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»Ich habe hier einen Sud aus Löwenzahn, Klette und Holunderbeeren bereitet. Dieser Trunk wird dein Blut säubern.« Sie half ihm, seinen Kopf ein wenig aufzurichten, und setzte ihm die Schale an die Lippen. »Es ist auch ein wenig Milch aus Mohnkapseln beigemischt. Du wirst gut davon schlafen und die Schmerzen vergessen.«

Volker trank gierig den Kräutersud. Er war bitter wie Galle, doch vertrieb er die Kälte. »Danke. Wer... Wer bist du?«

»Man nennt mich die wiedergeborene Göttin.« Die Fremde hatte die Schale zur Seite gestellt und musterte ihn eindringlich.

Ihr Blick war Volker unheimlich. Sie hatte kalte, grüne Augen, und er hatte das Gefühl, als würde sie durch ihn hindurchsehen. Angeblich mochten die Feen Troubadoure und Spielleute. Er sollte versuchen, ihr Interesse zu gewinnen, sonst würde diese Göttin ihm womöglich, sobald er gesund war, den Kopf abschneiden, um ihn auf einen Pfahl zu stecken. Gwalchmai hatte Volker am Lagerfeuer mit seiner rauhen Kriegerstimme ein Lied vorgesungen, das von den Küsten des fernen Inber Colptha stammte. Vielleicht würde es der Fremden gefallen.

»Ich bin der Wind auf dem Meer... Ich bin eine Welle des Ozeans... Ich bin ein Tosen auf der See... Ich bin...« Seine Stimme erstarb zu einem Flüstern.

Die Fee strich ihm sanft über die Stirn. »Bist du ein Barde?« Sie blickte ihn mitleidig an. »Schone deine Kräfte, schöner Fremder. Ich fürchte, ich werde dir Schmerzen bereiten... Du mußt dieses Kettenhemd ablegen, damit ich deine Wunde behandeln kann.« Sie löste das Wehrgehänge von seinen Hüften und schob den Kettenpanzer vorsichtig höher.

»Nimm jetzt deine Arme hoch, sonst kann ich das Kettenhemd nicht über deinen Kopf ziehen.«

Volker fügte sich ihren Worten, doch sobald er versuchte, den linken Arm anzuheben, wurde der Schmerz in der Brust unerträglich. Die Fremde schien plötzlich ungeduldig. »Ich kann nicht mehr lange bleiben!« Sie packte seinen Arm und zog ihn mit sanfter Gewalt zurück. Der Spielmann schrie vor Schmerz. Unbarmherzig zog sie nun das Kettenhemd hoch. Die eisernen Ringe rutschten über den abgebrochenen Pfeilschaft. Grelle Lichter tanzten Volker vor den Augen. Er hatte das Gefühl zu stürzen...

Als er erwachte, war er allein. In der Felsnische stand noch immer die kleine Öllampe. Die Fee hatte ihm einen Umhang aus grauer Wolle zurückgelassen. Ihm war so heiß, als läge er auf einem Lager aus glühenden Steinen.

Dicht neben ihm standen eine Schale mit einem Stück Brot und ein Becher. Er war zu schwach, um zu essen. Wie ein zweites Herz pochte seine Wunde in der Brust. Es roch nach Verwesung in der Höhle. Direkt ihm gegenüber konnte er eine längliche Höhlung erkennen, in der ein Skelett lag. Volker keuchte, als er begriff... Er war nicht in irgendeiner Höhle. Er lag in einem Grab!

Zufrieden blickte Golo auf die Reste des Mahls. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er einen ganzen Salm für sich allein gehabt. Es war ein harter Kampf gewesen, den großen Fisch ohne fremde Hilfe zu verschlingen. Zwischendurch hatte er den Schwertgurt lösen müssen und die Waffe neben sich an den Tisch gelehnt. Jetzt war ihm sogar die Verschnürung seines Lederwamses zu eng.

Erschöpft brach er ein Stück von dem frischen Brot ab, das zu seinem Festmahl serviert worden war, und tunkte es in die helle Soße, die noch immer in kleinen Pfützen auf dem großen hölzernen Tablett stand, auf dem der Wirt den Salm serviert hatte. Es wäre eine Schande, etwas verkommen zu lassen. Der Sud war mit weißem Wein vermengt worden, und die Küchenmagd hatte noch Möhren und Zwiebeln hineingegeben. Es waren jedoch die Kräuter, die diese Soße zu einer Königin unter ihresgleichen machten. Sie war fein abgeschmeckt mit Thymian, Kerbel und Dill.

Ganz langsam kaute Golo auf der Kruste des dunklen Brotes, um das Aroma der Soße bis zur Neige genießen zu können. Dann füllte er seinen Becher mit frischem Landwein nach, der in einem großen Krug auf dem Tisch stand. In Volkers Diensten war ihm nie ein solches Festmahl aufgetragen worden. Es war die erste in einer langen Reihe von königlichen Schlemmerorgien, die er sich auf seiner Reise nach Troyes gönnen würde.

»Darf ich Euch noch etwas nachreichen, edler Herr? Vielleicht ein wenig Käse oder frisches Zimtgebäck. Auch süße Eierkuchen könnten wir für Euch bereiten.«

Golo rülpste zufrieden und gab der Magd einen Klaps auf den Hintern. »Etwas Fleisch käme mir ganz gelegen, falls ich zur Nacht verweilen sollte.« Er war ein wenig enttäuscht, sie nicht einmal erröten zu sehen. Statt dessen beugte sie sich vor, so daß er tief in ihr großzügig geschnittenes Mieder blinken konnte. »Nehmt oben das Zimmer am Ende des Ganges! Dort steht das beste Bett des Hauses. Laßt eine Kerze brennen, wenn Ihr mich zur Nacht noch erwartet, Herr! Ich werde kommen, wenn der Wirt die Schenke verriegelt und sich zur Ruhe begeben hat.«

»Ich werde dir beweisen, wie gut sich ein Ritter aufs Lanzenstechen versteht. Das wird was anderes werden als die Hurerei mit einem Bauerntölpel auf dem Heuboden.« Golo grinste anzüglich. Jetzt endlich zeigte sich ein leichtes Erröten auf den Wangen der Magd. Er würde seine Reisepläne ändern und hierbleiben. Er sah ihr nach, wie sie zur Feuerstelle am anderen Ende der Schenke zurückging, um den Bratspieß zu drehen und in dem Kessel mit dem Eintopf zu rühren, von dem den ärmeren Reisenden serviert wurde. Die Kleine hatte üppige Hüften und ein prallgefülltes Mieder. Als Nachtmahl wäre sie sicher nicht zu verachten.

Mit einem Seufzer lehnte sich der Knecht auf dem bequemen Stuhl zurück und strich sich über den Bauch. Er hatte ein wenig von Volkers Garderobe aus den Kisten auf den Packpferden geholt. Die Kleider seines Herren paßten ihm recht gut. Man fühlte sich gleich ganz anders in einem solchen Gewande. Der Wirt hatte ihn als Ritter angesprochen, als er in die Schenke getreten war. Was ein besticktes Wams und ein pelzgefütterter Reitmantel doch ausmachten! Natürlich hatte Golo dem Mann nicht widersprochen und es genossen, sich hofieren zu lassen, als sei er der Sohn eines Grafen. Er nahm noch einen Schluck vom Wein und blickte wieder zur Magd. Er sollte sich ein paar Stunden zur Ruhe legen, damit die Zeit bis zur Nacht schneller verstrich. Noch war es heller Nachmittag. Zuerst müßte er jedoch klären, daß seine Pferde versorgt wurden. Er hatte darauf verzichtet, sie in den Stall zu bringen, und sie draußen vor der Schenke angebunden. Ursprünglich wollte er nur für ein kurzes Mittagsmahl hier einkehren, um dann sogleich seine Reise nach Norden weiter fortzusetzen. Aber jetzt auf ein Pferd zu steigen hieße, dem köstlichen Mahl Gewalt anzutun. Was machte es schon, wenn er zur Nacht hierblieb. Er hatte schließlich keine Eile.

Der Knecht leerte den Weinbecher und orderte einen frischen Krug von dem köstlichen Weißen. Ein Fisch mußte schließlich schwimmen!

Krachend flog die Tür der Schenke auf, und ein hochgewachsener Mann mit kurzgeschorenem, eisgrauem Haar trat ein. Zwei Waffenknechte folgten ihm auf dem Fuß. Der Fremde trug den purpurnen Ornat eines Bischofs, doch unter dem Saum des geistlichen Gewandes lugte ein knöchellanges Kettenhemd hervor. Auch war der eigenartige Geistliche mit einem Schwert gegürtet. Wie ein Falke blickte er sich in der Schenke um. Die leisen Gespräche der Bauern waren verstummt, und buckelnd kam der Wirt zur Tür geeilt.

»Womit kann ich Euch zu Diensten sein, Eure Erhabenheit?«

»Wo steckt der Ritter, dem das weiße Schlachtroß vor deiner Tür gehört?«

Golo schluckte und setzte sich gerade auf seinen Stuhl. Jetzt erkannte er den Kerl. Volker hatte von ihm erzählt. Als Golo in Martinopolis nach einer geeigneten Schenke gesucht hatte, war ein Bischof an seinen Herrn herangetreten und hatte versucht, dem Spielmann sein Schlachtroß abzukaufen. Volker hatte ihm hinterher lachend erzählt, wie er den Bischof erst ein wenig geneckt hatte und dann einen Preis forderte, der so hoch war, daß selbst ein Kirchenfürst ihn nicht zu zahlen vermochte.