Ich hätte es kommen sehen müssen. Ich erzählte ihr gerade eine Geschichte – vielleicht etwas von Cheiron –, und sie hörte mir aufmerksam zu, die dunklen Augen ins Leere gerichtet. Als ich fertig war, blieb es lange still zwischen uns, was nichts Ungewöhnliches war, da sie häufig schwieg. Wir saßen so dicht beieinander, die Köpfe verschwörerisch zusammengesteckt, dass ich die Frucht riechen konnte, die sie gerade gegessen hatte. Ich nahm den Duft des Rosenöls wahr, das noch, für die anderen Mädchen gepresst, an ihren Fingern klebte, und mir wurde wieder einmal bewusst, wie lieb ich sie hatte, dieses ernste Gesicht mit den Mandelaugen. Ich stellte sie mir vor, wie sie als Mädchen auf Bäume geklettert und auf ihren dünnen Beinen mit anderen um die Wette gerannt war, und wünschte, sie schon damals gekannt zu haben, als ich noch im Haus meines Vaters gewohnt und mit meiner Mutter Steine übers Wasser hatte hüpfen lassen. Ich sah es fast bildlich vor mir.
Ihre Lippen berührten plötzlich meine. Ich war so überrascht, dass ich mich nicht rührte. Ihr Mund war weich und ein wenig zögerlich, die Augen hatte sie geschlossen. Ich erwiderte ihren Kuss und überließ mich, von Blütenduft umweht, dem Zauber des Moments. Dann rückte sie, den Blick gesenkt, von mir ab. Mir rauschte das Blut in den Ohren, doch was es in Wallung versetzte, war nicht so sehr das Verlangen, wie es Achill in mir auslöste, als vielmehr meine Sorge, ihr womöglich wehzutun. Ich legte meine Hand in ihre.
Sie ahnte es, spürte es an der Art, wie ich ihre Hand ergriff und ihr in die Augen sah. »Es tut mir leid«, flüsterte sie.
Ich schüttelte den Kopf, wusste aber nicht, was ich sagen sollte.
Sie hob die Schultern an wie zusammengefaltete Flügel. »Ich weiß, dass du ihn liebst«, sagte sie stockend. »Ich weiß es. Aber ich dachte – manche Männer haben Frauen und trotzdem auch Geliebte.«
Ihr Gesicht sah so traurig aus, dass ich nicht länger schweigen konnte.
»Brisëis«, sagte ich. »Wenn ich jemals mit einer Frau zusammen sein möchte, dann nur mit dir.«
»Aber du möchtest mit keiner Frau zusammen sein.«
»So ist es«, sagte ich möglichst schonend.
Sie nickte und schaute wieder zu Boden. Ich konnte hören, dass ihr Atem ein wenig zitterte.
»Tut mir leid«, sagte ich.
»Willst du denn nie Kinder haben?«
Die Frage überraschte mich. Ich kam mir doch selbst vor wie ein Kind, obwohl die meisten Männer meines Alters längst Väter waren.
»Ich wäre wohl kein guter Vater«, erwiderte ich.
»Das glaube ich nicht.«
»Ich weiß es nicht«, entgegnete ich. »Du etwa?«
Was ich einfach so dahergesagt hatte, schien sie tief zu berühren. Sie zögerte. »Vielleicht.« Und plötzlich wurde mir bewusst, was sie mir eigentlich hatte sagen wollen. Ich schämte mich für meine Gedankenlosigkeit und errötete. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Vielleicht um ihr zu danken.
Aber sie war schon aufgestanden und glättete ihr Kleid »Gehen wir?«
Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
In dieser Nacht fand ich keine Ruhe. Unablässig gingen mir Brisëis und mein Kind durch den Kopf. Ich sah kleine mollige Beinchen, dunkle Haare und die großen Augen der Mutter. Ich sah uns, Brisëis und mich, mit dem Kind am Feuer hocken, das mit einem von mir geschnitzten Holzstück spielte. Und doch war dieser Szene eine seltsame Leere eigen, eine schmerzende Abwesenheit. Wo war Achill? Tot? Oder hatte er nie existiert? Ein solches Leben mochte ich nicht führen. Aber Brisëis hat mich auch nicht darum gebeten. Sie hatte mir dies alles in Aussicht gestellt, sich, das Kind und auch Achill.
Ich drehte mich zur Seite und schaute ihn an. »Hast du je daran gedacht, Kinder in die Welt zu setzen?«, fragte ich.
Er hatte die Augen geschlossen, schlief aber nicht. »Ich habe ein Kind«, antwortete er.
Es versetzte mir einen Stich, sooft ich daran erinnert wurde. An sein Kind mit Deidameia. Einen Jungen mit Namen Neoptolemos – Neuer Krieg –, wie er von Thetis wusste. Genannt wurde er Pyrrhos wegen seiner feuerroten Haare. An ihn, diesen fernab lebenden Sohn von Achill, zu denken beunruhigte mich. »Sieht er dir ähnlich?«, hatte ich schon einmal gefragt. Achill hatte mit den Achseln gezuckt. »Danach habe ich nicht gefragt.«
»Möchtest du ihn sehen?«
Achill schüttelte den Kopf. »Es ist gut, dass meine Mutter ihn aufzieht. Bei ihr hat er es besser.«
Daran zweifelte ich, behielt meinen Gedanken jedoch für mich. Ich wartete einen Moment für den Fall, dass er mich fragen wollte, ob ich mir ein Kind wünschte. Aber das tat er nicht. Ich hörte seinem Atem an, dass er eingeschlafen war. Er schlief immer vor mir ein.
»Achill?«
»Mmmm?«
»Magst du Brisëis?«
Er krauste die Stirn, hielt aber die Augen geschlossen. »Mögen?«
»Ob du dich an ihr erfreust«, sagte ich. »Du weißt, was ich meine.«
Er schlug die Augen auf und schien erschrocken. »Was hat das mit Kindern zu tun?«
»Nichts«, log ich.
»Wünscht sie sich ein Kind?«
»Kann sein.«
»Von mir?«, fragte er.
»Nein.«
»Gut.« Die Lider fielen ihm wieder zu. Als ich glaubte, dass er wieder eingeschlafen war, sagte er: »Von dir. Sie will ein Kind mit dir.«
Mein Schweigen bestätigte ihn. Er richtete sich auf und ließ das Laken von der Brust gleiten. »Ist sie schwanger?«, fragte er.
So gereizt hatte ich seine Stimme noch nie gehört.
»Nein«, sagte ich.
Er sah mir eindringlich in die Augen und suchte nach einer Antwort.
»Wünschst du es dir?«, fragte er sichtlich angespannt. Eifersucht war ihm fremd. Aber er war verletzt, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich kam mir grausam vor und bereute, ihn mit meinen Gedanken behelligt zu haben.
»Nein«, sagte ich. »Ich glaube nicht. Nein.«
»Wenn du es willst, wäre es in Ordnung.« Er sprach mit Bedacht, versuchte, gerecht zu sein.
Ich dachte wieder an das dunkelhaarige Kind. Ich dachte an Achill.
»Es ist gut so, wie es ist«, sagte ich.
Die Erleichterung in seinem Ausdruck tat mir gut.
In der Folgezeit schien mich Brisëis zu meiden. Ich aber hielt an unserer Gewohnheit fest und holte sie ab, um mit ihr spazieren zu gehen. Wir unterhielten uns über Heilkunde und das, was im Lager geschah. Über Kinder oder ein Leben als Mann und Frau redeten wir nicht. Wenn sie mich anschaute, sah ich immer noch die gleiche Sanftheit ihrer Augen. Ich gab mir Mühe, ihr mit ähnlich sanften Blicken zu begegnen.
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Es war im neunten Jahr, als eines Tages wieder einmal ein Mädchen aufs Podest gezerrt wurde. Man hatte sie offenbar misshandelt, denn das halbe Gesicht war grün und blau geschlagen. In ihren Haaren flatterten Bänder, die sie als Gottesdienerin auswiesen. Ich hörte jemanden sagen, dass sie die Tochter eines Priesters sei. Achill und ich schauten einander an.
Obwohl schrecklich zugerichtet, war sie schön: große, haselnussbraune Augen in einem runden Gesicht, kastanienfarbene Haare, die ihr in weichen Wellen auf die Schultern fielen, mädchenhaft schlank. Als wir sie betrachteten, füllten sich ihre Augen wie dunkle Tümpel, die über die Ufer gingen. Tränen rollten ihr über die Wangen und tropften vom Kinn zu Boden. Sie konnte sie nicht wegwischen, ihre Hände waren auf dem Rücken gefesselt.
Von den Männern begafft, richtete sie den Blick im Stoßgebet zum Himmel. Ich stieß Achill an. Er nickte, doch bevor er sie für sich beanspruchen konnte, trat Agamemnon vor. Er legte eine Hand auf ihre zarte, gebeugte Schulter. »Das ist Chryseis«, sagte er. »Sie gehört mir.« Dann zerrte er die junge Frau vom Podest und führte sie in sein Zelt. Ich sah, wie der Priester Kalchas die Stirn runzelte und Anstalten machte, Widerspruch einzulegen. Doch er hielt sich zurück, und Odysseus setzte die Verteilung fort.