»Und was ist mit dem Schiff?« fragte er.
Juan wollte antworten, aber Trautman kam ihm zuvor. »Es ist beschädigt, aber nicht so schlimm, wie ich befürchtet habe«, sagte er.
Mike stand langsam auf und tastete vorsichtig seine Glieder ab, als müsse er sich davon überzeugen, daß sie auch tatsächlich alle noch da und unversehrt waren. Erst danach nahm er sich die Zeit, seinen Blick durch die Kommandozentrale streifen zu lassen.
Der Anblick war tatsächlich nicht so schlimm, wie er im ersten Moment erwartet hatte, einige Scherben lagen herum, und zwei Bilder waren von der Wand gefallen. Der Boden lag ein wenig schräg, und vor dem Fenster war nichts als vollkommene Schwärze. Offenbar hatten sie noch einmal Glück gehabt.
»Sieht so aus, als hätten wir noch einmal Glück im Unglück gehabt«, sagte Juan, als ob er Mikes Gedanken gelesen hätte. »Wir sind nicht besonders tief gesunken.« Er deutete auf Trautmans Pult, auf dem sich der Tiefenmesser befand. »Nicht ganz zweihundert Meter. Irgend etwas hat uns aufgehalten.«
»Nicht besonders tief?« ächzte Mike. »Zweihundert Meter? Und das nennst du nicht besonders tief?!« Er wollte sich erst gar nicht die Tonnen um Tonnen von Wasser vorstellen, die auf jeden Quadratzentimeter des Schiffsrumpfes über ihren Köpfen drückten.
»Das nenne ich es«, sagte Juan ruhig. »Das Meer ist an dieser Stelle beinahe sechstausend Meter tief. Wenn wir nicht auf diesem Riff oder was immer es ist, gestrandet wären, dann wären wir jetzt dort unten. Und der Wasserdruck in dieser Tiefe hätte mit dem Schiff einfach -« Er hob die Hand, spreizte die Finger und schloß sie dann mit einem Ruck zur Faust. »- das gemacht.«
Mike schauderte erneut. Juans Handbewegung war so anschaulich, daß er gern auf jede weitere Erklärung verzichtete. Die NAUTILUS war ein gewaltiges Schiff, aber sie war nicht unzerstörbar.
»Haben wir viel abbekommen?« fragte er.
»Trautman und Singh haben sich im Schiff umgesehen, während du geschlafen hast - wie üblich hast du wieder einmal das Spannendste verpaßt.« Juan wies zur Decke. »Die oberen Lagerräume scheinen unter Wasser zu stehen. Aber es ist nicht so schlimm, wie es im ersten Moment aussah. Wenn es uns gelingt, das Leck abzudichten, können wir das Wasser herauspumpen. Eine Menge Arbeit, aber es geht - hoffe ich.« Mike deutete mit einer Kopfbewegung auf Trautman, der mit dem Rücken zu ihnen am Fenster stand. »Warum ist er dann so niedergeschlagen?«
»Er macht sich Vorwürfe«, antwortete Juan flüsternd.
»Vorwürfe?« fragte Mike.
»Weil ich uns um ein Haar alle umgebracht hätte«, sagte Trautman, ehe Juan antworten konnte. Mike und er hatten sehr leise gesprochen, aber Trautman hatte ihre Worte offensichtlich trotzdem verstanden. Er drehte sich nicht zu ihnen herum, als er weitersprach, aber Mike sah, daß er die Fäuste ballte.
»Ich hätte das niemals tun dürfen«, fuhr er fort. »Ich ... ich weiß selbst nicht, was in mich gefahren ist. Ich war wie von Sinnen. Aber ... aber für einen Augenblick war es wieder wie früher. Wie damals, als Nemo noch an Bord dieses Schiffes war.«
Und sie sich als eine Art moderner Pirat betätigt hatten? dachte Mike. Keiner von ihnen hatte es jemals deutlich ausgesprochen, aber sie alle wußten, daß der sagenumworbene Kapitän Nemo auch eine Menge Dinge getan hatte, die nicht so ganz zu dem Robin-Hood-Image paßten, das er in den Erzählungen der Menschen später bekommen hatte. Es gab nicht wenige, die behaupteten, Nemo und seine Männer wären nichts als gemeine Piraten gewesen - was Mike natürlich empört von sich gewiesen hätte, vor allem jetzt, wo er Singh und Trautman kennengelernt hatte. Aber es gab Dinge, über die Trautman nicht gerne sprach, und was er nun andeutete, gehörte zweifellos dazu.
Und das schlimmste war vielleicht, daß Mike zu wissen glaubte, was er meinte. Schließlich hatte er es selbst gespürt. Diese düstere, böse Verlockung der Macht und den fast unbändigen Wunsch, die Kräfte dieses phantastischen Schiffes einzusetzen, um ihren Gegner einfach zu zerstören, hatte er ebenso deutlich gefühlt wie Trautman - und wohl auch alle anderen, denn als er sich umsah, erblickte er auch auf Juans und Andrés Gesicht die gleiche Betroffenheit, die auch er verspürte. Einzig Ben sah nur trotzig drein.
»Wir hätten nicht hierherkommen dürfen«, fuhr Trautman fort. »Ich hätte bei meinem Entschluß bleiben und dieses verdammte Schiff an der tiefsten Stelle des Meeres versenken sollen.«
»Es ist ja nicht viel passiert«, sagte Mike.
»Nicht viel passiert?« Trautman schnaubte. »Wir liegen zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel fest. Um ein Haar hätte ich euch alle umgebracht. Und wenn es anders gekommen wäre, dann hätte ich vielleicht noch viel mehr Menschen getötet. Habt ihr eine ungefähre Vorstellung, wie viele Männer an Bord der LEOPOLD sind?«
»Etwa tausendzweihundert«, sagte Ben - und wahrscheinlich hätte er noch mehr gesagt, hätte Juan ihm nicht einen so kräftigen Tritt vor das Schienbein verpaßt, daß er vor Schmerz die Luft anhielt.
»Ja, und auch die hätte ich um ein Haar auf dem Gewissen«, sagte Trautman düster. »Ich hätte mein Wort niemals brechen dürfen. Ich habe Nemo geschworen, dieses Schiff nie wieder als Waffe gegen Menschen einzusetzen. Und er wußte, warum er mir diesen Schwur abverlangte.«
»Wenn Winterfeld Atlantis findet, wird vielleicht noch viel größeres Unheil geschehen«, sagte Mike vorsichtig. »Wir werden ihn kaum davon abhalten können, seine Suche fortzusetzen, wenn wir auf dem Meeresgrund liegen und Wasser aus dem Schiff pumpen«, antwortete Trautman. »Wenn es das Schicksal so will, dann soll er Atlantis meinetwegen finden. Ich werde jedenfalls nicht mehr versuchen, mich in Dinge einzumischen, die mich nichts angehen.« Er straffte sich und wandte sich mit einem Ruck von der Schwärze jenseits des Fensters ab.
»Wir werden die NAUTILUS reparieren, und danach setze ich euch im nächsten erreichbaren Hafen ab«, sagte er.
Mike schwieg. Er spürte, daß es im Moment vollkommen sinnlos war, mit Trautman darüber zu reden.
»Statt Trübsal zu blasen, sollten wir uns lieber den Schaden genauer ansehen und versuchen, den Kahn wieder flottzumachen«, sagte André laut. Er blickte von Trautman zu Singh und wieder zu Trautman. Singh nickte. Trautman schwieg, senkte aber zustimmend den Kopf.
»Du hast recht«, sagte er schließlich. »Singh und ich gehen nach draußen und sehen uns den Schaden an. Ihr könnt inzwischen hier Ordnung schaffen.«
»Ich komme mit«, sagte Mike spontan.
»Ganz bestimmt nicht«, antwortete Trautman, aber Mike ließ sich so schnell nicht abwimmeln.
»Wieso nicht?« fragte er. »Es ist für mich dort draußen nicht gefährlicher als für Sie. Und wenn Ihnen etwas passiert, sind wir sowieso alle geliefert.«
»Es gibt dort draußen absolut nichts Interessantes zu sehen«, sagte Trautman mit einer Geste auf die Grabesschwärze jenseits des Fensters. »Außerdem ist es gefährlicher, als du denkst. Es ist nicht so einfach, sich in einem Taucheranzug zu bewegen.«
»Dann wird es Zeit, daß ich es lerne«, sagte Mike. »Ich komme mit.«
Und dabei blieb es.
Eine halbe Stunde später standen Trautman, Singh und er in der Tauchkammer tief unten im Rumpf der NAUTILUS, und Mike war sich nicht mehr so sicher, daß es eine gute Idee gewesen war, die beiden zu begleiten. Er hatte die Taucheranzüge, von denen die NAUTILUS ein gutes Dutzend an Bord hatte, schon vorher gesehen, aber es war etwas anderes, ob diese im Schrank hingen oder ob ein Mensch in ihnen steckte und sich bewegte.