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Aber es gab einen gewaltigen Unterschied. Die Gebäude, auf die sie im Inneren des erloschenen Vulkans gestoßen waren, waren Ruinen gewesen, zum Großteil zerstört und ihrer gesamten technischen Einrichtung beraubt. Hier war nichts zerstört, und die fremdartigen Maschinen versahen ihren Dienst zuverlässig wie am ersten Tag - und das, obwohl dieser Kuppelbau Tausende von Jahren alt sein mußte!

Hilflos sah er sich nach Singh und Trautman um. Die beiden waren ihm gefolgt und sahen ebenso verwirrt drein wie er selbst.

Mike machte eine Geste. »Was ... ist das hier?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Trautman leise. »Ich meine, es ist ein Teil des versunkenen Kontinents, daran besteht kein Zweifel. Aber was es ist ...« Er hob die Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Auch ich habe so etwas noch nie gesehen. Mein Gott - es muß Tausende und aber Tausende von Jahren alt sein. Und es funktioniert noch immer!«

Mike trat an eine der Maschinen heran und betrachtete das Schaltpult genauer. Er hatte nicht die geringste Ahnung, um was es sich dabei handelte, doch die Apparaturen kamen ihm irgendwie bekannt vor wie alles hier, und auf einmal begriff er es. Sie ähnelten denen der NAUTILUS. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, woher das phantastische Tauchboot wirklich stammte, so hatte er ihn jetzt vor Augen.

»Rühr nichts an«, sagte Trautman. »Das alles hier scheint noch immer zu funktionieren - aber ich habe keine Ahnung, was dann passiert.«

»Es muß Jahrtausende alt sein«, murmelte Mike kopfschüttelnd. »Was für ein Volk muß es gewesen sein, das solche Apparate bauen konnte?«

»Ich frage mich, welche Gewalt ein solches Volk einfach ausgelöscht haben kann«, sagte Trautman leise.

Mike erschrak. »Sie meinen -«

»Ich meine gar nichts«, unterbrach ihn Trautman scharf. »Bis jetzt war Atlantis auch für mich nur eine Legende, weißt du? Trotz der NAUTILUS und der Vergessenen Insel. Aber das hier ... Wenn dieses Volk in der Lage war, Maschinen zu bauen, die nach Jahrtausenden noch funktionieren, was um alles in der Welt mag es dann vernichtet haben?«

Die Worte erfüllten Mike mit einem Schrecken, den er sich selbst nicht erklären konnte.

»Wir können nicht lange bleiben«, sagte Trautman. »Die anderen werden sich schon Sorgen machen.«

Mike verstand. Sie alle wußten, daß der Sauerstoffvorrat in den Anzügen nur für eine knappe Stunde ausreichte. Zwar waren sie hier drinnen nicht darauf angewiesen, aber die auf dem Tauchboot Verbliebenen hatten ja davon keine Ahnung, sondern glaubten sie noch draußen vor der NAUTILUS.

»Aber wenn Winterfeld in der Zwischenzeit diese Kuppel findet...« begann Mike.

»Ich habe nicht gesagt, daß wir so tun sollen, als wäre nichts passiert«, verbesserte ihn Trautman gereizt. In etwas gemäßigterem Ton fuhr er fort: »Wir gehen zurück und erzählen den anderen, was wir entdeckt haben. Später können wir wiederkommen und überlegen, was ... was wir tun.«

Mike sah ihn betroffen an. Er wußte, was das unmerkliche Stocken in Trautmans Worten zu bedeuten hatten. Mit der Taucherglocke war Winterfeld durchaus in der Lage, diese Kuppel zu erreichen - und sie durften auf gar keinen Fall zulassen, daß dies geschah. Was Trautmann meinte, war schlichtweg dies: Wenn es ihnen nicht gelang, Winterfeld irgendwie aufzuhalten, würden sie diese Kuppel eher zerstören, bevor sie zuließen, daß sie Winterfeld in die Hände fiele.

»Vielleicht reicht es, wenn wir irgendwie das Fenster verschließen«, sagte er. »Ohne das Licht findet er die Kuppel nie.«

Trautman antwortete nicht. Er nahm den Helm, den er bisher wie sie alle unter den Arm geklemmt getragen hatte, wieder in beide Hände.

»Gehen wir zurück«, sagte er. »Wir beraten in Ruhe, wenn wir wieder an Bord der NAUTILUS sind.«

Mike drehte sich gehorsam herum - aber gerade, als er seinen Helm wieder aufsetzen wollte, glaubte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung zu sehen. Erschrocken fuhr er herum und starrte in die entsprechende Richtung. Er sah nichts - aber er war fast sicher, einen kleinen, dunklen Schatten gesehen zu haben, der davonhuschte, ehe er wirklich erkennen konnte, um was es sich handelte.

»Was hast du?« fragte Trautman.

»Ich ... bin nicht sicher«, murmelte Mike. »Ich dachte, ich ... hätte etwas gesehen. Eine Bewegung.«

Trautman blickte ihn kurz an, drehte sich dann ebenfalls herum und sah konzentriert in die Richtung, in die Mikes ausgestreckter Arm wies. Ohne daß es eines weiteren Wortes bedurft hätte, setzten sie sich gemeinsam in Bewegung.

Erst als sie die Halle zur Hälfte durchquert hatten, sahen sie, daß es an der anderen Seite eine Anzahl niedriger, halbrunder Türen gab, die tiefer in das uralte Gebäude hineinführten. Wieder war es, als hätten sie sich ohne Worte verständigt, denn sie teilten sich ganz selbstverständlich auf, um die dahinterliegenden Räume zu untersuchen.

Mike trat mit klopfendem Herzen durch die Tür auf der rechten Seite. Der Raum, in den er gelangte, war im ersten Moment eine Enttäuschung. Die Kammer war fast vollkommen leer - bis auf einen länglichen, völlig aus Glas bestehenden Behälter, der auf einem schwarzen Podest ruhte. Kein Schatten. Keine Gespenster und keine Ungeheuer mit Krakenarmen, die seit fünftausend Jahren darauf warteten, daß ihr Frühstück zur Tür hereinspaziert kam.

Mutiger geworden, trat Mike vollends in den Raum hinein und warf einen Blick auf den Glasbehälter.

Mike schluckte. Eine Sekunde lang stand er einfach da, vollkommen starr vor Überraschung und Unglauben, dann fragte er sich, ob er das wirklich sah, oder nicht vielmehr noch immer bewußtlos im Salon der NAUTILUS lag und einen Alptraum hatte. Hätte er nicht die dicken Handschuhe getragen, dann hätte er sich wahrscheinlich gekniffen, um sich zu überzeugen, daß er sich auch wirklich in wachem Zustand befand.

Aber was er sah, war wahr: In dem Kasten lag regungslos -

ein Mädchen.

Mike blinzelte.

Das Bild blieb. Vor ihm befand sich ein fast zwei Meter langer, gläserner Sarg auf einem schwarzen Basaltblock, in dem eine schlanke, blondhaarige Mädchengestalt lag.

Langsam, mit klopfendem Herzen und weichen Knien, ging Mike weiter und blieb einen Schritt vor dem Sarg stehen. Er sah noch immer ein bewegungslos daliegendes Mädchen von dreizehn oder vierzehn Jahren, in einem schlichten, weißen Gewand mit gelocktem blondem Haar und einem bleichen Gesicht.

Und offensichtlich war sie tot. Sie atmete nicht.

Was hatte er erwartet? Wahrscheinlich war seit Hunderten, vermutlich sogar Tausenden von Jahren niemand mehr in dieser Kuppel gewesen. Sein erster Eindruck hatte ihn nicht getrogen: Der gläserne Kasten war ein Sarg, in dem -

Mike begriff erst mit einiger Verspätung, wen er da überhaupt vor sich hatte, und diese Einsicht traf ihn mit voller Wucht.

Wenn diese Kuppel von den Bewohnern des untergegangenen Reiches gebaut worden war, dann stand er einem Mädchen aus Atlantis gegenüber, das hier zur letzten Ruhe gebettet worden war!

Der Gedanke erfüllte Mike mit einer tiefen Trauer. Er trat dichter an den Sarg heran und betrachtete das Gesicht des Mädchens genauer. Ja, sie war eine Schönheit gewesen, als sie noch gelebt hatte. Ihr Gesicht schien aus feinstem weißem Porzellan modelliert zu sein, und das Haar, das ihren Kopf und die Schultern wie ein goldener Schleier umgab, mußte ihr etwas Engelsgleiches verliehen haben. Ihre Züge waren fremdartig, aber trotzdem weich und edel.