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»Wer bist du, Fremder? Ich habe die Knochen und die Runen nach dir befragt, habe der Stimme des Waldes gelauscht und dem Flüstern des Meeres, doch voller Widersprüche ist, was ich über dich erfahren habe. Wegen einer Frau hat man dich verstoßen, und eine Frau war es, die du in diesem Land gesucht hast. Du betest den toten Zimmermannssohn als deinen Gott an, und doch war dein Lehrer ein Mann, der um die wahren Götter weiß. Im Fieber hast du manchmal Verse von Liedern und Epen dahergesagt, so als seiest du ein Barde, doch deine rechte Hand trägt die Schwielen eines Kriegers, und an deiner Seite lag ein Schwert, als ich dich gefunden habe. Erkläre mir diese Rätsel! Wie bist du in das Grab der toten Helden gelangt? Es gibt keinen Pfad, der durch die Sümpfe zu dieser Insel führt, und ich habe kein Boot finden können, mit dem du an dieses Ufer gelangen konntest. Fast scheint es, als hätten Graberde und Dunkelheit dich gezeugt und dir die Gestalt eines Mannes gegeben, damit du bereit bist, die Nachfolge der alten Könige anzutreten.«

»Das sind viele Fragen, schöne Herrin.« Volker legte den Kopf in den Nacken und blickte zum Himmel. Es war das erste Mal, daß er den Grabhügel verlassen hatte. Gestützt auf die Heilerin war er bis zum Ufer der kleinen Insel gelangt. Er saß auf einem umgestürzten Stein, der mit Spiralmustern geschmückt war. Nur ein paar Schritt entfernt brach eine heiße Quelle aus dem Fels hervor. Ein schwacher Westwind spielte mit den dichten Dampfschwaden, die aus dem Wasser aufstiegen, und trieb sie in den Sumpf hinaus.

Frisches Gras wuchs zwischen den Felsen, und dicht hinter der Quelle erhob sich ein blühender Ginsterbusch. Während der Zeit, die er in der Grabhöhle verbracht hatte, war der Frühling gekommen.

»Nun, willst du mir nicht antworten?« Die Fee blickte ihn forschend an. Bislang hatte sie ihm keine Fragen gestellt. Sie hatten kaum miteinander gesprochen. Manchmal jedoch, wenn sie glaubte, daß er schlief, war sie vor die Höhle getreten und hatte auf ihrer Harfe gespielt. Volker lauschte gerne ihrer Stimme. Sie war von kristallener Klarheit, ein wenig zu melancholisch vielleicht, doch das mochte auch an den Liedern liegen, die sie sang. Nicht ein einziges Mal hatte er sie eine fröhliche Melodie spielen hören.

Die Wahrheit konnte er seiner unbekannten Retterin nicht sagen. Sie würde ihn an die Ritter der Morrigan ausliefern müssen, wenn sie erfuhr, mit welcher Absicht er in die Sümpfe gekommen war. Er lächelte. Eine schöne Geschichte zu erfinden würde ihm nicht schwerfallen. »So wie Areion, der einst am Hofe des Königs Periandros lebte, bin ich ein Barde, der die Menschen mit seinem Spiel erfreut. Ich vermag zwar nicht wie Orpheus die wilden Tiere mit meiner Stimme in meinen Bann zu schlagen, doch gibt es am Rhein viele Fürstenhöfe, an denen ich ein gerngesehener Gast bin. Selbst an die Tafel von Königen war ich schon geladen, und sie haben mir meine Kunstfertigkeit mit Gold entlohnt. Doch mein Glück war mir zu Kopf gestiegen. Ich versuchte mich in Geschäften, die ich nicht erlernt hatte. So fuhr ich ins Land der Mauren und beschloß, dort für mein Gold kostbares Handelsgut zu kaufen, um meinen Reichtum noch zu vermehren. Weihrauch aus Arabia Felix habe ich dort erworben und lauteres Silber aus dem fernen Baktria. Auch bunte Seide aus einem Königreich, das so weit im Osten liegt, daß ein Mann auf einem Pferd wohl ein ganzes Jahr lang reiten müßte, um es zu erreichen. Wäre ich mit diesen Gütern nach Worms gelangt, so hätte mein Reichtum wohl den des Königs übertroffen, doch es war mein Schicksal zu scheitern, so wie einst auch Areion scheiterte. Wir hatten die Säulen des Herakles passiert, als unser Schiff in einen schrecklichen Sturm geriet und weit nach Westen abgetrieben wurde.« Volker seufzte und legte mit Bedacht eine kleine Pause ein. Für einen Moment lang war er plötzlich unsicher, ob er mit seiner Erzählung vielleicht zu sehr übertrieben hatte. Aus den Augenwinkeln betrachtete er seine Retterin. Gebannt hing sie an seinen Lippen. Sie schien Geschichten aus fernen Ländern zu mögen. Nun, die konnte sie haben.

»Es muß vor der Küste von Kernow gewesen sein, daß herulische Piraten mein Schiff angriffen. Sie erschlugen meine Männer und warfen ihre Leichen in die See. Auch ich wurde in dem Kampf von einem Pfeil verwundet, doch schonten sie mein Leben, als ich erklärte, daß ich ein berühmter Barde sei und daß sie Lösegeld für mich erhalten könnten. Ich mußte wilde Kriegslieder für sie singen, um sie zu unterhalten. Zugleich mit ihrem erfolgreichen Raubzug schien sie das Glück verlassen zu haben. Der Sturm war abgeflaut, doch trieb uns ein ungünstiger Westwind immer weiter von ihrem Versteck an der Küste von Dyfneint ab. Meine Wunde entzündete sich, und ich begann zu stinken wie ein Leichnam. Ich konnte hören, wie sie flüsterten, daß sie mich ins Meer werfen wollten. Doch einen Barden zu töten heißt, den Zorn der alten Götter herauszufordern. Schließlich beschlossen sie, mich in einem kleinen Boot auszusetzen und mein Schicksal den Wellen zu überlassen. So wurde ich an diese Küste getrieben. Ich hatte schweres Fieber und weiß nicht mehr, wie ich hierher gelangt bin. Ich erinnere mich, wie mein Boot in dichten Nebel getrieben wurde und wie sein Rumpf über Felsen schrammte. Ich stieg ins Wasser und watete zu den Felsen, die ich als dunkle Schatten erkennen konnte. Dort suchte ich Schutz vor dem eisigen Regen und glaubte, eine Höhle gefunden zu haben. So gelangte ich an jenen Ort, an dem ihr mich gefunden habt, Herrin.«

Die Fremde legte den Kopf schief. Einen Herzschlag lang fürchtete Volker, er könne sich durch irgendeine Kleinigkeit als Lügner entlarvt haben, doch dann nickte die Fee. »Die Sümpfe münden ins Meer. Die Flut treibt das Seewasser bis weit in die Marschen hinein. So muß dein Boot hierhergelangt sein, und da du versäumt hast, es aufs Land zu ziehen, wurde es abgetrieben.«

Der Spielmann nickte erleichtert. »Ja, so muß es gewesen sein. Ich verdanke Euch mein Leben. Man nennt mich Volker von Alzey. Mein Vater ist ein reicher Adliger, und so kommt es, daß meine Hand die Schwielen eines Kriegers trägt. Von Kindesbeinen an wurde ich im Gebrauch der Waffen unterrichtet, doch abends, wenn mein Vater mit seinen Freunden in der Halle unserer Burg feierte, lehrte meine Mutter mich das Lautenspiel. Daher rührt es, daß zwei Herzen in meiner Brust schlagen und ich oft im Zweifel bin, in welche Welt ich gehöre. Zu den fahrenden Sängern oder unter die Ritterschaft meines Königs. So will ich meine Laute und mein Schwert in Eure Dienste stellen, schöne Herrin, um meine Schuld bei Euch zu begleichen. Doch sagt, wie ist Euer Name? Ich möchte ein Lied für Euch dichten und von Eurer Schönheit und Eurem Edelmut singen. In meinen Fieberträumen glaubte ich manchmal, Harfenklang zu hören. Seid Ihr eine Bardin?«

Sie schüttelte den Kopf. Plötzlich wirkte sie traurig, so als habe er mit seinen Worten an eine alte Wunde gerührt. »Ich bin die wiedergeborene Göttin. Man nennt mich Neman, die Totenklägerin. Mit meinen Schwestern herrsche ich über Thirfo Thuinn, das versunkene Land. Ich komme hierher, um den Toten zu singen, und du bist der erste Mann, der diese Grabhöhlen lebend betreten hat. Meine Schwester Macha würde deinen Kopf nehmen, wenn sie von dir wüßte. Darum hüte dich, wenn ich nicht bei dir bin. Manchmal kommt auch sie zur Insel, doch sie betritt niemals das Grab. Sie ist eine große Kriegerin und würde dich erschlagen, wenn sie dich hier entdeckte. Doch du mußt leben! Es scheint, als seist du der Mann, den uns die Alten verheißen haben. Der Sänger, der sich aus den Gräbern der toten Helden erhebt.«

Volker nickte. Er hatte das unbestimmte Gefühl, daß es besser sei, ihr nicht zu widersprechen. Auch wenn sie seltsam war und sich für eine Göttin hielt, hatte sie zweifellos Macht. Vielleicht war sie sogar eine Magierin. Nur zu deutlich konnte er sich erinnern, wie sie den Bannspruch auf den Trunk legte, der das Gift in seinem Leib besiegt hatte. Sie zu reizen wäre gefährlich. Er mußte auf sie eingehen... Letzten Endes war auch sie nur eine Frau. Wenn er es richtig anfing, würde sie sich in ihn verlieben, und das wäre der Schlüssel zu seiner Flucht. Sie konnte ihn zu Gunbrid führen. Doch zunächst müßte er seine Kräfte wiedergewinnen. Die Krankheit hatte das Fleisch von seinen Knochen geschmolzen. Er war hager und kraftlos geworden. Ohne ihre Hilfe würde er nicht einmal bis zur Grabhöhle zurückkehren können.