»Er sollte den Namen des Herrn nicht leichtfertig in den Mund nehmen!« Jehan hatte das Schwert mit beiden Händen gefaßt und zu einem vernichtenden Streich über den Kopf erhoben.
»Bitte Herr, glaubt mir doch, ich...«
Der Bischof stieß einen wütenden Schrei aus und ließ die Waffe niedersausen. Golo duckte sich zur Seite weg, und die Klinge bohrte sich in das massive Holztor.
Jehan lachte. »Nun schön, soll Er Sein Leben behalten. Er kann mir nützlich sein. Wir werden zum Hof des Königs Eurich reiten, und ich werde Ihm auf dem Weg erklären, was ich für Pläne mit Ihm habe. Sollte sich alles zu meiner Zufriedenheit entwickeln, so wird Sein Herr gerächt sein, ich werde meine Ländereien um ein beträchtliches Stück erweitern, und am Ende mag Er mit Seinen Pferden unbescholten das Weite suchen. Wird Er sich dem fügen?«
»Sicher, Herr. Es ist mir eine Freude, Euch zu dienen und...«
»Genug! Ich schätze Schmeicheleien nicht! Knie Er nieder und küsse Er zum Zeichen Seiner Unterwerfung meinen Ring.«
Golo tat, wie ihm geheißen. Er streifte den schweren Schild von seinem Arm und küßte den goldgefaßten Bischofsring.
Jehan warf einen Blick auf Volkers Wappenschild und nickte zufrieden. »Nun sieht er aus, als habe sein Ritter ihn wirklich in seinem letzten Kampf getragen. So wollte ich es haben! König Eurich hat seine Hauptstadt Tolosa verlassen und reist nach Martinopolis. Wir werden dort seinen Hof besuchen, und wir werden große Dinge in Bewegung bringen!«
Golo verstand nicht, was Jehan mit dieser Bemerkung meinte, doch wer begriff schon die Adligen.
9. KAPITEL
Ein schweres Fieber hatte Volker gepackt. Unfähig, sich zu bewegen, lag er in der Grabhöhle, und später wußte er nicht mehr zu sagen, was von dem, was sich bis zu seiner Genesung ereignete, wirrer Fiebertraum und was Wirklichkeit war. Einmal hockte ein großer, schwarzer Rabe auf seiner Brust, der gierig nach dem brandigen Fleisch pickte, dann wieder sah er eine Frau in einem Umhang aus Rabenfedern neben sich knien.
Die Gebeine der Toten erhoben sich aus den Grabnischen und tanzten um ihn. Allen fehlte der Schädel, und doch konnten sie zu ihm sprechen und flüsterten ihm, daß er schon bald zu ihnen gehören würde.
Einmal erwachte er und sah, über sich gebeugt, die Frau, die ihm die Decke gebracht hatte. Jetzt hielt sie ein Messer in der Hand. Sie schnitt das schwärende Fleisch aus der Wunde auf seiner Brust und legte ihm dann einen Verband an, der nach Essig und nach Kräutern duftete. Er hatte keine Kraft, sie anzusprechen. Nicht einmal die Augen konnte er bewegen. Es war, als habe ein Zauber sie in den Höhlen festwachsen lassen.
Das faulige Fleisch und die eitergetränkten Verbände legte die Fremde in eine flache Schale aus Ton, und Volker begriff, daß nicht die Toten es waren, von denen der Verwesungsgeruch ausging. Die schöne Heilerin hatte indessen ein Pulver in einen kleinen Becher aus Silber geschüttet und hielt nun ihre Hände darüber.
»O Schattenverschlinger, der aus der Grube hervorgeht,
ich habe kein Unrecht getan und meine Reinheit bewahrt.
O Schreckgesicht, das aus Rasetjau hervorgeht,
ich habe keinen Menschen getötet und meine Reinheit bewahrt.
O Knochenzerbrecher, der du aus den alten Städten hervorgehst,
ich habe keine Nahrung gestohlen und meine Reinheit bewahrt.
O Schlangendrachen, der aus der Schlachtstätte hervorgeht,
ich habe nicht den Mann einer anderen Frau beschlafen und meine
Reinheit bewahrt.
O Große Mutter, die du die Fruchtbarkeit bringst,
ich habe mich allein dir geschenkt und meine Reinheit bewahrt.
O Götter des Himmels, der Erde, des Feuers und der See,
leiht mir Eure Kraft, auf daß ich vermag, meine Reinheit in diesem
Trunk aufgehen zu lassen.
O Götter des Himmels, der Erde, des Feuers und der See,
nehmt das Gift aus der Wunde des Fremden und laßt es in den
grauen Stein fließen, in dem das Böse gefangen ist.«
Die Fee stützte Volkers Kopf und setzte ihm den Becher an die Lippen. Der Spielmann bemühte sich zu schlucken. Süßer Wein füllte seinen Mund und tropfte ihm auf die Brust. Erst als er den Becher bis zur Neige geleert hatte, ließ die Fee sein Haupt wieder zurücksinken. Aus einem kleinen bestickten Beutel an ihrem Gürtel holte sie einen grauen Stein, durch den ein Loch gebohrt war, und schob ihn zwischen die Verbände auf seiner Brust.
Wohlige Wärme durchströmte Volkers Körper, so als habe er einen starken Branntwein getrunken. Er beobachtete, wie die Fee ein kleines Feuer in einer kupfernen Schale entfachte und dann Kräuter in die Flammen warf, deren Duft den Geruch des fauligen Fleisches vertrieb. Langsam wurden ihm die Augenlider schwer. Wie von Ferne erklang leises Harfenspiel, und er konnte die melancholische Stimme einer Frau hören, die ein Lied sang, dessen Worte er nicht verstand. Dennoch war er sich sicher, daß es die Klage um einen Toten sein mußte, und er fragte sich, ob sie wohl für ihn sang.
Sie erreichten Martinopolis an einem strahlenden Nachmittag. An einer kleinen, steinernen Brücke über die Cisse legte die kleine Gruppe eine letzte Rast ein, bevor der Bischof und sein Gefolge in die Stadt einritten. Von dort konnte man weit über das Land sehen. Der Fluß erschien wie ein breites, silbernes Band, an dem sich zahllose Seen aufreihten. Die Felder entlang des Wassers waren von zartem Grün, durchsetzt mit bunten Tupfen. Der Frühling hatte hier schon Einzug gehalten. Mächtig erhoben sich die Wälle der Stadt über den Fluß. Viele Bollwerke und Schanzen verstärkten die dicken Festungsmauern. Dahinter streckten sich die kantigen Türme der Kirchen zum Himmel, überragt von der mächtigen Kathedrale Saint-Gatien.
Sie waren durch das Portal des Kreuzes in die Stadt eingeritten, vorbei an der Abtei Marmoutier und der alten, aus groben Felsblöcken gemauerten Siebenschläfer-Kapelle. Durch die engen Gassen der Weber und Tuchhändler führte sie ihr Weg zur Burg, die nahe dem Ufer der Loire lag. Die Banner des Königs und seiner bedeutendsten Herzöge wehten von den Zinnen. Golo war überrascht, wie schnell man den Bischof in die Festhalle durchließ. Jehan war nicht nur der geistliche Herr von Saintes, sondern auch der Graf von Niort. Einst war er nur der dritte von vier Brüdern, und damit es keine Streitigkeiten um die Erbfolge gab, hatte man ihn und seinen jüngeren Bruder in Klöster gesteckt, während die beiden älteren Brüder auf die Herrschaft vorbereitet wurden. Jehan war ein geistlicher Fürst geworden, so wie es seiner edlen Geburt anstand, doch hatte er sich stets mehr zu den Turnierplätzen der Adelssitze als zu den Bibliotheken der Klöster hingezogen gefühlt. Seine beiden älteren Brüder waren gestorben, bevor sie einen Nachkommen zeugen konnten, und daher hatte er den Grafentitel angenommen, ohne deshalb auf seine Bischofswürde verzichten zu müssen. So war er zu einem der mächtigsten Männer Aquitaniens geworden.
Jehan trug ein prächtiges Gewand aus Gold und Purpur, dazu den breitkrempigen Bischofshut, als er vor seinen König trat. Wie stets hatte er ein Schwert umgegürtet, und statt leinener Unterkleider, so wie sie einem Geistlichen anstanden, hatte er ein Kettenhemd angelegt. Das Lärmen in der großen Festhalle verstummte fast augenblicklich, als er eintrat und mit festem Schritt auf die erhöhte Tafel des Königs zuhielt. Dicht hinter ihm folgte Golo, der den Schild Volkers und dessen blutbesudelten Waffenrock auf den Armen trug. Der Knecht war in die Gewänder seines Herren gekleidet und so prächtig herausgeputzt, als sei er selbst ein Mann von Stand. Vier Krieger in roten Waffenröcken bildeten ihre Eskorte.