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Etwa einen Monat später kam der Vater des Mädchens. Er wanderte über den Strand, gestützt auf einem vergoldeten und mit bunten Bändern umwickelten Stab. Er hatte ein breites, knochiges Gesicht und trug einen Bart nach der Art anatolischer Priester. In seinen langen Haaren waren Bänder befestigt, passend zu denen seines Stabs. Sein langes, aus roten und goldenen Stoffbahnen gefertigtes Gewand flatterte um seine Beine. Ihm folgten zwei Gehilfen, die eine große Holztruhe schleppten und Mühe hatten, Schritt zu halten.

Die kleine Prozession passierte die Zelte von Ajax, Diomedes und Nestor und näherte sich der Agora. Von anderen informiert, eilten Achill und ich hinzu, und als wir zur Stelle waren, hatte der Priester bereits das Podest bestiegen. Er stand dort mit stolz erhobenem Kinn und nahm von Agamemnon und Menelaos, die auf ihn zutraten, keine Notiz. Die beiden zeigten sich verärgert über dessen anmaßende Haltung, warteten jedoch erst einmal ab.

Aus allen Ecken des Lagers waren Soldaten zusammengelaufen, denn der ungewöhnliche Besuch hatte sich schnell herumgesprochen. Der Priester ließ seinen Blick über die Menge schweifen und richtete ihn schließlich auf die Söhne des Atreus, die vor ihm auf dem Podest standen.

Er sprach mit volltönender Stimme, nannte seinen Namen – Chryses – und stellte sich mit erhobenem Stab als Hohepriester des Apoll vor. Dann zeigte er auf die Truhe, die, von seinen Gehilfen inzwischen geöffnet, einen glitzernden Schatz aus Gold, Edelsteinen und Bronze barg.

»Was führt dich zu uns, Priester Chryses?«, fragte Menelaos, der offenbar an sich halten musste. Trojaner hatten nicht auf die Podeste der griechischen Könige zu steigen und unaufgefordert das Wort zu ergreifen.

»Ich bin gekommen, um meine Tochter Chryseis freizukaufen«, antwortete der Priester. »Sie, ein junges Mädchen mit Bändern im Haar, wurde von euch, den Griechen, aus unserem Tempel geraubt. Ihr habt Unrecht begangen.«

Gemurmel wurde laut. Bittsteller hatten demütig niederzuknien. Was fiel ihm ein, dass er unseren Königen die Stirn bot und urteilte? Nun, er war ein Hohepriester, nicht daran gewöhnt, vor jemand anderem als seinem Gott niederzuknien. Vielleicht sollte man ihm Zugeständnisse machen. Außerdem war sein Angebot überaus großzügig, das Mädchen vielleicht die Hälfte wert, und es empfahl sich, einen Priester nicht zu verprellen. Dass er von Unrecht sprach, war zwar heikel, jedoch nicht von der Hand zu weisen. Sie hätte gar nicht erst entführt werden dürfen. Sogar Diomedes und Odysseus nickten beipflichtend, und Menelaos schien sich dahingehend äußern zu wollen.

Doch Agamemnon kam ihm zuvor. Breit wie ein Bär, richtete er sich zornig auf.

»Spricht so ein Bettler? Du kannst von Glück sagen, dass ich dich nicht auf der Stelle niederstrecke. Ich führe den Oberbefehl über dieses Heer«, blaffte er. »Es steht dir nicht zu, vor meinen Männern den Mund aufzumachen. Aber höre meine Antwort. Sie lautet: Nein. Es gibt keinen Freikauf. Sie ist mein Preis, und ich gebe sie nicht her, weder jetzt noch später. Schon gar nicht für diesen billigen Ramsch.« Er drohte dem Priester mit einer Geste, ihn zu erwürgen. »Verschwinde und wage es nicht, dich noch einmal in meinem Lager blicken zu lassen, Priester. Auf deine Bänder und dein Amt werde ich in Zukunft keine Rücksicht nehmen.«

Chryses biss die Zähne aufeinander, ob aus Angst oder weil er eine Entgegnung zurückzuhalten versuchte, war nicht auszumachen. Seine Augen brannten voller Bitterkeit. Abrupt drehte er sich um, stieg, ohne ein weiteres Wort zu sagen, vom Podest und ging in Richtung Strand, gefolgt von seinen Gehilfen mit der Truhe.

Noch lange schaute ich dem Gedemütigten nach, während in meinem Rücken heftige Debatten laut wurden. Später erfuhr ich von Männern, denen er am Strand entgegengekommen war, dass er geweint und den erhobenen Stab gen Himmel geschwungen hatte.

Wie eine Schlange, schnell und lautlos, beschlich das Lager noch in derselben Nacht die Seuche.

Am Morgen sahen wir die Maultiere am Boden liegen, augenrollend und mit gelbem Schaum vor den Mäulern. Gegen Mittag fingen die Hunde zu winseln an. Roter Schleim troff von den hechelnden Zungen. Am späten Nachmittag waren die meisten Tiere tot, und was noch lebte, krepierte zitternd in Pfützen aus blutigem Auswurf.

Machaon, Achill und ich beeilten uns, die Kadaver zu verbrennen, um zu verhindern, dass ihre Fäulnis auf unser Quartier übergriff. Zurück im Lager, schrubbten wir die Haut mit dem rauen Salzwasser des Meeres und wuschen uns danach im Bach, der durch den Wald strömte. Die beiden Flüsse Simoeis und Skamander, aus denen wir unser Trinkwasser bezogen, mieden wir wohlweislich.

Als wir später auf der Pritsche lagen und uns flüsternd miteinander unterhielten, lauschten wir bangend darauf, ob auch unsere Kehlen bereits Eiter absonderten, was aber nicht der Fall zu sein schien. Und so wiederholten wir wechselseitig und wie in murmelndem Gebet, was wir von Cheiron zum Schutz vor Seuchen gelernt hatten.

Am nächsten Tag waren die ersten Männer befallen. Dutzende krümmten sich vor Schmerzen und brachen zusammen. Ihre Augen traten hervor, und aus aufgebrochenen Lippen rann Blut in dünnen Rinnsalen. Unter Mithilfe von Podaleirios und schließlich auch Brisëis schafften wir die Toten fort, die so jählings fielen wie von einem Speer oder Pfeil getroffen.

Am Rand des Lagers füllte sich ein Feld voll siechender Männer, die nach Wasser schrien und sich die Kleider vom Leib rissen, weil sie innerlich zu verbrennen glaubten. Bald platzten ihnen eitrige Beulen auf, und ihre Haut gab nach wie sprödes Gewebe. Wenn sie nach heftigem Todeskampf endlich erschlafft waren, lagen sie ausgestreckt im Schlamm ihres letzten Grauens: der dunklen, mit Blutklumpen vermischten Ausscheidung ihrer Gedärme.

Wir errichteten Scheiterhaufen um Scheiterhaufen und verbrannten die Toten mitsamt den Kleidern, die sie getragen hatten, erst einzeln, wie es sich schickte, dann aber in Haufen. Wir hatten nicht die Zeit, ihnen das letzte Geleit nach Anstand und Sitte zu geben.

Schließlich halfen uns auch die meisten Könige, allen voran Menelaos. Ajax spaltete ganze Bäume mit einem einzigen Axthieb, um die vielen Feuer zu versorgen. Diomedes und seine Männer durchsuchten die Zelte und fanden weitere Tote darin, und auch Männer, die zitternd und fiebernd im Sterben lagen, versteckt gehalten von ihren Freunden, damit man nicht auch sie auf den Scheiterhaufen warf.

Agamemnon zeigte sich kein einziges Mal.

Nach zwei, drei Tagen hatten jeder Verband, jeder König hohe Verluste zu beklagen. Während wir Augenlid um Augenlid schlossen, fiel uns auf, dass sich unter den Opfern kein einziger Fürst befand. Es starben ausschließlich Soldaten und geringere Edelmänner. Verschont blieben auch Frauen, wie wir bemerkten. Es beschlich uns ein Verdacht, denn es konnte nicht mit rechten Dingen zugehen, dass ein Mann nach dem anderen plötzlich verschied, mit einem Schrei auf den Lippen und die Hände an die Brust gepresst, als hätte ihn ein Pfeil hingerafft.

Es war in der neunten Nacht. Nachdem wir wieder etliche Leichen verbrannt hatten, standen wir erschöpft vor unserem Zelt und streiften unsere von Blut und Eiter verschmierten Kleider ab, um auch sie ins Feuer zu werfen. Unser Verdacht hatte sich hundertfach erhärtet. Dies war keine natürliche Plage, nicht die schleichende Verbreitung einer gefährlichen Seuche, sondern etwas anderes, das uns so unvermittelt heimsuchte wie damals die ausbleibenden Winde vor Aulis. Die Katastrophe ließ sich nur damit erklären, dass ein Gott grollte.

Wir erinnerten uns an Chryses und seine gerechtfertigte Empörung über Agamemnon, der sich wider alle Gebräuche und Regeln geweigert hatte, die Gefangene auszulösen. Und wir erinnerten uns daran, welchem Gott der Priester diente, nämlich dem des Lichts, der Heilkunst und der Seuche.