Zelts beiseite.
Odysseus drehte sich um. Er stand vor einem kleinen Tisch, den Finger auf eine Karte gelegt. Auf dem Teller daneben befanden sich noch Essensreste.
»Willkommen Patroklos. Schon gut, ich kenne ihn«, fügte er mit Blick auf den Wachposten hinzu, der mich zurückzuhalten versuchte. Er wartete, bis der Mann gegangen war. »Ich habe mir gedacht, dass du vielleicht kommst.«
Ich gab einen verächtlichen Laut von mir. »Das kann man immer sagen.«
Er schmunzelte. »Nimm irgendwo Platz. Ich habe noch nicht zu Ende gegessen.«
»Du hast den Mord an ihr zugelassen.« Ich spuckte die Worte aus.
Er rückte sich einen Stuhl zurecht. »Glaubst du etwa, ich hätte es verhindern können?«
»Du hättest es verhindert, wenn es deine Tochter gewesen wäre.« Ich blickte ihn mit wütend funkelnden Augen an.
»Ich habe keine Tochter.« Er riss einen Brocken vom Brotlaib ab, tunkte ihn in die Soße und aß.
»Und was, wenn es deine Frau gewesen wäre?«
Er blickte zu mir auf. »Was willst du von mir hören? Dass ich es nicht getan hätte?«
»Ja.«
»Ich hätte es nicht getan. Aber vielleicht ist das der Grund, warum Agamemnon König von Mykene ist und ich bloß über Ithaka herrsche.«
Seine Unbekümmertheit machte mich rasend.
»Du hast dich mitschuldig gemacht an ihrem Tod.«
Er verzog den Mund. »Ich fürchte, da überschätzt du mich. Ich bin nur ein Berater, Patroklos. Mehr nicht.«
»Du hast uns belogen.«
»Was die Vermählung angeht? Ja. Nur so war Klytämnestra zu bewegen, das Mädchen zu uns zu schicken.« Die Mutter, zu Hause in Argos. Mir schwirrten Fragen durch den Kopf, doch ich wollte mich von meiner Wut nicht abbringen lassen. Ich stach mit dem Finger in die Luft.
»Du hast ihn entehrt.« Daran hatte Achill noch gar nicht gedacht vor lauter Trauer um das Mädchen. Ich hingegen schon. Der Verrat an ihr warf einen Schatten auf ihn.
Odysseus winkte ab. »Die Männer haben längst vergessen, dass er eine Rolle in diesem Schauspiel spielte. Sie haben es in dem Moment vergessen, als das Blut des Mädchens floss.«
»Du machst es dir leicht.«
Er schenkte sich einen Becher Wein ein und trank. »Du grollst nicht ohne Grund. Aber warum gegen mich? Ich habe weder das Messer geführt noch das Mädchen gehalten.«
»Sein ganzes Gesicht war voller Blut«, zischte ich. »Kannst du dir vorstellen, wie er sich gefühlt haben muss?«
»Es grämt ihn, dass er ihr nicht helfen konnte.«
»Natürlich«, blaffte ich. »Er konnte kaum sprechen.«
Odysseus zuckte mit den Schultern. »Er hat ein weiches Herz, und das ehrt ihn. Vielleicht erleichtert es sein Gewissen, wenn du ihm sagst, dass ich ihn mit Absicht dort platziert habe, wo er stand. Er hätte es in jedem Fall zu spät gesehen.«
Ich verachtete ihn so sehr, dass ich keine Worte fand.
Er beugte sich auf seinem Stuhl vor. »Darf ich dir einen Rat geben? Wenn du ihm ein guter Freund sein möchtest, sorg dafür, dass er sein weiches Herz hinter sich zurücklässt. Er fährt nach Troja, um Männer zu töten, nicht um sie zu retten.« Seine dunklen Augen schlugen mich in ihren Bann. »Er ist eine Waffe, ein Totschläger. Vergiss das nicht. Man kann einen Speer als Wanderstab nutzen, aber das ändert nichts an seiner Natur.«
Mir verschlug es den Atem. Ich fing zu stottern an. »Er ist kein –«
»Doch. Die beste Waffe, die die Götter je geschaffen haben. Und es wird Zeit, dass er sich darüber im Klaren ist. Auch du solltest dir darüber im Klaren sein. Meinetwegen schlag alles, was ich sage, in den Wind, nur das nicht. Ich meine es ernst und ohne böse Absicht.«
Ich kam gegen ihn nicht an. Seine Worte waren wie Stachel, die sich nicht abschütteln ließen.
»Du irrst«, entgegnete ich, machte auf dem Absatz kehrt und lief davon.
Neunzehntes Kapitel
In aller Frühe brachen wir am nächsten Morgen mit der gesamten Flotte auf. Vom Achterschiff aus betrachtet, bot der Strand von Aulis ein wüstes Bild. Man sah nur noch die Latrinengräben und die verkohlten Reste des Scheiterhaufens, auf dem Iphigenies Leichnam verbrannt worden war. Ich hatte Achill mit Odysseus’ Worten geweckt und gesagt, dass er Diomedes nicht rechtzeitig hätte sehen können. Er hörte mir mit stumpfem Ausdruck zu, und obwohl er lange geschlafen hatte, blickte er müde drein. Dann sagte er: »Was ändert das? Sie ist tot.«
Jetzt stand er neben mir an der Reling. Ich versuchte, ihn abzulenken, und deutete auf die Delfine, die uns begleiteten, auf die Regenwolken am Horizont, doch er achtete kaum darauf und schien mir gar nicht zuzuhören. Später sah ich ihn mit düsterem Blick exerzieren und mit dem Schwert gegen Phantome kämpfen.
Jede Nacht liefen wir in einen anderen Hafen ein, denn unsere Boote waren nur für kurze Strecken gebaut. Von den anderen Schiffen sahen wir nur die von Diomedes. Die Flotte hatte sich aufgeteilt, weil die Ufer der einzelnen Inseln nicht genügend Platz boten für die gesamten Streitkräfte. Es war gewiss kein Zufall, dass uns ausgerechnet der König von Argos begleitete. Fürchteten sie etwa, dass wir umkehren könnten? Ich versuchte, ihn zu ignorieren, so gut ich konnte, und zum Glück ließ er uns in Frieden.
Für mich sahen die Inseln alle gleich aus – hoch aufragende, weiß gebleichte Klippen und Kieselstrände, die mit ihren kalkigen Steinen an der Unterseite unserer Ruderboote kratzten. Vereinzelt standen Olivenbäume und Zypressen an den Ufern, dazwischen nur dürres Gesträuch. Achill hatte keinen Sinn dafür. Er hockte über seiner Rüstung und polierte sie, bis sie wie helles Feuer glänzte.
Am siebten Tag erreichten wir Lemnos vor der Meerenge des Hellespont. Sie war flacher als die meisten unserer Inseln, voller Sümpfe und stehender Gewässer, auf denen Lilien wucherten. In der Nähe unseres Lagers fanden Achill und ich einen kleinen See, an dessen Ufer wir uns setzten. Mücken schwirrten über dem Wasser, und aus den Binsen glotzten uns wulstige Augen entgegen. Wir waren nur noch zwei Tagesetappen von Troja entfernt.
»Wie war es, als du diesen Jungen getötet hast?«
Ich blickte auf. Sein Gesicht lag im Schatten, und die Haare fielen ihm über die Augen.
»Wie es war?«, fragte ich.
Er nickte, den Blick aufs Wasser gerichtet, als versuchte er, dessen Tiefe auszuloten.
»Wie hat es ausgesehen?«
»Schwer zu beschreiben.« Ich war auf seine Frage nicht vorbereitet und schloss die Augen, um mich zu erinnern. »Da war viel Blut, viel mehr, als ich es für möglich gehalten hätte. Der Schädel war aufgebrochen, und ein Teil des Gehirns kam zum Vorschein.« Sogar jetzt noch packte mich Ekel. Ich kämpfte dagegen an. »Es hat schrecklich gekracht, als sein Kopf auf den Felsen schlug.«
»Hat er gezuckt? Wie ein Tier, wenn man es absticht?«
»Das weiß ich nicht. Ich bin sofort weggelaufen.«
Er schwieg eine Weile. »Mein Vater hat mir mal gesagt, ich solle mir vorstellen, es seien Tiere. Die Männer, die ich töten muss.«
Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder. Er starrte immer noch auf die Wasseroberfläche.