Was am schwersten auf Volkers Gemüt drückte, war die Angst um seine Seele als Christenmensch. Mit der Zeit war er sich nicht mehr sicher, ob die Geschichten über die Feen aus den Sümpfen wirklich nur Märchen waren, wie er bislang immer geglaubt hatte. Eines war jedenfalls gewiß. Neman war nicht die Anführerin einer Räuberbande. Und doch hatte sie in einem ihrer wenigen Gespräche angedeutet, daß ihre Schwester Macha erst vor kurzem viele Sklaven gefangen hatte. Was den Spielmann ebenfalls verunsicherte, war die Art, wie Neman sich selbst als eine wiedergeborene Göttin bezeichnete. Was für eine infame Ketzerei! Und doch ließ sich nicht leugnen, daß sie über ungewöhnliche Kräfte verfügte. Sie hatte ihn geheilt und den Wundbrand besiegt, dabei hätte kein Medicus, den er kannte, für sein Leben noch einen Pfifferling gegeben. Eine Göttin war Neman sicherlich nicht, doch dafür gewiß eine mächtige Magierin.
Volker war den Grabhügel hinaufgestiegen, während er seinen dunklen Gedanken nachhing. Als er den Zenit erreichte, ließ er sich ermattet ins hohe Gras sinken und blickte zur Sonne hinauf, die nur als blasse, gelblichweiße Scheibe hinter den treibenden Nebelschleiern zu sehen war. Sie nannte ihn den Sänger, der sich aus den Gräbern der toten Helden erhebt. Der Spielmann hatte versucht, von ihr zu erfahren, was sie damit meinte, doch seine Heilerin war allen Fragen ausgewichen. Bei ihrem nächsten Besuch hatte sie ihm allerdings eine Laute mitgebracht. Es war ein grobes Instrument, das sich seiner Kunst widersetzte und offenbar nur schiefe Töne von sich geben mochte. Dennoch war die Fee mit seiner Kunst zufrieden gewesen und hatte ihm geraten, er solle sich in Spiel und Gesang üben. Vielleicht sollte er ein Lied für Neman dichten. Die meisten Frauen waren anfällig für derlei Schmeicheleien. Noch hatte sein Charme auf die Fee zwar keinerlei Wirkung gezeigt, doch das würde sich ändern! Womöglich war sie noch eine Jungfrau und wußte nicht recht, was mit Männern anzufangen war. Volker lächelte. Er würde sie schon noch in die Künste der Liebe einführen!
Eine Weile hing er seinen Gedanken nach, bis ein eigenartiges Geräusch ihn aufhorchen ließ. Es war ein Klatschen, so als krieche ein großes Tier aus dem Sumpf an Land. Volker tastete nach dem Schwert an seiner Seite. Was im Namen des Herren war da auf seiner Insel? Das Geräusch klang jetzt fast rhythmisch. Ganz langsam erhob sich der Spielmann und spähte in die treibenden Nebelschwaden. Was für eine Kreatur war da nur gekommen, um ihn heimzusuchen? Bislang hatte er noch keinen Gedanken daran verschwendet, daß der Sumpf außer den Feen vielleicht noch andere, gräßlichere Geschöpfe ausspucken könnte.
Vorsichtig schlich er den Hang hinab und duckte sich immer wieder in das kniehohe Gras. Es schien, als bewege sich das Geschöpf, das diese eigenartigen Laute verursachte, nicht von der Stelle. Volker zog sein Schwert. Vielleicht konnte er das Ungeheuer überraschen?
Er mußte schon fast das Ufer erreicht haben. Das Geräusch kam ihm auf unbestimmte Art vertraut vor. Er hatte es schon einmal gehört, wußte aber nicht zu sagen wo.
Plötzlich sah er eine kauernde Gestalt vor sich. Ein Frau mit langem Haar kniete auf einem Felsen am Ufer und schlug ein zusammengeknülltes Kleidungsstück gegen den Stein. Dann tauchte sie es wieder in Wasser und rieb es am Felsen entlang. Eine Wäscherin! Volker atmete auf und schob sein Schwert in die Scheide zurück. Auf welchem Weg sie wohl hierher gelangt war? Gab es am Ende doch eine Möglichkeit, ohne ein Boot die Insel zu verlassen?
Einige Atemzüge lang beobachtete er die Frau. Der Nebel verbarg sie halb vor seinen Blicken, so daß er sie nicht genau erkennen konnte. Schließlich faßte er sich ein Herz und trat auf den flachen, vorspringenden Fels, auf dem sie kauerte. »Seid mir willkommen auf meiner Insel, schöne Fremde, und...«
Mit einem spitzen Schrei sprang die Wäscherin auf. Das nasse Kleidungsstück entglitt ihren Fingern. Sie machte einen Satz zurück, so daß sie bis zu den Knien im Wasser stand. »Komm mir nicht näher! Mich zu sehen heißt zu sterben! Ich bin Babd, die Unglücksbotin!«
Volker breitete die Arme aus. »Ich wollte Euch nicht erschrecken. Verzeiht.«
»Du kannst mich nicht erschrecken! Ich habe deine Nähe gespürt, doch hätte ich nicht gedacht, daß du so töricht wärst, zu mir auf meinen Felsen zu kommen. Laß mich ziehen! Meine Arbeit ist getan... Noch ist es dir nicht verheißen, mein Antlitz zu sehen. Dir ist es bestimmt zu leben!« Sie legte den Kopf in den Nacken und stieß einen Laut aus, der an das Krächzen eines Raben erinnerte.
Der Spielmann trat einen Schritt vor. »Was tut Ihr da?«
»Dich retten, du Tor! Weiche von mir!«
Ein Windstoß zerriß die Nebelschleier, und einen Atemzug lang konnte Volker die Gestalt der Frau deutlich erkennen. Sie trug ein langes, weißes Kleid ohne Ärmel. Prächtige Goldreifen wanden sich schlangengleich um ihre Arme. Es war Neman! Seine Retterin! Sie war zwar anders gekleidet und trug ungewöhnlichen Schmuck, doch konnte es keinen Zweifel geben! Fast augenblicklich riß die Fee ihre Arme hoch und bedeckte ihr Gesicht. »Komm nicht näher, du Narr! Zurück in den Nebel mit dir!«
»Mit wem sprecht Ihr, Herrin?« ertönte eine dunkle Männerstimme.
»Es sind die Geister der toten Helden. Sie sind unruhig, so als würden sie spüren, daß Arbotorix sich bald zu ihnen gesellen wird.« Die Wäscherin kniete nieder und griff rasch nach dem zerknüllten Kleidungsstück, das vor ihr im Wasser trieb. Hinter ihr tauchte der Schatten eines Bootes auf. Undeutlich konnte Volker einen Mann mit einer langen Stange erkennen, der im Heck stand.
»Warte, Neman!« Volker versuchte, nach ihrem Arm zu greifen, doch die Heilerin war mit einem Satz im Boot, und der Fährmann stakte es sofort vom Ufer fort.
»Nehmt mich mit! Laßt mich nicht hier auf dieser verfluchten Insel!«
Volker konnte hören, wie der Mann etwas murmelte. Die Fee jedoch schwieg. Schnell war das Boot im Nebel verschwunden.
11. KAPITEL
An das Gewicht der Rüstung hatte Golo sich immer noch nicht gewöhnt. Wie konnte man sich nur freiwillig in solche Mengen von Metall zwängen? Sein Kettenhemd saß schlecht. Es zwickte und zwackte überall. Und erst der Topfhelm! Sein ehemaliger Besitzer war vom Pferd gestürzt und so unglücklich gefallen, daß er zunächst kein Glied mehr zu rühren vermochte und drei Tage nach dem Unfall verstarb. Leider hatten es die Flöhe im Strohpolster des Helms ihrem ehemaligen Herren nicht gleichgetan. Sie hatten den Sturz offenbar unversehrt überstanden.
Der Blick des Knappen wanderte über die große Wiese vor der Stadtmauer. Durch die schmalen Sehschlitze des Topfhelms hatte er keinen sonderlich guten Überblick. Aber Lanzenbrecher würde schon wissen, wohin er sich halten mußte. Unsicher blickte der Knecht nach rechts und links. Wenn die edlen Herren an seiner Seite wüßten, wer er war, sie würden ihn zweifellos in Stücke reißen. Ein Unfreier, der sich erdreistete, eine Rüstung anzulegen und an einem Turnier teilzunehmen! Sein Schild und sein Waffenrock waren weiß und trugen kein Wappen. Ein Zeichen dafür, daß er zum ersten Mal in einem Turnier focht. Golo wäre es lieber, wenn ihn der Bischof niemals zu dieser Scharade gezwungen hätte. Doch Jehan bestand darauf, das betrügerische Spiel fortzusetzen, das sie in Martinopolis am Königshof begonnen hatten.
Lanzenbrecher schnaubte. Der große Hengst schien sich auf den bevorstehenden Kampf zu freuen. Fast hundert Ritter aus Aquitanien und den angrenzenden Königreichen hatten sich zum Pfingstturnier eingefunden. Sie waren in zwei Gruppen aufgeteilt worden, die nun an den gegenüberliegenden Enden einer großen Wiese Aufstellung genommen hatten. Alle warteten sie nur noch auf das Signal der Hornisten, die vor der Ehrentribüne des Bischofs standen. Die Ritterschar auf der feindlichen Seite bot einen eindrucksvollen Anblick. Die meisten hatten nach der neuen Mode aus Outremer ihren Rössern bunte Tücher in den Farben ihrer Wappenschilde und Waffenröcke übergeworfen. Einige hatte sogar ihre Lanzen bunt anmalen lassen und trugen auf ihren Helmen so seltsamen Schmuck wie Pferdeköpfe, Adlerflügel oder Greifen. Alle waren mit Kettenhemden gerüstet, die in der Sonne des Pfingstmorgens wie lauteres Silber glänzten. Golo grinste. Auch er hatte einen Diener des Bischofs gestern abend damit beauftragt, für ihn das Kettenhemd zu polieren. Ohne Zweifel hatte es auch seine Vorteile, sich wie ein Adliger aufführen zu dürfen. Wenn er nur nicht gezwungen wäre, an diesem Turnier teilzunehmen!