Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Du knietest nieder als Ritter, nun erhebe dich als der König, der hinter den Nebeln herrscht, mein Falke. Warte hier, und ich werde dir die Insignien deiner neuen Macht bringen.«
Gwalchmai erhob sich und nahm den Topfhelm ab. In breiten Strähnen hing ihm sein schweißnasses Haar in die Stirn. Lächelnd schob er sein Schwert in die Scheide zurück und blickte zu den Kriegern am Rand der Lichtung. Diese hoben langsam ihre Bogen. Augenblicklich verschwand das Lächeln aus dem Gesicht des Ritters. Bestürzt wandte er sich an Morrigan, die inzwischen den Rand der Lichtung erreicht hatte.
»Was soll das? Senkt eure Waffen! Ich bin jetzt euer Herr!«
»Du bist nun zwar König, Falkenritter, doch Befehlsgewalt über meine Krieger hast du erst, wenn du auch die Insignien des Herrschers trägst. Tötet ihn!«
Gwalchmai riß seinen Schild hoch, doch die Pfeile prasselten von allen Seiten auf ihn nieder. Sie trafen ihn in die Beine, den Rücken und die Arme. Volker konnte sehen, wie eines der Geschosse den Hals des Recken durchschlug und etliche Zoll weit aus seinem Nacken austrat. Lautlos sank der Kaledonier zu Boden. Einige Herzschläge lang herrschte Stille. Dann trat die Morrigan neben den Leichnam. Sie hielt ein prächtiges, silbern glänzendes Schwert in der Hand.
»Du hast tapfer gekämpft, fremder Ritter, und ich werde mein Wort halten. Heute nacht wirst du neben mir auf dem Thron meines Palastes sitzen. Die Barden meines Volkes werden dich als den Falkenkönig besingen und dein Kampfgeschick loben. Du wirst für immer in der Erinnerung der meinen leben, doch für das Volk diesseits des Nebels mußtest du sterben. Für sie muß der Recke der Morrigan als unbesiegbar gelten, damit wir weiterhin in Frieden leben können.« In silbernem Bogen sauste die Klinge hinab, und die Morrigan hob Gwalchmais abgetrenntes Haupt auf.
Zwei Krieger hatten bereits einen neuen Pfahl in die Erde gerammt, und die schwarze Königin spießte das Haupt des Kaledoniers darauf. Dann wandte sie sich zu ihren Männern um. »Hebt ihn auf den Schild des Königs und legt ihm dieses Schwert in seine kalte Hand. Die Morrigan hat ihm versprochen, daß er die Insignien des Herrschers tragen würde, und Morrigan bricht niemals ihr Wort!«
Volker war wie gelähmt vor Entsetzen. Unfähig, sich zu rühren, beobachtete er aus seinem Versteck, wie sich die blutdürstige Königin und ihre Krieger zu den Booten zurückzogen. Erst als das leise Platschen der Ruder verklungen war, trat er auf die Lichtung. Der Ausdruck ungläubigen Entsetzens spiegelte sich noch immer im Gesicht Gwalchmais. Volker strich dem Toten über die Augenlider. »Ich werde dich rächen«, murmelte er leise. »Die Morrigan wird für dich büßen.« Er strich dem Ritter das strähnige Haar aus der Stirn und ging dann zum Ufer. Dort schleifte er den Leichnam des Bogenschützen zu dem flachen Nachen. Es wäre besser, wenn er den Mann verschwinden lassen würde. Gewiß dauerte es nicht lange, bis seine Kameraden ihn vermißten.
Keuchend hievte er den Toten in das Boot. »Auf dem Grund des Moores wird dich auch deine verfluchte Königin nicht mehr finden«, flüsterte der Spielmann verbittert. Die Wunde in seiner Brust schmerzte, und dunkles Blut sickerte durch die Panzerringe seines Kettenhemdes. Ihm war schwindelig. Er mußte ruhen, doch hier am Ufer konnte er nicht bleiben.
Volker blickte an seinem schmutzigweißen Waffenrock hinab. Wenn sich der Nebel hob, würde man ihn damit schon von weitem erkennen können. Er mußte das Kleidungsstück loswerden. Doch er konnte den linken Arm nicht mehr höher als bis zur Brust heben. Er zog das Messer aus seinem Waffengurt und trennte die Nähte über den Schultern auf. Dann zog er das Kleidungsstück zum Gürtel hinunter und streifte es wie einen Rock ab. Er schnitt zwei breite Streifen vom Saum, die er später brauchen würde, um seine Wunde zu verbinden. Den Rest warf er ans Ufer, damit Golo wußte, an welcher Stelle er in den Sumpf gestakt war. Vielleicht würde sein Knecht ihm ja folgen? Volker lächelte. Nein, mit dem abergläubischen Kerl sollte er lieber nicht rechnen.
Schwankend erhob sich der Ritter und griff nach der Stange, die neben ihm im Boot lag. Noch einmal blickte er zu dem kleinen Wald, der Gwalchmai zum Verhängnis geworden war. Dann stieß er sich vom Ufer ab und steuerte auf jene Stelle zu, wo das Boot der Morrigan im Nebel verschwunden war.
7. KAPITEL
Als das seltsame Heulen aus den Sümpfen erklang, war Golo tief unter einen Busch gekrochen. Sollten die beiden Ritter ihren Streit mit den Feen alleine ausfechten! Er hatte damit nichts zu tun, und wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte er auch niemals diesen verfluchten Wald betreten.
Mit klopfendem Herzen hatte der Knecht auf den Kampflärm gelauscht, und selbst nachdem das Klingen der Schwerter schon lange verstummt war, hatte er es nicht gewagt, sein Versteck zu verlassen. Erst als ganz in der Nähe Lanzenbrecher vorbeitrottete und die wenigen grünen Triebe von den Bäumen zupfte, kroch Golo unter den Büschen hervor. Der Hengst wirkte erfreut, als er ihn sah. Er schnaubte und kam auf ihn zu, um seinen großen Kopf an seiner Brust zu reiben. Der Knecht tätschelte ihm über den Hals. »Jetzt ist der Spuk vorbei, nicht wahr... Willst du mit mir zu der Lichtung kommen?«
Der Schimmel spitzte die Ohren, und Golo war sich sicher, daß der große Hengst ihn genau verstanden hatte. Er griff nach Lanzenbrechers Zügeln und machte sich auf den Weg. Es dauerte eine Weile, bis er den Trophäenbaum wiederfand. Fast schien es ihm, als wolle der Wald ihm jene Wege verbergen, die dorthin führten, wo vor kurzem erst der Zweikampf stattgefunden hatte. Golo hatte das Gefühl, in jedem Busch und jedem Baum die Zauberkraft der Feen zu spüren. Was wohl aus Volker geworden sein mochte? Ob der Ritter sich auch im Gestrüpp versteckt hatte? Wohl kaum...
Ziellos streifte Golo über die Lichtung und betrachtete die Köpfe auf den Pfählen. Manche der Schädel schienen wissend zu grinsen. Schließlich fand der Knecht, wonach er gesucht hatte. Lange starrte er in Gwalchmais blasses Antlitz. »Du dummer Kerl! Du hattest doch alles, was man braucht, um glücklich zu sein... Wenn ich, so wie du, von edler Geburt gewesen wäre, hätte mich das Schicksal bestimmt nicht in diesen verfluchten Wald geführt. Ein hübsches Weib hätte ich mir genommen, einen Haufen Kinder in die Welt gesetzt und vom Zehnten meiner Bauern ein gutes Leben geführt. Und was hast du daraus gemacht? Hast erreicht, daß dein König dich des Landes vertreibt, bist durch die Welt gezogen und schlägst dich für nichts und wieder nichts mit anderen Rittern! Für uns Bauern ist es besser, daß es einen weniger von deiner Sorte gibt!« Verbittert wandte Golo sich ab. Er konnte sie nicht begreifen, diese Herren! War ihnen langweilig, oder was war der Grund, der sie zu diesem rastlosen Leben trieb?
Er griff nach den Zügeln von Lanzenbrecher. Es war gut, den großen Hengst bei sich zu haben. Mit ihm fühlte er sich auf dieser Lichtung der Toten nicht so verloren. So wußte er, daß er nicht das einzige Wesen aus Fleisch und Blut in diesem gottverlassenen Wald war. »Komm, wir werden jetzt deinen Herrn suchen. Wie ich ihn kenne, sitzt er hier irgendwo in einem Busch. Er hat immer Glück. Irgendwie wird er den Feen entwischt sein. Nicht wahr...« Er blickte dem großen Hengst in die Augen, so als müsse Lanzenbrecher ihm bestätigend zuzwinkern. Doch das Pferd tat nichts dergleichen.
»Was mach’ ich hier nur?« brummte Golo mißmutig. »Mit dir reden, als hätte ich einen gottesfürchtigen Christenmenschen vor mir.« Grübelnd blickte sich der Knecht um und fragte sich, wo er wohl seinen Herren finden könnte. Schließlich entschied er sich dafür, am Trophäenbaum vorbei zum Rand des Waldstücks zu gehen und dort zu suchen. Falls auch Volker ihn suchte, würde der Spielmann dort am einfachsten den Spuren folgen können.