Am nächsten Tag zog Achill wieder mit seinen Truppen los. Ich schlenderte durchs Lager, sammelte Treibholz und kühlte meine Füße in der Brandung. Immer wieder schaute ich zurück auf das neue Zelt. Das Mädchen hatte sich noch nicht herausgewagt. Der Einstieg war verschlossen wie die Tore Trojas.
Endlich, es war schon gegen Mittag, sah ich sie. Sie beobachtete mich, halb versteckt hinter der Zeltplane. Als sie sah, dass ich sie bemerkt hatte, zog sie sich eilig wieder zurück.
»Warte!«, rief ich.
Sie trug eine meiner Tuniken, die ihr bis zu den Knöcheln reichte und sie wie ein Kind aussehen ließ. Wie alt war sie? Nicht einmal das wusste ich von ihr.
Ich trat auf sie zu. »Hallo.« Sie starrte mich aus ihren großen Augen an. Die Haare waren zurückgekämmt und entblößten ihre zarten Wangenknochen. Sie war sehr hübsch.
»Hast du gut geschlafen?« Ich weiß selbst nicht, warum ich immer wieder mit ihr zu reden versuchte. Vielleicht hoffte ich, sie damit trösten zu können. Cheiron hatte einmal gesagt, dass Säuglinge, auch wenn sie kein Wort verstehen konnten, sich durch gutes Zureden beruhigen ließen.
»Patroklos«, sagte ich und zeigte auf mich. Sie warf mir einen flüchtigen Blick zu und schaute wieder zu Boden.
»Pa-tro-klos«, wiederholte ich langsam. Sie schwieg, rührte sich nicht und hielt mit klammernden Fingern den Saum des Einstiegs gepackt. Ich machte ihr Angst und schämte mich dafür.
»Keine Sorge, ich lasse dich in Ruhe«, sagte ich und wandte mich ab.
Sie murmelte etwas. Ich blieb stehen.
»Wie bitte?«
»Brisëis«, wiederholte sie und zeigte auf sich.
So lernten wir uns kennen.
Es stellte sich heraus, dass sie ein wenig Griechisch sprach, ein paar Worte, beigebracht von ihrem Vater, als er hörte, dass die Griechen kommen würden. Gnade war eines. Ja und Bitte und Was wollt ihr? Anscheinend hatte er sie auf ihre Versklavung vorbereiten wollen.
Tagsüber waren wir in unserem Lager fast ungestört. Häufig saßen wir am Strand und versuchten, uns zu verständigen. Bald konnte ich ihrer Miene und den ausdrucksvollen Augen ablesen, was ihr durch den Kopf ging. Wenn sie lächelte, hielt sie die Hand vor den Mund. Viel hatten wir uns in den ersten Tagen nicht zu sagen, aber das war uns auch nicht wichtig. Es reichte uns, nebeneinanderzusitzen und die Wellen über die Füße schwappen zu lassen. Ein wenig erinnerte mich Brisëis an meine Mutter, wenngleich ihre Augen viel klarer und aufgeweckter waren.
An manchen Nachmittagen streiften wir durchs Lager. Dann machte ich sie auf Dinge aufmerksam und brachte ihr bei, wie sie in unserer Sprache hießen. So lernte sie Wort für Wort, und bald mussten wir uns nur noch gelegentlich mit Gebärden behelfen, die wir aber inzwischen so gut beherrschten, dass es kaum noch Missverständnisse gab. Wenn ich sie zum Beispiel bat, für uns zu kochen, übersetzte sie meinen Wunsch so gestenreich, dass ich das Essen beinahe riechen konnte. Immer wieder musste ich über ihre Einfälle laut lachen, was sie zum Schmunzeln brachte.
Die Überfälle wurden unvermindert fortgesetzt. Tagtäglich bestieg Agamemnon das Podest, auf dem sich die Beute häufte. »Ansonsten gibt es nichts Neues«, sagte er dann. Nichts Neues bedeutete, dass die Stadt weder Truppen in Stellung gebracht noch irgendwelche Botschaften an uns gerichtet hatte. Sie hatte sich trotzig verbarrikadiert und ließ uns warten.
Unsere Männer trösteten sich auf ihre Weise. Fast jeden Tag stand ein anderes Mädchen auf dem Podest. Es waren allesamt Bauernmädchen mit schwieligen Händen und sonnenverbrannten Nasen von der Feldarbeit. Agamemnon und die anderen Könige bedienten sich. Man sah die Frauen jetzt überall zwischen den Zelten Wasserkübel schleppen oder mit anderen Dingen beschäftigt, nach wie vor in den Kleidern, in denen man sie gefangen genommen hatte und die entsprechend abgetragen waren. Sie servierten Früchte, Käse und Oliven, bereiteten Fleisch zu und schenkten Wein aus. Sie polierten Metallspangen und klemmten, im Sand sitzend, das Rüstzeug zwischen die Beine. Manche webten sogar und spannen Fäden aus der Wolle von Tieren, die wir auf unseren Raubzügen erbeutet hatten.
Nachts dienten sie auf andere Art. Es war schrecklich für mich, an allen Ecken und Enden des Lagers ihre Schreie gellen zu hören. Ich versuchte, die Gedanken an ihre niedergebrannten Dörfer und toten Väter zu verdrängen, was mir aber kaum gelang. Die Schrecken waren den Mädchen ins Gesicht geschrieben und entstellten sie vielleicht noch mehr als die Faustschläge, mit denen sie traktiert worden waren.
Ich konnte den Anblick kaum ertragen, wenn sie auf das Podest gezerrt und feilgeboten wurden. Ich bat Achill, so viele von ihnen wie möglich für sich zu gewinnen, was ihm den Ruf eintrug, unersättlich zu sein. »Ich wusste gar nicht, dass du auf Mädchen scharf bist«, frotzelte Diomedes.
Brisëis kümmerte sich um jedes neue Mädchen und sprach ihnen in ihrer sanft klingenden Mundart Trost zu. Sie sorgte dafür, dass sie baden konnten, gab ihnen neue Kleider und machte sie mit den anderen bekannt. Wir ließen ein weiteres, größeres Zelt errichten, in dem alle – acht, zehn, elf – Mädchen Platz fanden. Nur Phoinix und ich sprachen mit ihnen; Achill hielt sich fern. Er wusste, dass sie ihn ihre Brüder, Liebhaber und Väter hatte töten sehen. Und das war unverzeihlich.
Mit der Zeit verloren sie ihre Angst. Sie spannen, unterhielten sich in ihrer Sprache und brachten einander die Wörter bei, die sie von uns aufgeschnappt hatten, nützliche Wörter wie Käse, Wasser oder Wolle. Sie lernten nicht so schnell wie Brisëis, gaben sich aber redlich Mühe, so dass sie bald mit uns reden konnten.
Auf Brisëis’ Bitte hin gab ich den Mädchen tagtäglich Unterricht, was sich schwieriger gestaltete als angenommen. Sie beäugten mich voller Argwohn und wussten nicht, was sie von mir halten sollten. Wieder war es Brisëis, die ihnen ihre Angst nahm und beim Lernen half, indem sie einzelne Wörter und Gesten erklärte. Ihr Griechisch war inzwischen so gut, dass ich sie beim Unterricht zurate ziehen konnte. Außerdem war sie die bessere Lehrerin, und viel lustiger. Wenn sie mit ihren Gebärden eine Eidechse mit schläfrigen Augen nachahmte oder zwei kämpfende Hunde, konnten wir uns vor Lachen nicht halten. Es machte mir Spaß, mit den Mädchen zusammen zu sein, und die Zeit verging wie im Flug, bis ich Achill auf seinem Wagen ins Lager zurückkehren hörte und nach draußen eilte, um ihn zu begrüßen.
In solchen Momenten fiel es mir noch einigermaßen leicht, zu vergessen, dass der eigentliche Krieg erst beginnen sollte.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Die Überfälle waren zwar erfolgreich, aber eben nur Überfälle, die Opfer ausschließlich Bauern und Händler aus den Dörfern des Umlands, die die mächtige Stadt mit Lebensmitteln belieferten. Während der Ratsversammlungen machte Agamemnon einen zunehmend verbissenen Eindruck, und die Männer wurden ungeduldig. Wann käme es endlich zum versprochenen Kampf?
Bald, antwortete Odysseus mit Blick auf die vielen Menschen, die in Troja Zuflucht suchten. Die Stadt musste inzwischen aus allen Nähten platzen, voll von Auffanglagern und hungrigen Familien. Es sei nur eine Frage der Zeit, sagte er uns.
Wie durch seine Vorhersage heraufbeschworen, flatterte schon am nächsten Morgen eine Fahne über den Stadtmauern, die Verhandlungsbereitschaft signalisierte. Unsere Wachposten eilten über den Strand mit der Meldung, dass König Priamos bereit sei, eine Gesandtschaft zu empfangen.
Unsere Männer gerieten in helle Aufregung. Jetzt würde endlich etwas geschehen, so oder so. Entweder würde Helena ohne weiteres Blutvergießen an uns ausgeliefert oder es käme zur offenen Schlacht um sie.