Neman hatte sich auf einem Stein nahe der heißen Quelle niedergelassen. Gedankenverloren blickte sie in den wirbelnden Nebel, der über das Wasser glitt. Sie war schön. Nicht groß gewachsen und von zierlicher Statur. Das Gesicht feingeschnitten, vielleicht ein wenig zu länglich, doch unterstrich das ihre melancholische Ausstrahlung. Ihre schlanken Finger glitten über die Saiten der Harfe, und sie spielte eine Melodie voller Schmerz und Sehnsucht.
Mit einem wuchtigen Hieb schlug der Bischof Golo das Schwert aus der Hand. »Zum Teufel mit dir!« fluchte er und riß sich den Helm vom Kopf. »Du hältst dein Schwert immer noch wie eine Mistforke. Aus dir wird nie ein Ritter werden, du Bauerntrampel.« Ärgerlich winkte er einem Diener, der dicht bei der Tür stand, und ließ sich einen Becher voller Wein bringen.
»Schon am Königshof hättest du dich beinahe verraten. Und sieh mir gefälligst in die Augen. In unserer Geschichte bist du ein Mann von Stand und kein Pferdedieb. Ein Adliger blickt seinem Gegenüber in die Augen. Er ist zu stolz, um vor jemandem den Blick zu senken, und sei es selbst der Leibhaftige! Ist das klar?«
Golo nickte stumm. Sein Leben hatte sich von Grund auf geändert in den letzten Wochen. Seit sie den Hof in Martinopolis verlassen hatten, verfolgte der Bischof das Ziel, aus ihm einen Ritter zu machen. Jeden Morgen schickte Jehan ihn mit zwei seiner Vertrauten aus der Stadt. Die beiden sollten ihm das Reiten beibringen, weil er sich angeblich wie ein nasser Sack im Sattel hielt. Auch unterwiesen sie ihn im Kampf zu Pferde. Ihr Erfolg war allerdings alles andere als überragend und ihre Lehrmethoden nicht gerade feinfühlig. Sein Körper war mit Prellungen und Quetschungen übersät, und manchmal hatte Golo das Gefühl, daß sogar Lanzenbrecher seinen Spaß daran hatte, wenn er aus dem Sattel stürzte. Hätte er nur niemals sein Dorf verlassen! Er dachte daran, wie die jungen Mädchen während der Erntezeit in den Feldern mitgeholfen hatten. An ihre hochgesteckten Röcke, den silbrigen Schweiß auf ihrer Haut und die lachenden, sommersprossigen Gesichter.
»Nun, Ritter, was brütest du vor dich hin?«
»Ich habe mir Gedanken über die Minne gemacht und daß ich mir das Leben als ein Adliger anders vorgestellt hatte.«
Der Bischof gab seinem Diener den Becher zurück und grinste breit. »Möchtest wohl in die warmen Betten der Edelfräulein steigen? Macht es dir Freude, dir vorzustellen, wie du vor ihnen mit deinem Bauernschwanz wedelst und sie dich für einen Ritter halten? Ohne mich wärest du niemals soweit gekommen, vergiß das nicht! Und jetzt möchte ich deine ganze Hingabe beim Schwertkampf wissen! Bei deiner jämmerlichen Deckung wirst du nicht einmal deine erste Schlacht überleben, du Hundsfott. Sei gewiß, daß ich dafür sorgen werde, daß du dich zuerst in einer Schlacht bewährst, bevor du ein Weib von edlem Blut bekommst.« Jehan setzte seinen Helm auf und zog sein Schwert.
So wie die Strahlen der Sonne jeden Tag an Kraft gewannen, so fühlte auch Volker sich zunehmend stärker. Neman besuchte ihn nur unregelmäßig, und manchmal geschah es, daß er für mehrere Tage alleine war. Sie brachte ihm reichlich Nahrung und gelegentlich auch trockenen Torf, mit dem er ein kleines Feuer unterhalten konnte.
Je stärker er sich jedoch fühlte, desto unruhiger wurde er. Der Grabhügel war ein Ort, der ihm Angst einflößte. Obwohl sein Fieber verflogen war, quälten ihn nachts noch immer unheimliche Träume. Er sah, wie sich die Toten aus ihren Gräbern erhoben und ihn umringten. Sie nahmen ihn in ihre Mitte und drängten ihn, immer tiefer in den Hügel hinabzusteigen. Volker versuchte, sich ihnen zu widersetzen. Er zog sein Schwert und kämpfte. Doch wo er eines der kopflosen Skelette in Stücke hieb, erhoben sich sofort zwei neue. Immer dichter wurde die Wand aus lebendigem Gebein um ihn herum, bis sie schließlich zu einer regelrechten Mauer aus übereinandergeschichteten Knochen anwuchs. Der Traum hatte immer dasselbe Ende. Seine Kräfte erlahmten. Er gab auf und folgte dem Drängen der Toten. Sie brachten ihn tief in die Erde, bis zu einer steinernen Pforte. Unheimliche Worte in einer längst vergessenen Sprache ertönten. Das Tor öffnete sich, doch bevor er die Schwelle überschreiten konnte, erwachte er.
Um den Träumen zu entgehen, floh Volker aus dem düsteren Grab. Er mißachtete die Warnungen Nemans. Erst wagte er sich nur bis zum Eingang des Grabhügels, doch dann lockte ihn die Sonne, und er unternahm den ersten Streifzug über die kleine Insel.
Das Reich, in dem er gefangen war, war winzig. Nach Norden hin maß die Insel dreihundert Schritt. Von Ost nach West waren es nicht einmal hundertfünfzig. Sie bestand fast völlig aus kargem, grauen Fels. Den Grabhügel in ihrer Mitte hatte man aus Torfplatten errichtet, die aus dem Moor gestochen worden waren. Eine gewaltige Arbeit. An seiner höchsten Stelle ragte das Grabmal fast zehn Schritt in die Höhe, und Volker schätzte, daß es einen Durchmesser von mehr als vierzig Schritt haben mußte. Auf dem Hügel wuchsen Gras und einige Blumen. Wind und Regen hatten dem Berg von Menschenhand zugesetzt. An manchen Stellen war Torf herausgespült worden und hatte sich zwischen den zerklüfteten Felsen der Insel abgelagert. Auch dort wuchs Gras, und wie grüne Adern erstreckten sich die Streifen des Schwemmgrundes bis hin zu dem dunklen Wasser, das statt einer Mauer Volkers Kerker umgab.
An den ersten beiden Tagen, an denen er sich hinauswagte, genoß er es, der Dunkelheit der Höhle entkommen zu sein. Doch nur allzubald vermochten ihm auch diese Ausflüge aus dem Totenreich keine Freude mehr zu bereiten. Im Gegenteil, sie vertieften nur seine Einsamkeit und seine Verzweiflung. Nicht nur seinen Körper hatte man eingekerkert! Obwohl ihn draußen auf dem Hügel keine Mauern umgaben, war es unmöglich, den Blick über die Weite der Landschaft wandern zu lassen und so wenigstens dem Geiste seine Freiheit zu lassen. Überall zwischen den Felsen der Insel brachen warme Quellen hervor. Wie ein Ring umgaben sie das kleine Eiland, und der dichte Wasserdampf wurde zu einer weißen Mauer. An warmen, windstillen Tagen stieg der Dunst fast senkrecht über der Insel auf. Dann konnte Volker wenigstens ein Stück des blauen Himmels über sich sehen und den Lauf der Sonne beobachten. Doch sobald sich nur der leiseste Luftzug regte, wurde der Nebel in dichten Schwaden über die Felsen getrieben, und man vermochte kaum noch die Hand vor Augen zu erkennen.
Gleichzeitig mit dem Blick schien ihm auch sein Geist gefangen. Er hatte kaum die Kraft, an Flucht auch nur zu denken. Einmal umrundete er die Insel und versuchte abzuschätzen, von welcher Stelle aus die besten Aussichten bestanden, schwimmend zu entkommen. Doch nirgends war der Schatten eines anderen Ufers auszumachen. Ins Wasser zu gehen hieße, sein Leben dem Schicksal anzuvertrauen. Obendrein war er auch kein sonderlich guter Schwimmer und noch immer durch seine Verwundung geschwächt. Weit würde er also nicht kommen. Er war nie ein Mensch gewesen, der große Pläne machte. Seine Entscheidungen traf er oft aus einer Laune heraus. Doch wurde ihm auch klar, wie wichtig für all sein Handeln ein äußerer Anreiz war. Eine Frau, die ihn entzückte, eine Stadt, die er sehen wollte, ein fernes Land, von dem man ihm Wunderdinge erzählte und das er bereisen wollte. All dies fehlte hier. Seine Welt war im gleichen Maße geschrumpft, wie seinem Bewegungsdrang und vor allem seiner Sicht Grenzen gesetzt waren. Immer besser konnte er die Neugier verstehen, mit der Neman seinen Geschichten von fernen Ländern lauschte. Ihre einzige Möglichkeit zu reisen war, auf den Flügeln der Phantasie und geleitet durch die Worte eines Barden zu den Wundern fremder Länder zu fliegen.