Er mußte tatsächlich sehr viel länger als die anderen geschlafen haben, denn als er seine Kabine verließ und in den Salon hinaufschlurfte, fand er Singh und seine Freunde zusammen an dem großen Tisch am Aussichtsfenster sitzen und essen. Sein erster Blick ging nach draußen, aber die schwache Hoffnung, daß sich auch die Katastrophe von gestern als Teil des Alptraumes der vergangenen Nacht erweisen mochte, erfüllte sich nicht. Vor dem Fenster herrschte noch immer absolute Dunkelheit. Mike vertrieb den Gedanken mit Mühe.
Der Raum war so behaglich mit Plüsch ausgestattet, daß man glatt hätte vergessen können, sich an Bord eines Unterseebootes zu befinden, wären nicht in seinem hinteren Drittel das große Steuerruder und die beiden Instrumentenpulte gewesen. Es gab Bücherregale, sogar eine Bar, eine Chaiselongue, und mehrere bequeme Ledersessel gruppierten sich um einen Tisch.
In einem der Sessel saß Trautman. Sein ohnehin hageres Gesicht war eingefallen, und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Er sah erschöpft aus, als hätte er die ganze Nacht durchgearbeitet.
Die anderen empfingen Mike mit großem Hallo und einigen spöttischen Bemerkungen über seine Verspätung, und als Mike einen Blick Singhs auffing, wurde ihm klar, daß der Sikh nichts über die Ereignisse der vergangenen Nacht erzählt hatte. Er war ihm sehr dankbar dafür.
So ließ er den gutmütigen Spott der anderen über sich ergehen, nahm auf dem einzigen freigebliebenen Stuhl Platz und begann mit großem Appetit zu essen. Er fühlte sich nicht nur ausgeruht und frisch, sondern auch so hungrig, als wäre er in der vergangenen Nacht tatsächlich stundenlang durch einen Urwald gerannt, statt fiebergeplagt in seinem Bett zu liegen.
Natürlich drängten alle darauf, sofort in die Taucheranzüge zu steigen und zur Kuppel hinüberzugehen, aber Trautman versetzte ihrem Unternehmungsgeist erneut einen ordentlichen Dämpfer. Zuallererst, so erklärte er, müßten Singh und er sich um den Riß in der NAUTILUS kümmern, während den anderen die Aufgabe zufiel, das Schiff nach weiteren, bis jetzt vielleicht verborgen gebliebenen Schäden zu untersuchen. Selbst wenn es ihnen gelang, die NAUTILUS wieder flottzumachen, war doch die Gefahr damit keineswegs vorüber. Zweihundert Meter über ihren Köpfen befand sich noch immer die LEOPOLD, die vermutlich mit geladenen Kanonen nur darauf wartete, daß sie auftauchten. Natürlich war die Enttäuschung groß, aber bis auf Ben, der schon aus Prinzip immer dagegen war - ganz egal, wogegen -, sahen schließlich alle ein, daß Trautman recht hatte.
Während Trautman und der Inder wieder in ihre Taucheranzüge stiegen und das Schiff, schwerbeladen mit Werkzeug und allen möglichen Materialien, die sie zur Reparatur der NAUTILUS benötigten, verließen, machten sich die Jungen daran, die NAUTILUS vom Bug bis zum Heck zu untersuchen. Und es zeigte sich, daß Trautmans Befürchtungen nur zu begründet gewesen waren: Sie fanden Dutzende von Schäden, keiner groß oder wirklich gefährlich, die in ihrer Summe jedoch die Manövrierfähigkeit des Schiffes erheblich einschränkten. Einiges konnten sie sofort reparieren, einiges nicht, bei manchen Gerätschaften, die sie zerstört oder aus ihren Halterungen gerissen vorfanden, wußten sie nicht einmal, wozu sie dienten, so daß Trautman nicht einmal in den Pausen, in denen Singh und er immer wieder zurückkehren mußten, um den Sauerstoffvorrat ihrer Anzüge aufzufüllen, zur Ruhe kam, sondern ständig damit beschäftigt war, sich das eine oder andere anzusehen, Anweisungen zu erteilen oder auch selbst Hand anzulegen.
So verging fast der gesamte Tag. Erst am späten Nachmittag, als Singh und Trautman endgültig an Bord zurückkamen, brachten sie die erste gute Nachricht des Tages mit. Trautman erklärte, daß es ihnen gelungen sei, das Leck notdürftig abzudichten. Eine spätere, fachmännische Reparatur sei zwar unumgänglich, im Augenblick jedoch würde das Provisorium durchaus halten, so daß sie den zweiten Teil der Reparaturarbeiten in Angriff nehmen konnten: die Aufgabe, das eingedrungene Wasser aus dem Schiff zu entfernen.
Wie nicht anders zu erwarten, war dies für die Jungen natürlich ein Stichwort, erneut auf einen Ausflug zur Unterwasserkuppel zu drängen. Mike rechnete fest damit, daß Trautman ihnen dieses Ansinnen auch jetzt wieder abschlagen würde. Singh und er hatten den ganzen Tag schwer gearbeitet und sahen beide sehr müde aus. Aber erstaunlicherweise ging Trautman diesmal darauf ein.
»Also gut«, sagte er, »Mike und ich gehen noch einmal zur Kuppel und treffen alle Vorbereitungen. Ich habe eine Idee, wie wir die Preßluftflaschen herüberbringen können. Singh -« Er wandte sich mit einer müden Geste an den Inder. »- kann inzwischen weiter versuchen, ein passendes Ventil zusammenzubasteln. Ich hoffe, es klappt. Wenn nicht, müssen wir mindestens zwei Tage lang pumpen.«
Seine Worte lösten ein allgemeines Protestgeschrei aus. Keiner der anderen sah ein, warum ausgerechnet Mike und nicht er an diesem zweiten Ausflug zur Kuppel teilnehmen sollte.
»Weil Mike schon einmal dort war und den Weg kennt«, antwortete Trautman. »Außerdem ist es nicht ganz einfach, sich in den Unterwasseranzügen zu bewegen. Ich habe jetzt weder Zeit noch Lust, es euch zu zeigen. Der Weg ist gefährlich.«
»Ich kann damit umgehen«, murrte Ben. »Sie haben es mir selbst gezeigt.«
Trautmann seufzte, aber er widersprach nicht. Zum einen sagte Ben die Wahrheit: Trautman hatte ihm schon vor Wochen gezeigt, wie man sich in den Unterwasseranzügen fortbewegte. Und zum anderen war Ben von ihnen allen mit Abstand der Kräftigste. Sie würden Hilfe brauchen können, um mit den zentnerschweren Flaschen zu Rande zu kommen.
»Also gut«, sagte er schließlich entschieden und stand auf. »Aber nur du. Die anderen können Singh helfen.« Die anderen hörten nicht auf zu protestieren, aber Trautman ließ sich auf keine weitere Diskussion ein. Sie verließen den Salon und gingen nach unten, betraten jedoch nicht sofort die Tauchkammer, sondern zuerst den dahinterliegenden Geräteraum, dessen Wände so mit Regalen, Kisten und Schränken vollgestopft waren, daß man sich zu dritt kaum darin bewegen konnte. Trautman suchte eine ganze Weile leise vor sich hin murrend in dem Durcheinander herum, das der Zusammenstoß mit der LEOPOLD auch hier hinterlassen hatte, und förderte schließlich eine gewaltige Kabelrolle zutage, die er ächzend in die Tauchkammer hinübertrug, ohne auf Mikes und Bens fragende Blicke zu reagieren. Als nächstes brachte er ein grobmaschiges Netz und eine Anzahl großer, luftdichter Säcke in die Schleuse, so daß der verbleibende Platz für ihn und die beiden Jungen kaum noch auszureichen schien. Schließlich schleppte er noch einen Eimer schwarzer Teerfarbe und einen Pinsel herein, und Mike platzte endlich mit seinen Fragen heraus.
Trautman deutete mit einer Kopfbewegung auf die Seilrolle, während er bereits begann, in den Taucheranzug zu steigen. »Das wird unser Ariadnefaden«, sagte er. »Wir spannen ein Seil zwischen der NAUTILUS und der Kuppel. Wenn wir uns daran festhalten, können wir uns nicht verirren.«
»Wieso verirren?« fragte Ben.
»Es ist hier so dunkel, daß es tödlich sein könnte, vom rechten Weg abzukommen«, antwortete Trautman.
Das sah Mike zwar ein, aber er erwiderte trotzdem: »Warum benutzen wir nicht einen Scheinwerfer?«
»Warum lassen wir nicht gleich eine Boje steigen und hängen einen Zettel für Winterfeld daran?« gab Trautman gereizt zurück. »Wir müssen sehr vorsichtig sein. Ich verstehe ohnehin nicht, wieso sie noch nicht heruntergekommen sind. Wenn sie uns entdecken, sind wir verloren.«
»Vielleicht glaubt Winterfeld, daß die NAUTILUS gesunken ist«, vermutete Ben.
»Kaum«, antwortete Trautman. »Ich kenne Winterfeld zwar nicht persönlich, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß er so leichtsinnig ist. Ich an seiner Stelle würde jedenfalls nicht eher ruhen, bis ich mich mit eigenen Augen davon überzeugt hätte, daß das Schiff wirklich zerstört ist.«