Mike war nicht in der Lage, die Bewegungen oder Taten seines »Gastkörpers« irgendwie zu beeinflussen, so daß ihm nichts anderes übrig blieb, als sich in die Rolle des passiven Beobachters zu fügen. Immerhin begriff er, daß das Geschöpf, dem er in diesem Traum als Wirt diente, ein Vierbeiner war, und dazu offensichtlich ein Räuber, denn ein paarmal kam eine schwarze, krallenbewehrte Pfote in seinen Gesichtskreis, und zwei- oder dreimal stoben kleinere Tiere in Panik vor ihm davon. Er verfolgte sie, und obwohl er sie nicht einholte und jedesmal leer ausging, war es ein ungemein aufregendes Gefühl, das Mike bald so in seinen Bann zog, daß er schließlich beinahe vergaß, nur zu träumen. Ganz plötzlich war er es, der hinter einem kleinen, an ein Eichhörnchen mit kahlem Schwanz erinnerndes Wesen herjagte, nicht mehr sein erträumter Wirt, und er spürte das Jagdfieber und den bohrenden Hunger so heftig, als wären es tatsächlich seine Gefühle, nicht die eines erträumten Geschöpfes in einer erträumten Welt. Seine Beute drohte zu entkommen und rannte mit ungemein behenden Sprüngen an einem Baumstamm empor, aber Mike folgte ihr mit ebensolcher Leichtigkeit. Er spürte, wie sich seine Krallen in die Rinde des Farnbaumes gruben, während sein schlanker, muskulöser Körper sich zum entscheidenden Sprung spannte, und -
Jemand schlug ihm so heftig ins Gesicht, daß Mike schreiend hochfuhr und schützend die Arme vor das Gesicht riß. Im allerersten Moment sah er nur Licht und Schatten, die einen sinnverwirrenden Tanz um ihn aufführten. Er glaubte zu stürzen. Wenn er den Halt am Baumstamm verlor und fiel, würde er -
Welcher Baumstamm?
Mike wachte gewissermaßen zum zweiten Mal auf, als ihm klarwurde, daß er nicht mehr in der erträumten Welt des Farndschungels war, sondern keuchend und am ganzen Leib naß vor Schweiß aufrecht in seinem Bett saß. Und vor ihm befand sich auch kein kleines, struppiges Eichhörnchen, sondern Singh, der ihn voller Sorge ansah und schon mit etwas mehr als sanfter Gewalt seine Handgelenke festhielt.
»Ist alles in Ordnung mit Euch, Herr?« fragte er.
Mike nickte und nahm die Arme herunter, als Singh endlich seine Handgelenke losließ. Erst dann spürte er das Brennen auf seinem Gesicht. Ein um Verzeihung heischender Ausdruck erschien in Singhs Augen, als Mike die rechte Hand auf seine Wange legte.
»Du hast mich schon wieder geschlagen«, sagte Mike vorwurfsvoll.
»Ich wußte mir keinen anderen Rat«, antwortete Singh mit einer Stimme, der jegliches Bedauern fehlte. »Ihr habt geschrien und um Euch geschlagen. Hattet Ihr einen schlechten Traum?«
»Ich... glaube ja«, sagte Mike zögernd. Ein kurzes, eisiges Frösteln lief über seinen Rücken. Im Traum war er als gewaltiges Raubtier durch einen Dschungel gestreift, der ihm völlig normal vorgekommen war, während er ihm aus der Erinnerung heraus jetzt ebenso bizarr und unwirklich erschien. Es gelang Mike nur mit Mühe, sich noch an einige Details zu erinnern, obwohl der Traum so real gewesen war. Aber wie es oft mit Träumen ist, die Bilder verblaßten rasch, nachdem er einmal erwacht war.
Singh sah ihn weiter mit großer Besorgnis an. »Was ist los mit Euch?« erkundigte er sich besorgt. »Ihr seht schrecklich aus - mit Verlaub gesagt.« Er streckte den Arm aus und legte ihm die Handfläche auf die Stirn. »Kein Wunder. Ihr habt hohes Fieber. Eure Stirn glüht ja fast.«
»Das ist nichts«, antwortete Mike.
»Ich werde Chinin aus der Bordapotheke holen«, sagte Singh, aber Mike hielt ihn mit einer fast erschrockenen Handbewegung zurück. Er brauchte keine Medikamente. Es war seltsam - er wußte nicht, was ihm fehlte, aber er wußte mit absoluter Gewißheit, daß Medikamente dagegen nicht helfen würden.
»Ich habe mich wahrscheinlich überanstrengt«, sagte er. »Es war alles etwas viel.«
Singh ließ sich nicht anmerken, was er von seiner Antwort hielt. Allerdings tat er auch jetzt wieder, was Mike mittlerweile schon von ihm gewöhnt war; wenn Singh glaubte, sein Herr und Schützling wäre in Gefahr oder hätte sich zuviel zugemutet, dann ignorierte er Mikes Befehle kurzerhand. Obwohl Singh darauf bestand, ihn mit Herr anzureden und ihn zu behandeln, als wäre er Mikes Sklave und Leibeigener, nicht der Mann, der ihm schon ein paarmal das Leben gerettet hatte und ohne den sie alle nicht hier wären, besaß er auch ein unübertroffenes Talent darin, Mikes Wünsche gegebenenfalls einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen. »Ich werde etwas holen, was das Fieber senkt«, erklärte er. Noch bevor Mike etwas sagen konnte, verließ er die Kabine.
Mikes Blick fiel auf seine rechte Hand. Die Bißwunde, die ihm der Kater zugefügt hatte, hatte sich weiter gerötet und war noch mehr angeschwollen. Das Blut pochte in seiner Hand. Der Biß hatte sich entzündet. Und wahrscheinlich war das auch der Grund für sein Fieber und den daraus resultierenden Alptraum.
Wenn es ein Alptraum gewesen war.
Mike fühlte sich immer verwirrter. Er konnte sich jetzt kaum noch an Einzelheiten entsinnen, aber je mehr sich seine Erinnerungen verwischten, desto unheimlicher kam ihm sein Traum vor. Er hatte niemals etwas erlebt, was auch nur annähernd so sonderbar gewesen war.
Allerdings hatte er auch niemals zuvor eine jahrtausendealte Kuppel auf dem Meeresgrund gefunden, in der ein totes Mädchen lag, das von einem schwarzen Angorakater bewacht wurde ...
Wahrscheinlich war das die Erklärung. Zusammen mit dem Fieber, das die Entzündung in seiner Hand ausgelöst hatte, mußten die Ereignisse des zurückliegenden Tages seine Phantasie ja dazu anregen, Purzelbäume zu schlagen.
Singh kehrte zurück. Er hielt ein Glas in der rechten Hand und gab Mike gar nicht erst die Chance, sich zu widersetzen, sondern flößte ihm fast gewaltsam ein paar Schlucke eines bitteren Trunks ein. Mike schluckte die Brühe tapfer hinunter, konnte aber nicht verhindern, daß sich seine Lippen angeekelt verzogen, als Singh das Glas endlich zurücknahm.
»Es wird Euch helfen«, sagte Singh. Er lächelte flüchtig. »Ihr wißt ja - alles was wirklich schlecht schmeckt, ist auch gesund.« Behutsam stellte er das Glas auf den Boden, drückte Mike mit sanfter Gewalt auf das Bett zurück und deckte ihn zu, als wäre er ein kleines Kind.
»Schlaft jetzt, Herr«, sagte er. »Ich werde Trautman und den anderen sagen, daß sie Euch nicht wecken sollen.«
»Das kommt überhaupt nicht in Frage«, protestierte Mike. »Ich werde -«
»- niemandem eine Hilfe sein, wenn Ihr Euch überanstrengt und zusammenbrecht«, fiel ihm Singh ins Wort. »Vielleicht sogar draußen im Meer oder in der Kuppel. Schlaft Euch gründlich aus, und vielleicht ist das Fieber dann schon von selbst verschwunden.«
Mike wollte ihm seine entzündete Hand zeigen, doch irgend etwas in ihm sträubte sich. Im Gegenteiclass="underline" Fast gegen seinen Willen hielt er die Hand sorgsam unter der Bettdecke versteckt. Er wußte nicht warum, aber etwas sagte ihm, daß es besser war, wenn Singh die Wunde nicht zu Gesicht bekam.
»Soll ich hierbleiben?« erkundigte sich Singh.
Mike schüttelte den Kopf. Plötzlich war er wieder müde; furchtbar müde. Er fragte sich, was wohl in dem Glas gewesen war, dessen Inhalt Singh ihm eingeflößt hatte, aber selbst dieser Gedanke entglitt ihm sofort wieder. Er wollte nur noch schlafen.
»Das ... ist nicht nötig«, murmelte er. Und nur wenige Augenblicke später war er bereits wieder eingeschlafen. Dieses Mal träumte er nicht.
Singh machte seine Drohung wahr und weckte ihn nicht. Und obwohl Mikes erster Gedanke nach dem Aufwachen Verärgerung darüber war, empfand er auch zugleich tiefe Dankbarkeit, denn er fühlte sich tatsächlich ausgeruht und wohl wie schon lange nicht mehr. Entweder der Schlaf oder Singhs Mittel hatte das Fieber besiegt. Seine Hand tat noch immer ein wenig weh, doch als er sie betrachtete, stellte er fest, daß die Schwellung deutlich zurückgegangen war.