»Sie schießen auf uns!« keuchte Ben. »Aber das kann doch nicht sein! Sie können doch gar nicht wissen, daß wir hier sind!«
Als hätten die Männer auf dem Kriegsschiff am Horizont seine Worte verstanden, ertönte das ferne Donnern ein zweites Mal, und wieder hörten sie das rasch anschwellende Heulen der heranrasenden Granate.
»Alles unter Deck! Wir tauchen!« schrie Trautman.
Sie fuhren herum und rannten auf den Turm zu. Jede Sekunde, die er eher hinter dem Kommandopult des Schiffes stand, mochte über Leben und Tod entscheiden. Zweifellos hatte Chris getan, was Trautman ihm aufgetragen hatte, und die automatische Steuerung ausgeschaltet, und das bedeutete nichts anderes, als daß die NAUTILUS gleich ganz von selbst anhalten - und ein hervorragendes Ziel bieten würde!
Dicht hintereinander polterten sie die schmale eiserne Leiter in den Turm und dann die Treppe zum Kommandoraum hinab. Das Schiff erbebte unter einer zweiten Explosion, die die Meeresoberfläche auseinanderriß, und obwohl Mike die brüllende Gischtsäule diesmal nicht sehen konnte, spürte er doch, daß sie weitaus näher lag als die erste. Unmöglich oder nicht - die Kanoniere der LEOPOLD schossen sich allmählich ein. Und sie hatten ja schon einmal eine Kostprobe von der Treffsicherheit der Kanonen des Kriegsschiffes bekommen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die erste Granate die NAUTILUS traf.
Mike stolperte hinter Trautman und Singh in den Kommandoraum. Er sah, daß Chris über die Kontrollanzeigen gebeugt dastand und ihnen voll Entsetzen entgegensah - die beiden Explosionen waren auch hier unten deutlich zu hören gewesen, aber Chris konnte ja nicht wissen, was der Lärm und die plötzlichen Erschütterungen bedeuteten. Mike warf einen Blick aus dem riesigen Aussichtsfeilster, das einen Großteil der Steuerbordwand einnahm. Das Wasser, das hier normalerweise so kristallklar und durchsichtig war, daß man Hunderte von Metern weit sehen konnte, sprudelte und schäumte.
»Was ist passiert?« fragte Chris entsetzt. »Ich ... ich habe nur die automatische Steuerung ausgeschaltet. Wirklich, ich habe nichts angerührt!«
Offensichtlich glaubte Chris, daß der Lärm und die kochenden Wogen seine Schuld waren. Niemand antwortete, alle waren mit einem Sprung an ihrem Platz hinter den Kontrollinstrumenten. Trautman selbst ließ sich in den Kapitänssessel fallen. Seine Hände schienen plötzlich zu eigenem Leben zu erwachen und ein Dutzend verschiedener Dinge gleichzeitig zu tun. Aber auch Mike und die anderen waren für die nächsten Augenblicke vollauf beschäftigt. Sie hatten während der Fahrt hierher Zeit genug gehabt, sich mit der Steuerung der NAUTILUS vollends vertraut zu machen, und sie hatten auch einen Fall wie diesen geübt - sozusagen aus dem Stand heraus Fahrt aufzunehmen und zu tauchen. Allerdings hätte sich wohl keiner von ihnen auch nur träumen lassen, daß sie ihre Übungen so schnell in die Praxis umsetzen würden - und daß es dabei um ihr Leben ging.
Und so war es auch. Mike warf einen Blick aus dem Fenster - und schloß geblendet die Augen, als die nächste Granate der LEOPOLD so nahe bei der NAUTILUS explodierte, daß der grelle Lichtblitz für einen Moment alle Farben auslöschte und schmerzende Nachbilder auf Mikes Netzhaut hinterließ. Eine halbe Sekunde später erbebte die NAUTILUS wie unter einem Hammerschlag. Mikes Herz machte einen erschrockenen Sprung, als er spürte, wie sich das riesige Tauchboot schwerfällig auf die Seite legte. Für ein paar Sekunden war das Meer vor dem Fenster verschwunden, und statt dessen fiel grelles Sonnenlicht in den Raum. Dann kippte das Schiff mit solcher Wucht in die Waagrechte zurück, daß Mike um ein Haar aus seinem Sessel geschleudert worden wäre.
»Das war knapp«, sagte Trautman trocken. »Machen wir, daß wir wegkommen. Ich fürchte, der nächste Schuß trifft.«
Das Meer vor dem Fenster begann allmählich dunkler zu werden, als das Schiff immer steiler in die Tiefe sank. Eine weitere Granate explodierte über ihnen, und sie wurden erneut durchgeschüttelt; allerdings nicht mehr so heftig wie das letzte Mal.
»Dreißig ... vierzig ... fünfundvierzig Meter.« Trautman las die Anzeige des Tiefenmessers laut ab. »Ich glaube, das reicht. Aber das war verdammt knapp.« Etwas im donnernden Takt der Maschinen änderte sich, und der Boden begann sich wieder zu heben. Sie fuhren noch immer mit Höchstgeschwindigkeit, sanken aber nicht mehr tiefer.
Trautman richtete sich hinter seinem Kommandopult auf. Mike sah erst jetzt, daß sein Gesicht schweißnaß war und seine Hände leicht zitterten. Trotz seiner äußerlichen Ruhe war ihm die entsetzliche Gefahr, in der sie alle geschwebt hatten, bewußt gewesen. Irgendwie fand Mike den Gedanken, daß auch Trautman Angst gehabt hatte, beruhigend, obwohl er sich dies im ersten Moment selbst nicht erklären konnte.
Singh betrat die Brücke. Sein Haar, sein Gesicht und seine Schultern waren naß, er hatte die Luke wohl im allerletzten Moment zubekommen, und er schien gestürzt zu sein, denn er blutete aus einer kleinen Platzwunde über dem Auge. Noch ehe Trautman etwas sagen konnte, wandte er sich an Mike. »Seid Ihr verletzt, Herr?«
Mike schüttelte den Kopf.
»Was ... was ist überhaupt passiert?« fragte Chris verdattert. »Ist ... ist irgend etwas kaputtgegangen?«
»Ja«, maulte Ben, ehe Mike oder Trautman antworten konnten. »Wir wären um ein Haar kaputtgegangen.« Er schoß einen giftigen Blick in Mikes Richtung ab und fügte böse hinzu: »Das war ein schöner Gruß von deinem Freund Winterfeld.«
»Winterfeld ist nicht mein Freund«, antwortete Mike ärgerlich. »Er ist -«
Trautman unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Aufhören!« sagte er scharf. »Habt ihr zwei nichts Besseres zu tun, als euch zu streiten?«
Ben duckte sich ein wenig unter seinen Worten, aber seine Kampfeslust war keineswegs gestillt. »Doch«, antwortete er patzig. »Zum Beispiel darüber nachzudenken, wieso uns ein Schiff beschießt, dessen Besatzung gar nicht wissen kann, daß wir hier sind. Das war ja fast so, als hätten sie auf uns gewartet!«
André seufzte. »Jetzt kommt wieder die Verrätertheorie«, murmelte er. »Wen von uns willst du denn diesmal verdächtigen?«
»Schluß damit!« fuhr Trautman dazwischen. Seiner Stimme war anzuhören, daß er nahe daran war, die Geduld zu verlieren. Aber Mike mußte zugeben, daß Ben nicht ganz Unrecht hatte. Es war wirklich fast, als hätte Winterfeld gewußt, daß sie kamen.
Singhs Überlegungen gingen offensichtlich in die gleiche Richtung, und anders als Mike sprach er seine Gedanken laut aus: »Der Junge hat recht, selbst wenn sie gewußt haben, daß wir sie suchen - wie konnten sie uns überhaupt sehen? Wir sind Meilen von der LEOPOLD entfernt.«
»Das wüßte ich auch gern«, murmelte Trautman. Sein Gesicht war voll Sorge - aber da war etwas in seinen Augen; ein Ausdruck, den Mike noch nie zuvor darin erblickt hatte und der ihm ganz und gar nicht gefiel.
»Winterfeld muß vollkommen den Verstand verloren haben!« fuhr Trautman erregt fort. »Na gut - wenn dieser feine Herr Krieg haben will, dann kann er ihn bekommen.«
Mike tauschte einen Blick mit Singh. Auch dem Inder war die Veränderung, die plötzlich mit Trautman vor sich gegangen war, nicht verborgen geblieben. Und sie schien ihm so wenig zu gefallen wie Mike.
»Wie meinen Sie das?« fragte Mike.
»Unseren ursprünglichen Plan können wir vergessen«, antwortete Trautman. »Wie die Dinge liegen, kommen wir nie unbemerkt an Bord der LEOPOLD. Aber ich denke, daß wir immer noch die eine oder andere Überraschung für diesen Herren bereit haben. Die NAUTILUS verfügt noch über ganz andere Möglichkeiten. Als wir noch unter Kapitän Nemo fuhren, waren wir mehr als einmal in schlimmeren Situationen. Ich werde euch zeigen, wie wir solche Probleme damals gelöst haben.«