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Mike drehte sich widerwillig herum, um den Raum zu verlassen. Niemals hätte er es laut zugegeben - aber es fiel ihm sonderbar schwer, das Mädchen zurückzulassen. Er kam sich vor, als ließe er sie im Stich.

Der Kater miaute kläglich. Mike bedachte ihn mit einem letzten, finsteren Blick und wandte sich endgültig zum Gehen, blieb dann aber unter der Tür noch einmal stehen. Der Kater folgte ihnen nicht, sondern blieb auf dem gläsernen Sarg sitzen; fast, als hätte Trautman mit seiner scherzhaften Bemerkung recht gehabt, und er bewachte das tote Mädchen tatsächlich. Aber er sah ihnen so mitleiderregend nach, daß Mike ihm nicht mehr böse sein konnte.

»Wir kommen zurück«, versprach er. »Und dann werden wir eine Möglichkeit finden, dich mitzunehmen.« Die Antwort war ein langgezogener, schier herzzerreißender Laut - und etwas, was Mike mehr irritierte als alles, was sie bisher gesehen und erlebt hatten. Während sie die Kuppel verließen und zur NAUTILUS zurückgingen, zerbrach er sich die ganze Zeit den Kopf über die Frage, ob er den Kater tatsächlich hatte lächeln sehen.

Natürlich war das unmöglich. Schließlich können Katzen nicht lächeln, ebensowenig wie Hunde oder andere Tiere. Er mußte sich getäuscht haben.

Aber ganz sicher war er nicht.

Trautman hatte recht gehabt - die anderen waren in Sorge, als sie zurückkamen. Sie waren weit länger als eine Stunde draußen gewesen, viel länger, als ihr mitgenommener Sauerstoffvorrat eigentlich reichte.

Die Erleichterung, Trautman, ihn und den Inder lebend und unversehrt wiederzusehen, wich rasch ungläubigem Staunen, als sie von ihrer Entdeckung berichteten - und dann dem Wunsch, sofort zur Kuppel zu gehen.

Aber Trautman winkte ab. Er erklärte, daß oben über dem Meer mittlerweile längst die Sonne untergegangen sein mußte und es auch für sie an der Zeit wäre, sich schlafen zu legen. Am nächsten Morgen würden sie ihre erste richtige Expedition zur Unterwasserkuppel vorbereiten - und vor allem überlegen, wie sie die schweren Preßluftflaschen in ausreichender Menge zur NAUTILUS herüberschaffen konnten.

Alle waren enttäuscht, Mike eingeschlossen. Aber er sah auch ein, daß es so besser war. Der nächste Tag würde anstrengend werden. Sie würden jedes bißchen Kraft brauchen. Sie hatten jetzt schon eine der großen Stahlflaschen mitgebracht, und obwohl ihnen das Wasser geholfen hatte, mit dem enormen Gewicht fertig zu werden, hatte es ihre Kräfte fast überstiegen. Selbst allen drei zusammen war es kaum gelungen, die Stahlflasche durch die Tauchkammer und dann die schmale Treppe zu den oberen Lagerräumen hinaufzuschaffen.

Nach und nach zogen sich alle in ihre Kabinen zurück. Auch Mike wollte das tun, überlegte es sich aber dann und ging noch einmal in den oberen Teil des Schiffes, wo Singh und Trautman mit der Preßluftflasche hantierten.

»Klappt es?« fragte Mike, während er hinter den beiden stehenblieb, die über die Stahlflasche gebeugt dahockten.

Trautman sah nicht besonders begeistert drein. »Ich bin nicht sicher«, antwortete er. Er deutete mit einer Kopfbewegung auf das stählerne Schott, vor dem sie knieten. Die gepanzerte Tür hatte sich bei dem Wassereinbruch automatisch geschlossen. Sie gehörte zu einem ausgeklügelten System, das im Falle eines Lecks verhindern sollte, daß die NAUTILUS ganz mit Wasser vollief, und das - wie er ja mit eigenen Augen sah - auch zuverlässig funktionierte. Wogegen keine Automatik der Welt etwas hätte tun können, waren die fünfzig- oder auch hunderttausend Liter Wasser, die in den Raum hinter der geschlossenen Tür eingedrungen waren und das Schiff wie ein Betongewicht am Meeresgrund festnagelten.

Trautman wies auf einen runden, kompliziert aussehenden Verschluß neben der Tür. »Die Anschlüsse passen nicht«, sagte er. »Ich hatte gehofft, die Preßluftflaschen einfach anschließen zu können, um das Wasser kurzerhand aus dem Schiff zu pusten, aber die Ventile passen nicht genau aufeinander.«

»Also doch pumpen?« fragte Mike.

Trautman hob die Schultern. »Das kann Tage dauern«, sagte er. »Hast du eine Vorstellung, wie viel Arbeit es bedeutet, etliche zehntausend Liter Wasser aus dem Schiff zu pumpen?«

»Wenn wir alle mithelfen -«

»Darum geht es nicht«, unterbrach ihn Trautman. »Ich bin nicht sicher, daß uns genug Zeit bleibt.« Er deutete zur Decke hinauf. »Vergiß nicht auf Winterfeld. Früher oder später werden sie hier herunterkommen. Und wenn sie uns entdecken...« Er seufzte. »Im Moment ist die NAUTILUS eher hilflos, fürchte ich.«

Mikes Hand schmerzte. Er sah auf sie herab und stellte fest, daß die beiden winzigen Bißwunden mittlerweile angeschwollen waren und sich dunkelrot zu verfärben begannen. Geistesabwesend strich er mit den Fingern der anderen Hand darüber und sagte: »Das sieht nicht gut aus, wie?«

»Nein. Aber noch bin ich mit meinem Latein nicht ganz am Ende. Morgen früh schweißen Singh und ich erst einmal den Riß im Rumpf. Wenn wir das Boot abgedichtet haben, sehen wir weiter. Vielleicht kann ich irgend etwas zusammenbasteln, damit die Ventile doch noch passen.« Er deutete mit einer Kopfbewegung auf Mikes Hand. »Tut es sehr weh?«

»Nein«, log Mike - obwohl seine Hand mittlerweile klopfte und pochte, daß es ihm fast die Tränen in die Augen trieb. Trautmans Blick ließ erkennen, was er von Mikes Antwort hielt, aber er sagte nur: »Geh jetzt schlafen. Morgen wird es ein anstrengender Tag«, und wandte sich dann wieder der Preßluftflasche zu.

Mike sah Singh und ihm noch einige Augenblicke lang zu, dann ging er zu seiner Kabine im untersten Deck der NAUTILUS zurück. Trotz aller Aufregung schlief er sofort ein.

Und träumte. Ganz anders als in einem normalen Schlaf war er sich in jeder Sekunde des Umstandes bewußt, zu träumen, und trotzdem war es ein Traum von beinahe unheimlicher Realität. Er befand sich nicht mehr in seiner Kabine auf der NAUTILUS, sondern inmitten eines gewaltigen, wogenden grünen Dschungels, wie er ihn noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte, weder in Wirklichkeit, noch auf einem Bild oder als Beschreibung in einem Buch. Bäume von schier unvorstellbarer Größe standen so dicht um ihn herum, daß sie eine undurchdringliche Barriere zu bilden schienen; wo es überhaupt noch ein Durchkommen gab, da wucherten dichtes Gestrüpp, dornige Büsche oder fremdartig aussehende Blumen. Die Bäume hatten eine seltsam geschuppte Rinde, und als er im Traum den Kopf hob und in den Himmel sah, erkannte er, daß es gar keine richtigen Bäume waren, vielmehr eine Art gigantischer Farngewächse, wie es sie vor Millionen von Jahren auf der Erde gegeben hatte. Ihre riesigen Blätter vereinigten sich hoch über ihm zu einem Dach, das so dicht war, daß es das Sonnenlicht nicht ganz durchließ; auf dem Grund dieses Waldes herrschte ein dunkelgrünes, feuchtes Zwielicht, in dem es niemals wirklich hell wurde.

Und nicht nur die Umgebung, in der er sich in diesem sonderbaren Nicht-Traum wiederfand, war anders als seine normale Welt - auch er war nicht mehr er selbst. Mike hatte keinerlei Kontrolle über seinen Traum-Körper, so daß es ihm nicht möglich war, an sich herabzublicken und sich selbst in Augenschein zu nehmen, aber das mußte er auch nicht, um zu begreifen, daß er sich nicht mehr in seinem Körper, ja, vermutlich nicht einmal mehr in dem eines Menschen befand. Alle Bewegungen waren auf unheimliche, mit menschlichen Worten einfach nicht zu beschreibende Weise neu und fremdartig, er sah, hörte, roch und schmeckte ungleich schärfer und deutlicher als zuvor, und anstelle von Logik und Vernunft empfand er eine verwirrende Vielfalt anderer Gefühle, die er auch als Mensch dann und wann kennengelernt hatte, aber niemals auch nur annähernd in dieser Heftigkeit: Hunger, Jagdfieber, Furcht, Mißtrauen - alles Instinkte eines Raubtieres, und dazu andere, völlig fremde Gefühle, für die er einfach keine Worte fand, weit sie ihn in seinem bisherigen Leben als Mensch vollkommen unbekannt gewesen waren.