»Tut mir leid«, sagte ich und bat ihn, mir zu erzählen, wie es gewesen war. Schließlich teilten wir doch auch sonst alles miteinander. Er berichtete, wie sein erster Speer beide Wangen eines Mannes durchbohrt hatte, wie das zweite Opfer, in der Brust getroffen, gefallen war und Achill den Speer vergeblich zu bergen versucht hatte, weil sich die Widerhaken zwischen den Rippen verfangen hatten. Ein schrecklicher Gestank, so erzählte er, habe sich im ganzen Dorf verbreitet und Myriaden von Fliegen angelockt.
Ich hörte ihm aufmerksam zu und versuchte, seine Ausführungen als Teil einer Geschichte aufzufassen, die in Wirklichkeit nicht stattgefunden hatte, sondern nur jene dunklen Gestalten und Geschehnisse schilderte, die auf unseren griechischen Vasen abgebildet waren.
Agamemnon postierte Wachen, die Troja zu jeder Stunde eines jeden Tages im Auge behielten. Wir warteten auf einen Angriff, eine Demonstration von Stärke oder die Entsendung eines Vermittlers. Aber die Stadttore blieben geschlossen, und so setzten unsere Truppen ihre Raubzüge in die umliegenden Ortschaften fort. Ich gewöhnte mir an, tagsüber zu schlafen, um wach zu sein, wenn Achill zurückkehrte, denn er wollte immer mit mir reden, in aller Ausführlichkeit. Und ich wollte ihm zuhören und die geschilderten Schreckensbilder kommentarlos auf jene imaginäre Vase malen, um ihn und mich davon zu befreien.
Einundzwanzigstes Kapitel
Auf die Überfälle der umliegenden Dörfer folgte dem Brauch nach die Verteilung von Kriegsbeute. Jeder Kämpfer durfte behalten, was er selbst gewonnen hatte – Rüstzeug seiner Opfer oder Schmuck, vom Hals einer Witwe gerissen. Alles andere, so etwa Krüge, Teppiche oder Vasen, wurde auf einem Haufen zusammengetragen und verteilt.
Es war weniger der Wert der einzelnen Gegenstände als vielmehr die mit ihrer Vergabe zum Ausdruck gebrachte Ehre, auf die es ankam. Der jeweilige Anteil an der Beute entsprach der Stellung und dem Rang des Beschenkten. Die erste Zuwendung ging in der Regel an den besten Kämpfer, doch hier stellte sich Agamemnon vor Achill. Es verblüffte mich, dass Achill nur mit den Achseln zuckte. »Jeder weiß, dass ich besser bin, und Agamemnon tut sich selbst damit keinen Gefallen.« Die Menge gab ihm recht, denn sie jubelte ihm zu und nicht dem König, als sie ihre Beute einstrichen. Letzterem zollten nur die Mykener Beifall.
Nach Achill kamen Ajax, Diomedes und Menelaos, dann Odysseus und einige andere, so dass schließlich für die Letzten nur ein paar alte hölzerne Helme und angeschlagene Becher übrig blieben. Hatte aber an einem Tag einer der Fußsoldaten Besonderes geleistet, wurde ihm ein Preis übergeben, bevor er an der Reihe war. Und so waren auch die Letzten nicht ohne Hoffnung für die kommenden Tage.
In der dritten Woche stand auf dem Podest, auf das die Beute gehäuft war, ein Mädchen mit gefesselten Händen inmitten von Schwertern, gewebten Teppichen und goldenen Geräten. Sie hatte dunkelbraune Haut und pechschwarze Haare, und dass ihr Gesicht, offenbar von Fausthieben traktiert, geschwollen war, tat ihrer Schönheit keinen Abbruch. Die dunkel unterlaufenen Augen sahen im Dämmerlicht aus wie mit ägyptischer Schminke bemalt. Ihr Kleid war an der Schulter zerrissen und blutbefleckt.
Um das Mädchen scharten sich lüsterne Männer, denn sie wussten, was nun anstand. Agamemnon würde ihnen die Erlaubnis geben, Frauen gefangen zu nehmen, damit sie ihnen die Waffen trugen und als Bettsklavinnen dienten. Bislang hatte man sich an den Frauen des Feindes auf dem Feld und in deren Hütten vergangen. Eine Sklavin im eigenen Zelt zu haben war sehr viel bequemer.
Agamemnon bestieg das Podest und taxierte das Mädchen mit genüsslichem Schmunzeln. Er war bekannt für seinen unstillbaren Appetit – wie übrigens alle Männer aus dem Hause Atreus’. Ich weiß nicht, was über mich kam, jedenfalls ergriff ich Achill beim Arm und flüsterte ihm ins Ohr.
»Nimm du sie.«
Er schaute mich mit großen Augen an.
»Nimm du sie als deinen Preis. Bevor sie Agamemnon in die Hände fällt. Bitte.«
Er zögerte nicht lange.
»Männer von Griechenland«, sagte er und trat vor das Podest. Er trug noch seine Rüstung, die auch an diesem Tag voller Blut war. »Großer König von Mykene.«
Agamemnon wandte sich ihm zu und zog die Stirn in Falten. »Pelides?«
»Gib mir das Mädchen als meinen Preis.«
Odysseus, der hinter dem Podest stand, hob eine Braue. Ein Raunen ging durch die Menge der Soldaten. Achills Wunsch war ungewöhnlich, aber nicht unangebracht. In jedem anderen Heer hätte es ihm wie selbstverständlich zugestanden, sich als Erster zu bedienen. Agamemnon schien irritiert. Ich sah, wie es in seinem Kopf arbeitete. Er konnte Achill nicht leiden, befand aber wohl, dass es sich für ihn nicht lohnte, kleinlich zu erscheinen. Das Mädchen war zwar wunderschön, aber es gab ja noch andere.
»Du sollst sie haben, Prinz von Phthia. Sie gehört dir.«
Die Menge jubelte. Den Männern gefiel es, wenn ihre Anführer großzügig und ihre Helden so kühn wie tapfer waren.
Das Mädchen hatte den Wortwechsel mit wachen Sinnen verfolgt. Als ihr klar war, dass sie mit uns kommen sollte, schluckte sie und betrachtete Achill mit verstohlenen Blicken.
»Ich lasse meine Männer hier, damit sie den Rest meines Anteils entgegennehmen. Das Mädchen kommt mit mir, sofort.«
Es wurde laut gelacht und auf den Fingern gepfiffen. Das Mädchen fing zu zittern an wie ein Kaninchen, über dem ein Falke kreiste. »Komm«, sagte Achill. Wir drehten uns um und gingen. Das Mädchen folgte mit gesenktem Kopf.
Als wir in unserem Lager ankamen, zog Achill plötzlich sein Messer. Das Mädchen zuckte vor Schreck zusammen. Tatsächlich gab er ein furchterregendes Bild ab in seinen blutbefleckten Kleidern, und es war ihr Dorf, das er und die anderen geplündert hatten.
»Lass mich«, sagte ich und nahm ihm das Messer aus der Hand. Verlegen wich er einen Schritt zurück.
»Ich werde dich von den Fesseln befreien«, erklärte ich dem Mädchen.
Von nahem schaute ich ihr in die dunklen Augen, die auf die Klinge in meiner Hand gerichtet waren und mich an ein gehetztes Tier erinnerten.
»Nein, nein«, versuchte ich sie zu beruhigen. »Wir werden dir nicht wehtun. Im Gegenteil, ich befreie dich.«
Der Schrecken war ihr ins Gesicht geschrieben. Sie verstand offenbar nicht, was ich sagte. Als einfaches Bauernmädchen, das sie war, hatte sie wahrscheinlich noch nie ein griechisches Wort gehört. Ich trat auf sie zu und legte ihr eine Hand auf den Arm, worauf sie zusammenzuckte, als fürchtete sie, geschlagen zu werden. Ich sah die Angst vor Missbrauch und Schlimmerem in ihren Augen.
Ihr Anblick war mir unerträglich. Ich wollte sie beruhigen und wusste keinen anderen Rat, als zu Achill zu gehen, ihn am Kragen seines Hemdes an mich zu ziehen und auf den Mund zu küssen.
Als ich mich von ihm löste, sah ich, dass sie uns anstarrte.
Ich deutete auf ihre Fesseln und dann auf das Messer. »In Ordnung?«
Sie zögerte einen Moment und streckte mir dann langsam ihre Hände entgegen.
Achill suchte Phoinix auf mit der Bitte, ein zweites Zelt zu beschaffen. Ich ging mit ihr auf den Hügel, ließ sie im Gras Platz nehmen und verarztete ihr geschwollenes Gesicht. Mit niedergeschlagenen Augen ließ sie die Behandlung über sich ergehen. Dann zeigte ich auf ihr Schienbein, auf dem eine lange Schnittwunde klaffte.
»Darf ich mal sehen?«, fragte ich und übersetzte, was ich sagte, in Gebärden. Sie antwortete nicht, ließ aber geschehen, dass ich die Wunde säuberte und einen Verband anlegte. Sie beobachtete jede meiner Handbewegungen, ohne mir auch nur ein einziges Mal in die Augen zu sehen.
Danach führte ich sie in das neu aufgebaute Zelt. Sie erschrak, als ich den Einstieg aufschlug und auf das zeigte, was für sie bereitgestellt worden war: etwas zu essen, ein Krug Wasser und frische Kleider. Zögernd trat sie ein und schaute sich verwundert um. Ich ließ sie allein.