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Golo schüttelte verständnislos den Kopf. »Seid Ihr denn blind für das Offensichtliche?«

»Nein! Ich lasse nur nicht zu, daß die Angst meinen Verstand regiert. Wir müssen jetzt die Pferde einfangen!«

»Ich werde hierbleiben«, sagte Gwalchmai grimmig. »Nur für den Fall, daß die Morrigan und ihre Kämpfer kommen. Sie sollen nicht denken, wir hätten uns davongeschlichen.«

Volker nickte zustimmend. Wieder blitzte es, und fast augenblicklich war der Donnerschlag zu hören. Der Wind hatte nachgelassen. Es begann zu regnen.

Mit rudernden Armen kämpfte sich Volker durchs Dickicht. In Strömen lief ihm der Regen übers Gesicht, und die Dornenranken zerrten an seinem Waffenrock, als seien es winzige Hände. Golo hatte behauptet, in seinem Traum von Kobolden verfolgt worden zu sein. Bisher war fast alles Wirklichkeit geworden, was er in seiner Vision gesehen hatte. Nur Gwalchmai war ihm seltsamerweise nicht im Traum erschienen.

Ein Ast peitschte Volker ins Gesicht. Der Spielmann fluchte. Gwalchmais Streitroß hatte er schon gefunden. Der große Hengst war nicht weit gelaufen. Er hatte seine Zügel um einen jungen Baum geschlungen und sich dann weiter auf die Suche begeben. Dieses Horn! Nie zuvor in seinem Leben hatte er einen solchen Ton gehört. Ob es vielleicht verzaubert war?

Vom Sumpf her ertönte ein klagendes Heulen. Das Geräusch schien ihm vertraut, doch konnte er sich nicht mehr erinnern, wo es gewesen war. Es war ein langgezogener Laut, der weder von Menschen noch von Tieren stammte. Die Feen kamen also! Sie hatten das Signal gehört! Er mußte zurück zu Gwalchmai.

Der Spielmann versuchte, sich zu orientieren. Die Suche nach den Pferden hatte ihn kreuz und quer durch das dichte Gestrüpp des Waldes geführt. Er wußte nicht mehr genau, in welcher Richtung er die Schädelstätte finden würde. In dem Nebel konnte er keine zehn Schritt weit sehen. Wahrscheinlich war es das klügste zu versuchen, seiner eigenen Spur zu folgen. Der Weg, den er sich gebahnt hatte, war fast nicht zu verfehlen.

Er war schon eine Weile gegangen, als wieder das heulende Geräusch aus dem Sumpf erklang. Diesmal war es schon viel näher. Wenn er nur besser sehen könnte! Er war dicht an den Waldrand gekommen und ging nun dort entlang. Der Baum mit den Trophäen hatte unmittelbar an der Grenze zum Sumpf gestanden. Also brauchte er nur dem Ufer zu folgen. Der Boden war hier morastig. Zweimal schon war er ausgerutscht und gestürzt. Sein prächtiger weißer Waffenrock war über und über mit Schlamm besudelt. Wenn man ihn jetzt so sehen könnte, mochte man denken, er sei aus den Tiefen des Moors emporgestiegen. Der Spielmann lächelte. Er hatte sich eindeutig zu viele Spukgeschichten von Golo erzählen lassen! Jetzt dachte er selbst schon so wie dieser abergläubische Bauer.

Wieder ertönte das merkwürdig vertraute Heulen, und jetzt, wo es schon ganz nahe war, erkannte er das Geräusch wieder. Er hatte es schon einmal in einer Schlacht gegen die Sachsen gehört. Die Feen bliesen auf Luren! Großen, seltsamen Trompeten. Sie ragten senkrecht empor, und ihre Trichter waren wie Wolfs- oder Drachenköpfe geformt.

Volker begann zu laufen. Er hatte das Gefühl, daß er Gwalchmai nicht mehr rechtzeitig erreichen würde. Links neben ihm erschien eine Gestalt. Durch die Regenschleier und den Dunst konnte der Spielmann nur einen Schemen erkennen, der dicht über dem Sumpf zu schweben schien. Also stimmten die Feengeschichten. Erschrocken duckte er sich ins Unterholz am Waldesrand. Wer auch immer dort kam, schien nicht von dieser Welt zu sein.

Volker spürte, wie sein Herz immer heftiger schlug. Sein Mund war trocken, seine Hände dafür aber schweißnaß. So hatte er sich gefühlt, als er in der großen Sachsenschlacht mit nur fünf Rittern den Feldherrnhügel des Königs gegen eine Übermacht von Feinden verteidigen mußte.

In Gedanken ermahnte sich der Spielmann, ruhig zu sein. Es war nur ein einzelner Gegner, der dort aus dem Sumpf kam. Ob der Streiter der Morrigan die Richtung verfehlt hatte? Der Trophäenbaum stand doch an ganz anderer Stelle!

Jetzt konnte er den Mann deutlicher erkennen. Erleichtert atmete der Ritter auf. Sein Feind schwebte nicht! Er stand in einem flachen Nachen und stakte mit einer langen Stange durch das brackige Wasser. Der Mann hatte langes, rotes Haar und trug eine seltsame, bunte Hose. Über seine Schulter hing ein Köcher mit Pfeilen.

Als er fast den Waldrand erreicht hatte, sprang er aus dem kleinen Boot und zog es das Ufer hinauf. Dann nahm er einen Bogen aus dem Rumpf und blickte sich mißtrauisch um. Volker fragte sich, ob der Krieger im Nebel seinen Weg verloren hatte. Es war ein blutjunger Kerl, der höchstens zwanzig Sommer gesehen haben mochte. Irgendwo nördlich ertönte das Heulen der Luren. Sie klangen jetzt ganz nah! Auch wenn Nebel und Regen die Geräusche dämpften und veränderten, schätzte Volker, daß die anderen Krieger des Nachtvolks höchstens dreihundert Schritt entfernt sein mochten.

Der junge Bogenschütze ging ein Stück das Ufer hinauf. Für einen maurischen Sklavenjäger sah er recht eigenartig aus. Wahrscheinlich war er nur ein Räuber aus der Region. Aber ein reicher Räuber! Ein dicker, goldener Reif war um seinen Hals geschlungen. Volker traute seinen Augen kaum. Wenn dieses Schmuckstück massiv war, dann mußte es soviel wie ein Schlachtroß wert sein. Der Sklavenhandel schien ein einträgliches Geschäft zu sein!

Der Bogenschütze kniete jetzt nieder und betrachtete irgend etwas im weichen Uferschlamm. Volker schluckte. Dort war er eben erst entlanggelaufen! Ob der Kerl etwa seine Fußspuren im Schlamm gefunden hatte?

Unheimlich ertönte das Heulen der Luren. Diesmal klang es anders, auf schwer zu beschreibende Weise majestätischer... Ein eisiger Schauer lief Volker über den Rücken. Der junge Mann am Ufer sprang auf und lief in die Richtung, in die der Trophäenbaum stehen mußte. Erleichtert atmete Volker auf. Er war davongekommen. Der Spielmann ließ einige Augenblicke verstreichen, dann erhob er sich aus seinem Versteck und trat ans Ufer. Der junge Krieger schien sich in Dunst und Regen aufgelöst zu haben. Volker warf kurz einen Blick ins Boot. Im Rumpf lag ein kurzer Jagdspeer, sonst gab es nichts Besonderes zu sehen.

In der Ferne ertönte das Klirren von Schwertern. Der Zweikampf hatte begonnen! Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, machte sich Volker auf den Weg in Richtung des Trophäenbaums. Beunruhigende Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während er dem schmalen, schlammigen Uferstreifen folgte. Ob Golo mit seinem Aberglauben doch recht hatte? Der Spielmann blickte auf das dunkle Wasser. Er bewegte sich hier am Rand zweier Welten. Er ging genau auf der Grenze! Dort, wo sich das Wasser und die schwere, braune Erde vereinten. Es war ein trügerischer und unsicherer Pfad. Ein falscher Schritt, und er würde ausgleiten... Lag dort drüben im Nebel wirklich ein Feenreich? Und hatte er sich nun bis an die äußerste Grenze seiner eigenen Welt bewegt?

Der junge Ritter schüttelte ärgerlich den Kopf. Das war jetzt nicht die Zeit für solche verrückten Gedanken. Wenn er zurück in Worms war und Gunbrid gerettet hatte, dann könnte er über diesen Unsinn weiter nachdenken! Es wäre gewiß eine schöne Metapher für ein Heldenlied. Der Spielmann grinste. Es war schon von Vorzug, wenn man in der Lage war, seine Heldenlieder selbst zu dichten. So konnte man seine eigenen Taten stets ins rechte Licht rücken und... Ein Geräusch in den Büschen hinter ihm ließ ihn herumfahren. Seine Hand schnellte zum Schwertgriff. Der junge Krieger aus dem Boot hatte sich hinter einem Busch erhoben. Er zielte mit gespanntem Bogen auf ihn. Volker hob die Hand vom Schwertgriff. Es war zu spät, um noch die Waffe zu ziehen. »Wir können über alles reden. Du mußt wissen...« Der Pfeil schnellte von der Sehne. Der Spielmann versuchte, sich in Deckung zu werfen, doch er war zu langsam. Ein wuchtiger Schlag traf ihn an der Brust. Er stürzte. Er konnte spüren, wie die Pfeilspitze das Kettenhemd durchdrang und sich in seinen Brustmuskel bohrte, doch fühlte er keinen Schmerz. Noch im Fallen griff er nach dem Messer an seinem Waffengurt. Dann schlug er seitlich mit dem Gesicht in den kalten Schlamm. Er rührte sich nicht mehr. Vielleicht könnte er den jungen Krieger täuschen. Immerhin hatte der Pfeil ihn auf Höhe des Herzens getroffen.