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Achill wollte etwas sagen.

»Schweig still!«, herrschte Agamemnon ihn an. »Ein Wort noch, und du wirst es bereuen.«

»Bereuen?« Achill rührte keine Miene. Er sprach leise, aber gut vernehmlich. »Hoher König, ich glaube nicht, dass du mir drohen kannst.«

»Willst du etwa mir drohen?«, brüllte Agamemnon. Und an seine Männer gewandt: »Habt ihr ihn nicht auch drohen gehört?«

»Ich drohe nicht. Aber was, so frage ich, wären deine Streitkräfte ohne mich?«

Agamemnons Gesicht war von Boshaftigkeit entstellt. »Du hast dir schon immer allzu viel eingebildet«, blaffte er. »Wir hätten dich da zurücklassen sollen, wo wir dich gefunden haben, versteckt hinter den Röcken deiner Mutter. Du selbst in einem Rock.«

Die Männer horchten verdutzt auf und tuschelten untereinander.

Achill ballte die Fäuste. Er hatte offenbar Mühe, Fassung zu bewahren. »Du willst von dir ablenken. Wie lange hättest du dem Sterben untätig zugesehen, wenn nicht diese Versammlung einberufen worden wäre? Antworte!«

Agamemnon fiel ihm brüllend ins Wort. »Als all die tapferen Männer nach Aulis kamen, haben sie mir auf Knien Treue geschworen. Alle, nur du nicht. Ich finde, wir haben deine Überheblichkeit lange genug ertragen müssen. Es ist Zeit – höchste Zeit«, äffte er Achill nach, »dass auch du mir Treue schwörst.«

»Ich muss dir keine Treue schwören. Keinem von euch.« Achills Stimme klang kühl. Er hatte sein Kinn erhoben. »Ich bin aus freien Stücken hier, und darüber kannst du froh sein. Nicht ich bin es, der niederknien sollte.«

Damit war er zu weit gegangen. Ich spürte die Stimmung der Männer schwanken. Agamemnon witterte seine Chance. »Hört ihr, wie stolz er ist?« Und an Achill gewandt: »Du wirst nicht niederknien?«

Mit steinerner Miene antwortete Achilclass="underline" »Nein, das werde ich nicht.«

»Dann bist du ein Verräter und wirst wie ein solcher bestraft. Deine Kriegsbeute geht an mich und bleibt bei mir, bis du dich mir unterwirfst und Gehorsam leistest. Fangen wir mit diesem Mädchen an. Wie war noch gleich ihr Name? Brisëis? Sie wird für das Mädchen büßen, das du mich zurückzugeben zwingst.«

Mir gefror das Blut in den Adern.

»Brisëis gehört mir«, sagte Achill und betonte jedes einzelne Wort. »Sie wurde mir gegeben von allen Griechen. Du kannst sie nicht nehmen. Wenn du es versuchst, hast du dein Leben verwirkt. Überlege dir gut, was du tust, König, bevor du dir selbst schadest.«

Agamemnon zögerte nicht lange. Er konnte vor der Menge nicht klein beigeben. Niemals.

»Ich fürchte dich nicht.« Er wandte sich an seine Mykener. »Bringt mir das Mädchen!«

Entsetzen spiegelte sich auf den Gesichtern der Fürsten. Brisëis war Kriegsbeute und Verkörperung der Ehre Achills. Indem er sie nahm, verweigerte Agamemnon dem tapfersten Kämpfer die gebührende Anerkennung. Ein Raunen ging durch die Menge, und ich hoffte, jemand würde Einspruch einlegen. Doch niemand sagte etwas.

Weil er ihm den Rücken zugekehrt hatte, sah Agamemnon nicht, dass Achill zum Schwert griff. Mir stockte der Atem. Ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass er imstande war, Agamemnon mit einem Hieb niederzustrecken, und man sah seiner Miene an, wie sehr er mit sich rang. Ich weiß nicht, was ihn letztlich zurückhielt. Vielleicht glaubte er, der König habe eine schwerere Strafe verdient als einen schnellen Tod.

»Agamemnon«, sagte er. Die Härte in seiner Stimme ließ mich zusammenzucken. Der König drehte sich um und schnappte erschrocken nach Luft, als Achill ihm den ausgestreckten Zeigefinger auf die Brust setzte. »Was du hier und heute gesagt hast, kostet dich und deine Männer das Leben. Ich weigere mich hinfort, für dich zu kämpfen. Hektor mag dein Heer zermalmen. Ich werde dabeistehen und lachen. Und wenn du zu mir kommst und um Gnade winselst, werde ich dich zurückweisen. Sie werden alle sterben, Agamemnon, und dafür trägst du die Verantwortung.«

Er spuckte vor Agamemnon aus und stürmte vom Podest. Schwindelnd versuchte ich, ihm zu folgen, und spürte, wie sich die Myrmidonen hinter mir in Bewegung setzten, Hunderte von Männern, die sich einen Weg durch die Menge bahnten und auf ihre Zelte zuströmten.

Mit kraftvollen Schritten eilte er über den Strand. Seine Wut war entflammt und brannte wie ein Feuer unter seiner Haut. Er stand so sehr unter Anspannung, dass ich es nicht wagte, ihn zu berühren, aus Angst, es könnte ihn wie eine Bogensehne zerreißen. Kein einziges Mal schaute er zurück, blieb auch nicht stehen, als das Lager erreicht war, sondern schleuderte den Einstieg unseres Zelts beiseite und verschwand darin.

So hatte ich ihn noch nie gesehen. Sein Mund war grässlich verzerrt, die Augen funkelten wild. »Ich werde ihn töten«, zischte er, griff nach einem Speer und brach ihn entzwei, dass es krachte und Holzsplitter stoben.

»Ich hätte ihn bereits eben niederstrecken sollen«, sagte er. »Was untersteht er sich?« Er trat gegen einen Krug, der darauf in tausend Stücke zersprang. »Diese Feiglinge! Ist dir aufgefallen, wie sie gebibbert haben und kein Wort zu sagen wagten? Es wäre besser, er würde deren Kriegsbeute beschlagnahmen und sich daran übernehmen.«

»Achill?«, meldete sich eine zaghafte Stimme vor dem Zelt.

»Komm herein«, knurrte er.

Automedon war außer Atem und stammelte: »Ich will nicht stören. Aber Phoinix bat mich zu bleiben, um zu berichten, was sich zugetragen hat.«

»Ich höre«, sagte Achill gereizt.

Automedon zuckte zusammen. »Agamemnon fragte, warum Hektor noch lebt, und meinte, dass er dich nicht braucht. Das du womöglich gar nicht das bist, wofür du dich ausgibst.« Ein zweiter Speer zerbarst unter Achills Händen. Automedon schluckte. »Sie sind auf dem Weg hierher, um Brisëis zu holen.«

Ich stand hinter Achill und konnte sein Gesicht nicht sehen. »Lass uns allein«, sagte er zu seinem Wagenlenker. Automedon zog sich zurück.

Sie kamen, um Brisëis zu holen. Ich ballte meine Fäuste, fühlte mich stark und unerschütterlich. »Wir müssen etwas unternehmen«, sagte ich. »Wir könnten sie verstecken, im Wald oder –«

»Er wird bezahlen, jetzt«, entgegnete Achill, wild triumphierend. »Soll er kommen. Er weiht sich dem Untergang.«

»Was hast du vor?«

»Ich muss mit meiner Mutter sprechen.« Er schickte sich an, das Zelt zu verlassen.

Ich ergriff seinen Arm. »Wir dürfen keine Zeit verlieren. Bevor du zurück bist, werden sie sie geholt haben. Wir müssen jetzt etwas tun.«

Er drehte sich um. Seine Augen machten mir Angst. Die Pupillen waren riesig und dunkel und schienen ins Unendliche gerichtet zu sein. »Wovon redest du?«

Ich starrte ihn an. »Von Brisëis.«

Er erwiderte meinen Blick, ließ aber keinerlei Regung erkennen. »Ich kann nichts für sie tun«, sagte er schließlich. »Wenn sich Agamemnon entschieden hat, muss er die Konsequenzen tragen.«

Mir war, als würde ich, von Steinen beschwert, auf den Meeresgrund sinken.

»Du wirst doch nicht zulassen, dass man sie fortschleppt?«

Er wandte sich von mir ab. »Er will es nicht anders. Ich habe ihm die Folgen vor Augen geführt.«

»Du weißt, was er ihr antun wird.«

»Er will es nicht anders«, wiederholte er. »Soll er mich doch entehren und bestrafen.« Aus seinen Augen glomm ein inneres Feuer.

»Du wirst ihr nicht helfen?«

»Ich kann nichts für sie tun«, antwortete er in einem Tonfall, der keinen Einwand zuließ.

Mir war zumute, als hätte ich zu viel Wein getrunken. Vor meinen Augen drehte sich alles, und die Zunge klebte mir am Gaumen. Ich war noch nie wütend auf ihn gewesen; ich wusste einfach nicht, wie.

»Sie ist eine von uns. Du kannst doch nicht geschehen lassen, dass er sie mitnimmt und missbraucht. Wie verträgt sich das mit deiner Ehre?«