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Es krachte neben mir. Ich schreckte auf und sah Ajax, der seinen gewaltigen Schild wie eine Keule schwang und auf Gesichter und Leiber damit eindrosch. Hinter ihm fuhr ein trojanischer Streitwagen auf knarrenden Rädern vorbei, darauf ein junger Mann, der wie ein Hund die Zähne fletschte. Odysseus rannte hinterher, um die Pferde abzufangen. Der sterbende Spartaner klammerte sich mit beiden Händen an mir fest. Zu meiner dumpfen Erleichterung erschlaffte er schließlich. Mit zitternden Fingern schloss ich ihm die gebrochenen Augen.

Schwindelnd richtete ich mich auf. Mir war, als stünde ich im Gewoge einer vom Sturm aufgewühlten See. Mein Blickfeld blieb seltsam verschwommen, da war zu viel Bewegung und blitzendes Sonnenlicht, das von Rüstzeug und Waffen widergespiegelt wurde.

Wie aus dem Nichts tauchte Achill neben mir auf. Er war voller Blut und außer Atem, sein Gesicht gerötet und sein Speer am Griff rot verschmiert. Er grinste mir zu, drehte sich um und sprang in einen Haufen von Trojanern. Das Feld war übersät von Leichen, Teilen von Rüstungen, Waffen und Wagenrädern, doch er strauchelte nicht, kein einziges Mal, während alles andere um ihn herum zu Boden ging, wie ausgerutscht auf glitschigen Schiffsplanken.

Ich tötete niemanden, versuchte es nicht einmal, und nach stundenlangem, ekelerregendem Gemetzel konnte ich kaum noch den Speer in der Hand halten, auf den ich mich häufiger stützte, als dass ich mit ihm gedroht hätte. Der Helm saß mir wie ein Felsklotz auf dem Kopf und quetschte meine Ohren.

Ich hatte den Eindruck, etliche Kilometer gerannt zu sein, doch als ich zu Boden blickte, sah ich, dass ich auf der Stelle trat und einen Kreis trockenen Grases niedergestampft hatte. Der andauernde Schrecken hatte mich ausgelaugt, und mir war zumute wie inmitten einer seltsamen Leere, die niemand anderen als mich in sich aufnahm. Angst empfand ich längst nicht mehr.

In meiner Benommenheit wurde mir irgendwann bewusst, dass ich den Umstand, noch am Leben zu sein, einzig und allein Achill verdankte. Er hatte mich ständig im Blick und schien mit übernatürlichen Sinnen auf der Hut zu sein, war jedes Mal rechtzeitig zur Stelle, wenn ein Gegner, verwundert, welch einfaches Ziel ich darstellte, auf mich ansetzte. Bevor dieser ein weiteres Mal Luft holen konnte, hatte er ihn bereits niedergestreckt.

Er war ein leibhaftiges Wunder. Kaum hatte er einer der Leichen am Boden den Speer aus dem Leib gezogen, schleuderte er ihn mit unfehlbarer Treffsicherheit seinem nächsten Opfer entgegen. Immer wieder sah ich sein Handgelenk rotieren, die tödliche Eleganz all seiner Bewegungen, mit denen er einen Gegner nach dem anderen zu Fall brachte. Staunend ließ ich meinen Speer irgendwann fallen. Für das grauenvolle Sterben, die zerschmetterten Schädel und Knochen und das Blut, das ich mir später von Haut und Haaren abwaschen sollte, hatte ich keine Augen mehr. Ich sah nur seine Schönheit und seine tanzende Kraft.

Als es endlich Abend wurde, schleppten wir uns wie auch die Gefallenen und Verwundeten zu unseren Zelten zurück. Ein guter Tag, sagten unsere Könige und klopften einander auf die Schultern. Ein vielversprechender Beginn. Daran sollte am nächsten Tag angeknüpft werden.

Und so ging es weiter, Tag für Tag, Woche für Woche. Aus einem Monat wurden zwei.

Es war ein sonderbarer Krieg. Ohne Landgewinn, ohne Gefangene. Allein um Ehre wurde gekämpft, Mann gegen Mann. Mit der Zeit entwickelte sich auf beiden Seiten ein erkennbarer Rhythmus. An sieben von zehn Tagen wurde gekämpft, die restliche Zeit blieb festlichen Riten und Begräbnissen vorbehalten. Es gab keine Überfälle mehr, keine Überraschungsangriffe. Die Anführer, einst voller Hoffnung auf einen schnellen Sieg, hatten sich damit abgefunden, über längere Zeit an diesen Krieg gebunden zu sein. Beide Lager waren gleich stark und blieben es, so zermürbend die tagtäglichen Schlachten für die Trojaner auch sein mochten, denn aus den Tiefen Anatoliens strömten unablässig Kämpfer herbei, die sich einen Namen machen wollten. Unsere Männer waren nicht die Einzigen, die nach Ruhm und Ehre gierten.

Achill schien aufzublühen. Es drängte ihn zum Kampf, und er strahlte vor Glück, wenn er kämpfte. Nicht das Töten selbst war es, an dem er Gefallen fand, zumal er wusste, dass ihm kein Mann gewachsen war. Auch nicht zwei oder drei Männer. Ebenso wenig bereitete ihm das Gemetzel Freude – wenn es ihm darum gegangen wäre, hätte er mehr als doppelt so viele Gegner niederstrecken können. Er liebte es jedoch, wenn ein ganzer Haufen auf ihn zustürmte und zwanzig Schwerter auf ihn gerichtet waren. Dann war er in seinem Element, dann konnte er wahrhaft kämpfen. Er weidete sich an seiner eigenen Kraft wie ein Rennpferd, das, allzu lange angepflockt, endlich laufen konnte. Fiebernd und doch voller Anmut schlug er sich mit zehn, fünfzehn, zwanzig Männern. Das ist endlich das, was ich wirklich kann.

Ich musste ihn nicht so häufig begleiten, wie anfangs befürchtet. Je länger sich der Krieg hinzog, desto weniger wichtig erschien es, dass ausnahmslos jeder mitkämpfte. Ich war weder ein Prinz, dessen Ehre auf dem Spiel stand, noch ein einfacher, zum Gehorsam verpflichteter Soldat oder gar ein Held, auf den nicht verzichtet werden konnte. Ich war ein verbannter Außenseiter ohne Rang und Namen. Wenn Achill entschied, dass ich zurückblieb, hatte niemand Einspruch anzumelden.

Ich kämpfte immer seltener, bis ich schließlich nur noch einmal in der Woche mit ins Feld zog, und das auch nur dann, wenn mich Achill fragte. Was selten der Fall war. Ihm war es recht, für sich allein zu kämpfen. Manchmal aber wünschte er sich meine Begleitung und bat mich mitzugehen, damit ich ihm zur Hand gehen konnte, wenn das von Schweiß und Blut steif gewordene Lederzeug neu zu richten war. Oder damit ich Zeuge seines Wunderwirkens sein konnte.

Als ich ihm wieder einmal beim Kämpfen zusah, fiel mir auf, dass es einen Platz ganz in seiner Nähe gab, der nie von einem seiner Gegner eingenommen wurde. Je länger ich darauf starrte, desto heller wurde dieser Fleck, und schließlich offenbarte sich mir das Geheimnis. Es war eine Frau, weiß wie der Tod und größer als die Männer ringsum. Obwohl eine Unmenge Blut spritzte, fiel kein einziger Tropfen auf ihr hellgraues Gewand. Es schien, als würde sie über dem Boden schweben. Nicht, dass sie ihrem Sohn half; das brauchte sie nicht. Sie sah ihm nur zu, wie ich es tat, mit ihren großen schwarzen Augen. Ihrer Miene war nicht abzulesen, ob sie Freude, Trauer oder überhaupt etwas empfand.

Das änderte sich jedoch sofort, wenn sie sich umdrehte und mich sah. Dann zeigte sich unverhohlene Abscheu in ihrem Gesicht. Sie zischte dann wie eine Schlange und verschwand.

An Achills Seite fühlte ich mich sicher. Es war mir nunmehr möglich, andere Soldaten in Gänze wahrzunehmen, nicht nur Körperteile, klaffende Wunden und Bronze. Von ihm geschützt, wagte ich es sogar, die Schlachtreihen entlangzugehen und andere Könige aufzusuchen. Uns am nächsten war Agamemnon, der immer von seinen gut geordneten Mykenern umgeben wurde und aus dieser Sicherheit heraus Kommandos brüllte und Speere schleuderte. Darin war er Meister, was er auch sein musste, um seinem Trupp den Rücken zu stärken.

Im Unterschied zu ihm kannte Diomedes offenbar keine Furcht. Er kämpfte wie ein wildes Tier. Sein Gesicht war wutverzerrt, wenn er zuschlug und seine Opfer regelrecht zerfetzte, über die er sich dann wie ein Wolf hermachte, um sie auszuplündern und jedes Stück Gold und Bronze, dessen er habhaft werden konnte, auf seinen Streitwagen zu werfen, bevor er weiterzog.

Odysseus trug einen leichten Schild, duckte sich beim Angriff wie ein Bär und hielt seinen Speer tief abgesenkt. Mit scharfem Blick fasste er den Gegner ins Auge und schien jedes Mal vorauszusehen, wann und wie der Angriff auf ihn geführt wurde, den er dann geschickt abwehren konnte, um gleich darauf vorzustoßen und sein Opfer aufzuspießen wie einen Fisch. Am Ende eines Tages war seine Rüstung stets von Blut durchtränkt.