Plötzlich hatte Mike das sichere Gefühl, daß er nicht mehr allein war, und wandte sich um. Aber es waren nicht Trautman oder der Sikh, die unbemerkt hinter ihm die Kammer betreten hatten ...
Mike wich mit einem hellen Schrei zurück, hob entsetzt die Arme vor das Gesicht - und war die nächsten Sekunden vollauf damit beschäftigt, sich unbeschreiblich blöd vorzukommen.
Hinter ihm stand kein Ungeheuer. Kein Monster, das gekommen war, um seine tote Herrin zu beschützen und den Eindringling anzugreifen. Nein, was Mike schier zu Tode erschrocken hatte, war nichts anderes als eine ganz normale, langhaarige schwarze Katze.
Mike lachte befreit, nannte sich in Gedanken einen Narren und ließ sich automatisch in die Hocke sinken und streckte die Hand aus, um die Katze zu streicheln, die -
Katze?
Hier?
Zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel? In einer hermetisch verschlossenen Kuppel, die mindestens fünftausend Jahre alt war??!
Mikes Unterkiefer klappte vor Verblüffung herab. Er starrte das Tier an, das nur noch ein Auge hatte und sehr zutraulich war, denn als Mike keine Anstalten machte, seine Bewegung zu Ende zu führen, kam es herangetrippelt, stellte grüßend den Schwanz auf und rieb sich schnurrend an seiner Handfläche.
Mike zog fast erschrocken die Hand zurück. Wo um alles in der Welt kam diese Katze hierher? Sein Herz klopfte. Irgend etwas stimmte hier nicht. Die Katze legte den Kopf schräg, musterte ihn aus ihrem einzigen, bernsteingelben Auge und miaute laut, als hätte sie seine Gedanken gelesen und versuchte ihn zu beruhigen. Mike seinerseits betrachtete sie genauer - aber es blieb dabei: Was er sah, war eine schwarze Angorakatze, nicht mehr und nicht weniger. Sie war erstaunlich groß, und ein einziger Blick auf ihre Zähne und ihre Krallen überzeugte Mike davon, daß er sich vielleicht besser nicht mir ihr anlegte, aber es blieb trotzdem eine Katze. Punktum.
Eine Katze, die sich noch dazu äußerst einsam zu fühlen schien, denn als Mike sich beharrlich weigerte, sie zu streicheln, sprang sie mit einem Satz auf seine Knie, stellte sich auf die Hinterbeine und versetzte ihm mit dem Kopf einen Stoß unter das Kinn, der Mike beinahe aus dem Gleichgewicht gebracht hätte.
Mike fand leise lachend seine Balance wieder und strich dem Tier mit der linken Hand über den Kopf. Die Katze schnurrte lauter. Mike nahm sie behutsam auf beide Arme, stand auf und drehte sich wieder zu dem Sarg herum.
Mike musterte nun die Konstruktion genauer. Der Sarg bestand gänzlich aus Glas, aber an seiner Oberseite ragte eine schmale Metallzunge heraus, in der sich eine Anzahl winziger, mattgrüner Lichter und zwei Schalter mit fremdartiger Beschriftung befanden. Es gab einige drehbare Verschlüsse, mit denen der Deckel befestigt war. Er zögerte einen Moment, dann griff er danach. Die Handschuhe behinderten ihn, so daß er die Katze behutsam auf der Oberseite des Glassarges absetzte und die Handschuhe dann kurzerhand auszog, ehe er sich wieder an dem Verschluß zu schaffen machte. Die Katze miaute laut und warnend, doch er beachtete es nicht. Mit einem Klicken schnappte der erste Verschluß zurück.
Nur einen Sekundenbruchteil später schrie Mike vor Schmerz auf, riß den Arm zurück und schlenkerte ihn wild hin und her - um die Katze abzuschütteln, die plötzlich gar nicht mehr einsam und verschmust war, sondern sich mit rasender Wut in seine Hand verbissen hatte. Die Katze flog davon, suchte vergeblich mit den Krallen auf der spiegelglatten Oberfläche des Sarges nach Halt und landete unsanft auf dem Boden.
Mike preßte die Hand einen Moment unter die Achsel und hob sie dann stöhnend vor das Gesicht. Der Biß sah nicht sehr dramatisch aus, aber er tat höllisch weh. Die Zähne hatten sich tief in seine Haut gebohrt. Einige Blutstropfen quollen aus den kleinen Wunden. Zornig sah er die Katze an, die mittlerweile wieder auf den Glassarg hinaufgesprungen war und ihn mit gebleckten Zähnen anfauchte. Ihr buschiger Schwanz peitschte wild hin und her, und die Krallen waren drohend ausgefahren. Ihre Ohren lagen flach am Kopf. Hastige Schritte näherten sich. »Was ist los?« keuchte Singhs Stimme hinter ihm. »Ist Euch etwas geschehen? Seid Ihr in Gefahr, Herr?« Mike drehte sich herum, Singh und Trautman kamen hintereinander durch die Tür, aufgescheucht durch seinen Schrei. Singh war mit einem Satz neben ihm, hob die Hände und sah sich kampflustig nach dem unbekannten Feind um, der seinen Herrn bedrohte, während Trautman wie vom Donner gerührt stehenblieb und den Glassarg und die schwarze Katze anstarrte.
»Was ist geschehen?« fragte Singh noch einmal. Dann bemerkte er Mikes blutende Hand und fuhr erschrocken zusammen. »Ihr seid verletzt, Herr!«
Er wollte nach Mikes Hand greifen, aber Mike zog den Arm hastig zurück und verbarg die Hand wieder unter der Achselhöhle. Er war verletzt - aber wenn er ehrlich war, dann hauptsächlich in seinem Stolz. »Schon gut«, sagte er. »Ein Kratzer. Nicht mehr.«
Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, war Singh in diesem Punkt entschieden anderer Meinung. Aber er kam nicht dazu, eine entsprechende Bemerkung zu machen, denn Trautman berührte ihn am Arm und deutete auf den gläsernen Sarg, und der Anblick schlug selbst den normalerweise durch nichts zu beeindruckenden Sikh in seinen Bann.
»Unglaublich!« flüsterte Trautman.
»Ich habe es entdeckt«, sagte Mike. »Das Mädchen muß schon seit einer Ewigkeit hier liegen. Passen Sie auf!« fügte er erschrocken hinzu, als Trautman einen Schritt auf den Sarg zu tat. »Dieses Mistvieh wird rabiat, wenn man ihm zu nahe kommt.«
Die Katze miaute zur Antwort, hörte auf, mit dem Schwanz zu wedeln, zog die Krallen ein und begann zu schnurren. Trautman bewegte sich vorsichtig weiter. Unschuldig blickte ihn das Tier an, leckte eine seiner Pfoten und schnurrte dabei, als könnte es kein Wässerchen trüben.
»Ja, das ist ein richtiges Ungeheuer«, sagte Trautman belustigt. Er trat an den Glassarg heran, nahm die Katze mit beiden Händen hoch und betrachtete sie eingehend, ehe er sie behutsam wieder absetzte. »Es ist übrigens ein Kater. Das erklärt alles. Sei froh, daß er dir nicht den Arm abgerissen hat.«
Mike blieb weder das Glitzern in Trautmans Augen noch der spöttische Klang seiner Stimme verborgen, aber er zog es vor, nicht darauf zu reagieren. Für heute hatte er sich eigentlich genug blamiert.
Feindselig musterte er den Kater und trat an Trautmans Seite, hütete sich aber, dem Sarg zu nahe zu kommen.
»Es sieht fast so aus, als ob er sie bewache«, sagte Singh leise.
Mike blickte auf seine Hand herab: »Hm.«
»Wer mag sie gewesen sein?« murmelte Trautman. »Das ... das war ein Kind.« Er sah kurz zu Mike. »Keinesfalls älter als du. Wahrscheinlich sogar jünger. Das ist unglaublich.«
»Vielleicht ist das Ganze hier nichts anderes als ein riesiges Grabmal«, sagte Mike.
»Möglich.« Trautman überlegte. »Die Pyramiden haben auch keine andere Aufgabe, als Tote zu bewahren.«
»Wenn sie tot ist«, hörte Mike sich zu seiner eigenen Überraschung sagen.
Trautman schüttelte heftig den Kopf. »Deine Phantasie geht mit dir durch, junger Mann«, sagte er. »Sie atmet nicht, ist dir das schon aufgefallen? Möglicherweise ist sie die einzige Überlebende von Atlantis.« Er zuckte die Schultern. »Auf jeden Fall ist sie tot. Wir können uns später noch den Kopf darüber zerbrechen, wer sie war, und wie sie hierhergekommen ist. Jetzt sollten wir zum Schiff zurückkehren.« Er deutete zum Ausgang. »Ich habe zur Abwechslung eine gute Nachricht. Singh hat einen Lagerraum voller Preßluftflaschen entdeckt. Das erspart uns eine Menge Arbeit.«
»Wieso?«
»Weil wir so das eingedrungene Wasser nicht mühsam aus der NAUTILUS herauspumpen müssen«, antwortete Trautman. »Singh und ich werden den Riß schweißen. Wenn es uns gelingt, die Flaschen anzuschließen, können wir das Wasser einfach aus dem Schiff herausblasen. Also los - gehen wir, ehe die anderen anfangen, sich Sorgen zu machen.«