Agamemnons Miene verriet, dass ihm die verhängnisvolle Schwere seines Fehlers nach und nach bewusst wurde. Er hatte sich fahrlässigerweise von seinen loyalen Leibwachen entfernt und war nun von meuternden Soldaten umzingelt, ohne Aussicht darauf, dass ihm jemand zu Hilfe eilte. Ich hielt die Luft an und war mir sicher, ihn gleich sterben zu sehen.
»Männer von Griechenland!«
Alle Köpfe fuhren herum. Achill stand auf dem Haufen aus Schilden und Schwertern, von Kopf bis Fuß eine wahrhaft heldenhafte Erscheinung, schön, kraftvoll und mit ernster Miene.
»Ihr seid wütend«, sagte er.
Ein jeder fühlte sich angesprochen. Sie waren wütend. Und dass ein Anführer dies einräumte, war ohne Beispiel.
»Sprecht aus, was euch verärgert«, sagte er.
»Wir wollen nach Hause zurückkehren!«, schallte es aus den hinteren Reihen der Menge. »Es hat keinen Sinn, weiter zu kämpfen.«
»Agamemnon hat uns belogen!«
Zustimmendes Raunen wurde laut.
»Wir sind seit vier Jahren hier«, empörte sich eine besonders wütende Stimme. Ich hatte dafür Verständnis, obwohl mir diese vier Jahre wie ein überreiches Geschenk vorkamen, das den Händen knausernder Schicksalsgöttinnen abgerungen worden war. Doch für sie waren diese Jahre vergeudete Zeit, gestohlen von ihren Frauen und Familien.
»Ihr habt das Recht, Unmut zu äußern«, sagte Achill. »Euch wurde ein schneller Sieg versprochen, und nun fühlt ihr euch betrogen.«
»Ja!«
Ich warf einen Blick auf Agamemnon und dessen wutverzerrtes Gesicht. Er steckte in der Menge fest, zum Schweigen verurteilt, denn jedes falsche Wort hätte zu Tumulten geführt.
»Hört mich an!«, rief Achill. »Glaubt ihr, dass der Aristos Achaion in einem aussichtslosen Krieg kämpft?«
Alles schwieg.
»Nun?«
»Nein«, sagte jemand.
Achill nickte ernst. »So ist es, und darauf gebe ich euch mein Wort. Ich glaube an unseren Sieg und werde erst dann die Waffen strecken, wenn wir ihn errungen haben.«
»Du sprichst für dich«, rief eine andere Stimme. »Aber was ist mit denen, die abziehen möchten?«
Agamemnon öffnete den Mund, um zu antworten. Ich konnte mir vorstellen, was er sagen wollte. Niemand zieht ab! Wer Fahnenflucht begeht, wird hingerichtet! Aber zum Glück war Achill schneller.
»Es steht jedem frei, zu gehen, wann es ihm beliebt.«
»Wirklich?«, zweifelte jemand.
»Ja.« Er legte eine Pause ein und zeigte sein unbekümmertes, freundliches Lächeln, wozu nur er imstande war. »Aber wenn wir Troja einnehmen, geht euer Anteil der Beute an mich.«
Es war deutlich zu spüren, wie sich die Spannung löste. Manche lachten. Prinz Achill hatte wieder Beute in Aussicht gestellt, und wer gierig war, der hoffte auch.
Er bemerkte den Stimmungsumschwung und sagte: »Es wird höchste Zeit, dass wir wieder zu den Waffen greifen. Die Trojaner glauben sonst noch, wir hätten Angst.« Er zog sein glänzendes Schwert und hielt es in die Höhe. »Wer wagt es, sie eines Besseren zu belehren?«
Vereinzelt wurde Zustimmung laut, die schnell auf andere übergriff, und bald war alles in Bewegung, die Männer griffen nach ihren Waffen. Man trug den Toten fort und war sich einig darüber, dass er schon immer nur für Ärger gesorgt hatte. Achill sprang vom Podest und ging mit einem knappen Kopfnicken an Agamemnon vorbei. Der König von Mykene sagte nichts, aber ich sah, wie er dem Prinzen lange nachblickte.
Nach dieser Beinahe-Rebellion ersann Odysseus ein Beschäftigungsprogramm zur Vorbeugung weiterer Aufstände. Er schlug vor, das ganze Lager mit einem mächtigen Palisadenzaun samt lanzenbewehrtem Graben zu umgeben, insgesamt sechzehn Kilometer lang, damit unsere Zelte und Schiffe vor Angriffen der Trojaner geschützt sein würden.
Als Agamemnon zu den Arbeiten aufrief, war ich mir sicher, dass die Männer den eigentlichen Zweck dieses Kraftakts durchschauten. In all den zurückliegenden Jahren waren das Lager und die Schiffe nie gefährdet gewesen. Wozu nun diese Befestigungsanlage? Zumal kein Mensch an Achill vorbeikam –.
Dann aber trat Diomedes vor. Er begrüßte den Plan und schüchterte die Männer mit der Schilderung von Schreckensbildern nächtlicher Überfälle und brennender Schiffe ein. Vor allem Letzteres war besonders wirksam – ohne Schiffe würden wir nicht nach Hause zurückkehren können. Am Ende waren alle überzeugt, und voller Tatendrang zogen sie mit Beilen in den Wald. Odysseus machte den Unruhestifter, einen Mann namens Thersites, ausfindig und ließ ihn bis zur Besinnungslosigkeit auspeitschen.
Aufbegehrt wurde fortan nicht mehr.
Der Bau des Palisadenzauns und die Abwendung innerer Bedrohung führten zu großen Veränderungen insgesamt. Wir alle, von einfachen Fußsoldaten bis hin zu den Anführern, betrachteten das Lager mehr und mehr als unser Zuhause. Aus der Invasion war eine Belagerung geworden. Hatten wir bislang als Räuberhorden Dörfer und Gutshöfe der Umgebung überfallen, fingen wir nun selbst zu bauen an, nicht nur die Schutzmauer, sondern auch all das, was eine Stadt zu einer Stadt machte: eine Schmiede, eine Koppel für das gestohlene Vieh und sogar eine Töpferwerkstatt, die notwendig wurde, weil das mitgebrachte Geschirr entweder zu Bruch gegangen oder voller Sprünge und nicht mehr zu gebrauchen war. Auch viele andere Gebrauchsgegenstände hatten sich längst abgenutzt und mussten ersetzt werden. Von der Zeit unberührt schienen einzig das Rüstzeug und die polierten Insignien der Könige zu sein.
Auch die Männer veränderten sich. Die Mitglieder unterschiedlicher Heere wuchsen zu einer großen Gruppe zusammen. Von Aulis noch als Kreter, Zyprioten oder Argiver aufgebrochen, verstanden sich jetzt alle als Griechen, vereint in der Absicht, Troja zu erobern. Und dass sie Speisen, Frauen und Kleider miteinander teilten, schien alle Unterschiede zu verwischen. Agamemnons Behauptung, Griechenland zu vereinen, war letztlich doch nicht nur Prahlerei, denn der Gemeinschaftssinn – früher unter den rivalisierenden Königreichen undenkbar – dauerte über Jahre hinaus an, und es sollte unter denen, die um Troja gekämpft hatten, zu keinem Krieg mehr kommen.
Die Veränderungen machten auch vor mir nicht halt. Im Laufe der sechs, sieben Jahre verbrachte ich mehr Zeit in Machaons Zelt als an der Seite Achills auf dem Feld. So lernte ich einen Patienten nach dem anderen kennen. Irgendwann kam jeder zu uns, um versorgt zu werden, und sei es nur wegen eines verstauchten Knöchels oder eingewachsener Zehennägel. Auch Automedon musste einmal verarztet werden, weil ihm eine dicke Eiterbeule auf der Hand zu schaffen machte. Aufgeregte Männer brachten ihre schwangeren Sklavenfrauen zur Entbindung. Wir halfen bei der Geburt zahlloser Kinder und kurierten später deren Blessuren.
Und es waren nicht nur die einfachen Soldaten, die uns aufsuchten, sondern auch manche Könige. Nestor holte sich jeden Abend seinen Hustensaft ab, den wir ihm verordnet hatten. Menelaos nahm Opium gegen seine Kopfschmerzen, Ajax litt an einem übersäuerten Magen. Ihr Vertrauen auf Heilung und Trost rührte mich. Ich fing an, sie zu mögen, unabhängig davon, wie sie sich in den Ratssitzungen aufführten.
Mein Ansehen im Lager nahm zu. Man verlangte nach mir, ich war bekannt für meine geschickten Hände, die, wie sich herumgesprochen hatte, nur wenig Schmerzen bereiteten. Podaleirios ließ sich nur noch selten im Zelt blicken, denn nun war ich es, der Machaon vertrat.
Es überraschte Achill, wie viele mich herzlich grüßten und mir für ihre Heilung dankten, wenn wir durchs Lager gingen. »Erstaunlich, dass du dich an jeden Einzelnen erinnerst«, sagte er. »Für mich sehen sie alle gleich aus.«
Ich lachte und versuchte, ihm auf die Sprünge zu helfen. »Das da ist Sthenelos, der Wagenlenker von Diomedes, und da drüben siehst du Podarkes, den Bruder unseres ersten Gefallenen. Erinnerst du dich?«
»Ich gebe mich geschlagen«, sagte er. »Es ist einfacher, wenn sie sich an mich erinnern.«