»Ich glaube, ich bringe es nicht über mich«, sagte er schlicht und geradeheraus, wie es seine Art war.
Odysseus’ Worte drückten mich nieder, und meine Zunge war wie gelähmt. Gut, wollte ich sagen. Doch konnte ich überhaupt mitreden? Durch Krieg unsterblich zu werden war meine Bestimmung nicht.
»Ich muss ständig daran denken«, sagte er leise. »An ihren Tod.« Mir ging es ähnlich. Auch ich sah immer noch das Blut spritzen und das Entsetzen in ihren Augen.
»Du wirst es überwinden«, hörte ich mich sagen. »Sie war jung und unschuldig. Du wirst es mit Männern zu tun haben, die kämpfen, um dich zu töten, wenn du ihnen nicht zuvorkommst.«
Er sah mich an mit festem Blick.
»Aber du wirst nicht kämpfen, nicht einmal dann, wenn man dich angreift. Du verabscheust den Kampf.« Von jedem anderen ausgesprochen, wären diese Worte als Beleidigung zu verstehen gewesen.
»Ich habe deine Fähigkeiten nicht«, entgegnete ich.
»Das ist, glaube ich, nicht der einzige Grund.«
Seine Augen waren so grün und braun wie der Wald, und trotz des schwachen Lichts sah ich Gold darin schimmern.
»Mag sein«, erwiderte ich schließlich.
»Wirst du mir verzeihen?«
Ich ergriff seine Hand. »Es gibt nichts zu verzeihen. Du kannst mich nicht verletzen«, sagte ich aus tiefster Überzeugung.
Plötzlich riss er sich von mir los und langte so schnell, dass meine Augen nicht folgen konnten, mit der Hand nach vorn zu den Füßen. Als er sich aufrichtete, baumelte etwas von seinen Fingern herab, das wie ein nasses Seilstück aussah. Ich traute meinen Augen nicht.
»Hydros«, sagte Achill. Die Wasserschlange war dunkelgrau und hatte einen flachen Kopf, der schlaff zur Seite hinunterhing. Der Körper zitterte noch ein wenig, sterbend.
Mir wurde flau. Cheiron hatte uns alles über diese Tiere erzählt, welche Farbe sie haben, wo sie leben und wie sie sich verhalten. Graubraun, am Wasser. Leicht reizbar und tödlich, wenn sie beißen.
»Ich habe sie nicht gesehen«, stammelte ich. Er hatte ihr den Hals gebrochen und schleuderte sie ins Schilf.
»Ist nicht schlimm«, entgegnete er. »Ich habe sie gesehen.«
Es schien ihm danach ein wenig besser zu gehen. Er schritt nicht mehr ruhelos und mit finsterem Blick an Deck auf und ab. Ich wusste aber, dass er nach wie vor an Iphigenie dachte. An uns beide. Meist sah ich ihn mit einem seiner Speere in der Hand, den er immer wieder in die Luft warf und auffing.
Allmählich setzte sich die Flotte wieder zusammen. Manche Verbände hatten den weiten Weg an der Südküste von Lesbos vorbei genommen, andere die direkte Route. Letztere warteten auf uns vor Sigeum im Nordwesten Trojas. Wiederum andere folgten wie wir selbst der thrakischen Küste. Wieder vereint, sammelten wir uns bei Tenedos, einer Troja vorgelagerten Insel. Mit Rufen von Schiff zu Schiff verständigten wir uns über Agamemnons Plan: Die Könige sollten die erste Schlachtreihe bilden, deren Verbände im Rückraum ausschwärmen. Die Manöver gerieten zum heillosen Durcheinander. Es gab mehrere Kollisionen, und so manches Ruder ging zu Bruch.
Als schließlich die Reihen geschlossen waren, lag unser Schiff zwischen denen von Diomedes auf der linken und Meriones auf der rechten Seite. Trommeln fingen zu schlagen an und gaben den Ruderknechten den Takt vor. Agamemnon hatte den Befehl gegeben, langsam und geschlossen vorzurücken, Schlag für Schlag. Unsere Könige aber taten sich schwer damit, dem Kommando eines anderen zu folgen, denn jeder war bestrebt, als Erster Troja zu erreichen. Schweiß strömte von den Gesichtern der Ruderer, die von ihren Antreibern gepeitscht wurden.
Wir standen mit Phoinix und Automedon im Bug und sahen die Küste näher rücken. Achill schleuderte wieder seinen Speer in die Luft und fing ihn klatschend mit der Hand auf, so rhythmisch und gleichmäßig, dass die Männer an den Riemen seinen Takt aufnahmen.
Allmählich konnten wir Einzelheiten des Landes unterscheiden. Über verschwommenen Flächen aus Grün und Braun erhoben sich Bäume und Berge. Wir zogen an Diomedes vorbei und waren eine Bootslänge vor Meriones.
»Da sind Menschen am Strand«, sagte Achill und blinzelte angestrengt nach vorn. »Mit Waffen.«
Bevor ich etwas sagen konnte, erschallte eine Fanfare, weitere Signale ertönten. Der Wind trug ferne Stimmen herbei. Wir hatten gehofft, die Trojaner überraschen zu können, doch nun schien es, dass sie uns erwarteten.
Die Ruderknechte verlangsamten ihren Schlag. Die Männer am Strand waren offenbar Soldaten, in dunkles Rot gewandet, der Farbe des Hauses Priamos. Ein Streitwagen flog an ihren Reihen vorbei und ließ Sand aufwirbeln. Der Wagenlenker trug einen Helm, der von einem Büschel Pferdehaaren gekrönt wurde, und selbst aus der Entfernung war zu erkennen, dass er von kräftiger Statur war, groß, ja, jedoch nicht so groß wie Ajax oder Menelaos. Was ihn so mächtig erscheinen ließ, war seine Haltung, die gestrafften Schultern und der pfeilgerade aufgerichtete Rücken. Das war kein von Müßiggang und Ausschweifungen verweichlichter Prinz, auch wenn wir unseren Feind aus dem Osten so sehen wollten, sondern ein Mann, der sich bewegte, als schauten ihm die Götter dabei zu. Jede seiner Gebärden sprach von Stolz und Geradlinigkeit. Es konnte nur Hektor sein.
Er sprang von seinem Wagen und sprach mit lauter Stimme zu seinen Männern. Speere wurden in die Höhe gehoben, Pfeile auf Bogensehnen gelegt. Noch würden uns ihre Geschosse nicht erreichen können, doch die Strömung trieb uns näher, obwohl die Ruderer dagegen anzugehen versuchten. In unseren Reihen machte sich Verwirrung breit, da von Agamemnon keine Order kam.
»Wir sind fast in Reichweite ihrer Pfeile«, sagte Achill. Er wirkte ruhig und gelassen, während die Männer um uns herum in Panik gerieten und ziellos an Bord umherrannten.
Ich starrte auf die Küste, auf die wir unaufhaltsam zutrieben. Hektor war weitergezogen, zu einer anderen Abteilung seines Heeres. Aber jetzt zeigte sich ein anderer Mann vor uns, in Lederrüstung und mit einem Helm, der bis auf den Bart das ganze Gesicht verhüllte. Er spannte seinen Bogen und zielte auf die treibenden Schiffe. Seine Waffe war weniger groß als die von Philoktetes, würde aber weit genug reichen. Er visierte sein Ziel an, fest entschlossen, seinen ersten Griechen zu töten.
Doch dazu kam er nicht. Ich hörte ein Schwirren in der Luft und sah, als ich mich umschaute, Achills ausgestreckten Wurfarm. Sein Speer hatte die Hand verlassen und flog über das Wasser, das uns vom Ufer trennte. Es konnte eigentlich nur eine Drohung sein, denn einen Speer so weit zu schleudern schaffte niemand. Er würde sein Ziel nicht treffen.
Und doch traf er es. Die schwarze Spitze bohrte sich durch die Brust des Bogenschützen und warf ihn zurück. Sein Pfeil, im Schreck losgelassen, zischte hoch hinaus in die Luft. Der Mann stürzte in den Sand und stand nicht mehr auf.
Von den Schiffen neben uns schallten Jubelrufe und Hornsignale. Die Nachricht verbreitete sich von Deck zu Deck: der gottgleiche Prinz von Phthia hatte den ersten Gegner zu Fall gebracht.
Achill rührte keine Miene. Dass er gerade ein Wunder bewirkt hatte, war ihm nicht anzusehen. Die Trojaner am Ufer schwenkten ihre Waffen und stießen derbe Flüche aus. Ein paar wenige kauerten neben dem Gefallenen. Hinter mir hörte ich, wie Phoinix unserem Wagenlenker Automedon etwas zuflüsterte, worauf dieser davonlief und wenig später mit einer Handvoll Speere zurückkehrte. Achill nahm einen davon, holte aus und warf. Diesmal beobachtete ich ihn dabei, sah den Schwung seines Arms und das erhobene Kinn. Im Unterschied zu anderen schien er es nicht nötig zu haben, lange zu zielen. Es war, als lenkte er den Flug des Speeres mit den Augen. Am Strand ging ein weiterer Mann zu Boden.
Wir waren bis auf Schussweite herangekommen. Schwärme von Pfeilen schwirrten hin und her. Viele landeten im Wasser, andere schlugen in Masten und Schiffsrümpfen ein. Manche Männer fielen schreiend auf die Planken. Achill ließ sich von Automedon einen Schild geben. »Bleib hinter mir«, sagte er. Ich gehorchte. Vom Schild abgeschirmt, griff er zu einem weiteren Speer.