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Wenn wir später allein waren, wiederholte Achill singend Zeilen aus diesen Geschichten, spielte die Leier dazu und bewies damit, wie gut sich diese Erzählungen als Lieder eigneten. Und ich fühlte mich erleichtert, denn er verstand offenbar, warum ich meine Tage mit Brisëis verbrachte und mir das Warten auf ihn so verkürzte. Sie gehörte inzwischen fest zu unserem Kreis, war ein Mitglied unserer Familie.

Es war während einer dieser Nächte, als Achill sie fragte, was sie über Hektor wusste.

Sie hatte sich, den Kopf auf die Hände gebettet, zurückgelegt und erschrak ein wenig, als sie seine Stimme hörte. Er sprach sie nur selten an, und auch sie richtete nie direkt das Wort an ihn; das, was ihrem Dorf widerfahren war, konnte nicht so einfach verziehen werden.

»Ich weiß nicht viel über ihn«, antwortete sie. »Er oder irgendein anderer aus Priamos’ Familie ist mir nie zu Gesicht gekommen.«

»Aber du hast bestimmt von ihm gehört.« Auch Achill hatte sich aufgerichtet.

»Ein wenig. Ich weiß mehr über seine Frau.«

»Lass hören.«

Sie räusperte sich wie jedes Mal, wenn sie eine Geschichte zu erzählen begann. »Sie heißt Andromache und ist die einzige Tochter von Eëtion, dem König über Kilikien. Es heißt, dass Hektor sie über alle Maßen liebt.

Er begegnete ihr zum ersten Mal, als er von ihrem Vater Tribut einforderte. Sie hieß ihn willkommen und unterhielt ihn während eines Festmahls. Noch am selben Abend hielt Hektor beim König um ihre Hand an.«

»Sie muss sehr schön sein.«

»Ja, aber es heißt, dass Hektor eine noch viel schönere Frau hätte wählen können. Sie ist bekannt für ihr sanftes, freundliches Wesen, und das Volk liebt sie, denn sie schenkt ihm Kleider und Nahrung. Sie war schwanger, aber ich weiß nicht, was aus dem Kind geworden ist.«

»Wo liegt Kilikien?«, fragte ich.

»Im Süden, an der Küste. Nicht weit von hier.«

»In der Nähe von Lesbos«, präzisierte Achill. Brisëis nickte.

Als wir wieder allein waren, sagte er: »Wir sind über Kilikien hergefallen. Wusstest du das nicht?«

»Nein.«

Er nickte. »Ich erinnere mich an diesen Eëtion. Er hatte acht Söhne. Sie haben sich tapfer gewehrt.«

Sein Schweigen verriet, was er nicht sagen mochte.

»Du hast sie getötet.« Eine ganze Familie, dahingeschlachtet.

Er sah mir an, was ich dachte, obwohl ich es zu verbergen versuchte.

»Ja.«

Mir war klar, dass er tagtäglich Männer erschlug, denn er kam jedes Mal blutüberströmt zurück und schrubbte sich von Kopf bis Fuß ab, bevor wir miteinander aßen. Aber es gab Momente wie diesen, da mich der Gedanke an all die durch ihn hervorgerufenen Tränen und Schmerzen verzweifeln ließ. Und nun war ihm auch Andromache zum Opfer gefallen, die von Hektor über alles geliebte Frau. Obwohl Achill so dicht neben mir saß, dass ich seine Wärme spürte, wähnte ich ihn in diesem Moment Welten von mir entfernt. Er hatte seine Hände in den Schoß gelegt. Sie waren voller Schwielen und doch schön, unvergleichlich sanft und gleichzeitig tödlich.

Wolken zogen auf, die Luft wurde drückend schwer. Es sollte in der Nacht ein Unwetter geben und so heftig regnen, dass die in den Bergen quellenden Flüsse über die Ufer treten und eine wahre Flut auslösen würden.

Eine solche Flut ist auch er, dachte ich.

Seine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. »Ich habe einen Sohn am Leben gelassen«, sagte er, »den achten, damit ihr Geschlecht nicht ausstirbt.«

Seltsam, dass sich schon ein solcher kleiner Gnadenakt als große Güte ausnahm. Und doch, welcher andere Kämpfer wäre dazu bereit gewesen? Eine ganze Familie zu töten war etwas, womit sich andere brüsteten, eine Ruhmestat, die den Beweis erbrachte, dass man stark genug war, einen Namen zu tilgen. Der Sohn, der überlebt hatte, würde Kinder haben, die seinen Namen trugen und der Nachwelt ihre Geschichte erzählten, so dass die Getöteten zumindest in der Erinnerung fortlebten.

»Ich bin froh darüber«, sagte ich aus vollem Herzen.

Das Feuer war restlos heruntergebrannt. »Seltsam«, sinnierte er. »Ich habe immer gesagt, dass Hektor mir nichts getan hat. Ähnliches wird er von mir nun nicht mehr sagen können.« 

Vierundzwanzigstes Kapitel

Die Jahre gingen ins Land, und einer der Soldaten, einer von Ajax’ Männern, beschwerte sich über die Dauer des Krieges. Anfangs achtete man nicht weiter auf ihn. Er war schrecklich hässlich und als Schurke bekannt. Doch er wiederholte seine Beschwerde wortreich. Vier Jahre, sagte er, und man habe immer noch nichts zu bieten. Wo ist der Reichtum? Wo die Frau? Wann werden wir zurückkehren? Ajax versuchte, ihm das Maul zu stopfen, doch er ließ nicht locker. Seht ihr, wie man mit uns umspringt?

Seine Unzufriedenheit zog Kreise, und die äußeren Umstände taten ein Übriges. Es regnete so viel, dass der Boden aufgeweicht war und den Kampf erschwerte. Viele litten unter Hautausschlägen und Entzündungen. Zu allem Überfluss wurden wir von Stechmücken heimgesucht, deren Schwärme sich wie Rauchwolken auf das Lager legten.

Mürrisch und nach Mücken klatschend drückten sich die Männer auf der Agora herum, zuerst nur in kleinen Gruppen, die dann aber immer größer und lauter wurden.

Vier Jahre!

Wer weiß, ob sie überhaupt in der Stadt ist? Hat sie jemand gesehen?

Wir sollten die Kämpfe einstellen.

Als Agamemnon das hörte, befahl er, die Aufständischen auszupeitschen. Doch am nächsten Tag meuterten doppelt so viele, nicht wenige waren Mykener.

Agamemnon ließ sie mit Waffengewalt auseinandertreiben. Die Männer flohen, kehrten aber zurück, kaum dass die Ordnungshüter abgezogen waren. Am Ende ließ Agamemnon Soldaten aufstellen, die die Agora von morgens bis abends bewachen mussten. Es war ein frustrierender Dienst – in praller Sonne und ausgerechnet dort, wo die meisten Mücken quälten. Es dauerte nicht lange, und die Wachsoldaten liefen ins Lager der Meuterer über.

Agamemnon schickte Spitzel aus, um durch sie die Namen der Rädelsführer zu erfahren, die er dann gefangen nehmen und auspeitschen ließ. Am nächsten Morgen weigerten sich mehrere Hundertschaften, den Kampf aufzunehmen. Manche meldeten sich krank, andere blieben ohne jeden Vorwand fern, was sich schnell herumsprach und zur Folge hatte, dass sich immer mehr Männer um den Dienst an der Waffe drückten. Sie warfen ihre Schwerter und Schilde auf dem Podest auf einen Haufen zusammen und nahmen die Agora in Beschlag. Als sich Agamemnon einen Weg durch die Menge zu bahnen versuchte, verschränkten die Männer ihre Arme vor der Brust und wichen nicht von der Stelle.

Dass ihm der Zutritt zu seiner eigenen Agora verwehrt blieb, versetzte Agamemnon in heillose Wut. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, so fest hielt er das Zepter umklammert, einen Holzknüppel, mit Eisenband umwickelt. Als ein Mann vor ihm ausspuckte, schlug er ihn mit dem Zepter nieder. Wir alle hörten seinen Schädel krachen. Er stand nicht mehr auf.

Ich glaubte nicht, dass Agamemnon ihn absichtlich dermaßen hart bestrafen wollte. Wie versteinert starrte er auf die zu seinen Füßen liegende Leiche. Ein anderer ging davor in die Knie und wälzte sie auf den Rücken. Der Schädel war zertrümmert, zur Hälfte eingedrückt von der Wucht des Schlags. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht. Viele zogen ihre Messer. Ich hörte Achill etwas murmeln, und plötzlich war er von meiner Seite gewichen.