Выбрать главу

Der Ritter zu seiner Rechten trug ein rotes Tuch aus feinem Leinenstoff um seinen Oberarm gewickelt. Das Liebespfand einer Dame. Was ihn anging, so gab es keine hübsche Maid, die ihn mit Herzklopfen beobachtete, dachte der Knecht bitter. Nach den Drohungen des Bischofs hatte er sogar darauf verzichtet, mit den Küchenmägden anzubandeln. Seit Wochen lebte er wie ein Mönch! Dabei hatte Saintes durchaus hübsche Weibsbilder zu bieten.

Golo packte die Lanze fester. Wenn nur endlich das Signal zum Angriff käme! Diese elende Warterei machte ihn noch ganz verrückt. Sechs Wochen lang hatte ihn der Bischof und sein Rüstmeister im Schwertkampf und im Lanzenreiten ausgebildet. Doch was bedeutete das schon? Die meisten Ritter hier auf dem Feld waren gewiß von Kindesbeinen an in den Waffenkünsten unterwiesen worden. Wahrscheinlich durfte er froh sein, wenn es ihm gelang, die Turnierbahn ohne gebrochene Knochen zu verlassen.

Hinter der Absperrung und auf den Tribünen rings herum drängelten sich Hunderte von Zuschauern aus der Stadt und den nahegelegenen Dörfern. Auch die Krieger aus der Armee, die der Bischof in den letzten Wochen aufgestellt hatte, waren unter den Zuschauern. Es hatten sich Söldner aus aller Herren Länder unter dem Banner des Bischofs von Saintes versammelt. Fränkische Axtkämpfer, Schleuderer von den Balearen, eine Schar leichter Reiter vom Hof des Hunnenkönigs Etzel, normannische Ritter aus Armorika, Spießträger aus Spanien und aus dem Königreich der Langobarden. Sogar ein paar Alchemisten aus dem goldenen Byzanz waren gekommen, und man munkelte, daß Jehan sie sogar besser bezahlte als einen voll gepanzerten Ritter, der mit eigenem Gefolge in die Schlacht zog. Aus Aquitanien waren ungefähr sechzig Ritter dem Heerbann gefolgt. Jeder von ihnen hatte einen kleinen Trupp Fußsoldaten und Bogenschützen mitgebracht, so daß das Heer, das sich vor Saintes versammelt hatte, mittlerweile mehr als zweitausend Köpfe zählte. Golo hatte noch nie zuvor so viele Bewaffnete an einem Ort gesehen und war der festen Überzeugung, daß keine Macht der Welt dieser Armee widerstehen könnte. Nicht einmal das Nachtvolk aus den Sümpfen!

Das Hornsignal hallte über das Feld. Der Knecht klemmte sich die Lanze fest unter die Achsel, so wie er es in den letzten Wochen gelernt hatte. Lanzenbrecher setzte sich von ganz alleine in Bewegung. Hunderte Hufe zerwühlten donnernd das frische Grün der Pfingstwiese. Die beiden Reiterformationen trafen aufeinander. Lanzen splitterten, Pferde wieherten, und die Schreie Verletzter ertönten. Golos Gegner war ein Mann in einem roten Waffenrock. Er hatte den Kerl noch nie zuvor gesehen. Der Knecht zielte mit seiner Lanze in die rechte Hälfte des gegnerischen Schildes. Ein Schlag wie von der Faust eines Riesen traf ihn. Der andere Ritter wankte im Sattel. Dann stürzte er. Lanzenbrecher stürmte weiter. Halb benommen erreichte Golo das andere Ende der Turnierwiese. Er hatte gewonnen! Er, ein Knecht, hatte einen dieser stolzen, überheblichen Ritter ins Gras geschickt. Er konnte es kaum glauben.

Ohne sein Zutun ordnete sich Lanzenbrecher in die Formation der Reiter ein, die wieder nebeneinander in einer langen Reihe Aufstellung nahmen. Waffenknechte und Diener eilten auf den Turnierplatz, um jenen Rittern zu helfen, die sich nicht mehr aus eigener Kraft erheben konnten. Pferde wurden weggeführt, und junge Schildknappen räumten zersplitterte Lanzenschäfte und zerbrochene Wappenschilde vom Feld. Dann ertönte erneut das Hornsignal vor der Tribüne des Bischofs, und wieder preschten die Reihen der Reiter aufeinander zu. Golo sah sich einem Ritter gegenüber, der so wie er ganz in Weiß gekleidet war. Noch ein Kämpfer, der sein erstes Turnier bestritt. Offenbar hatte der andere ihn ausgesucht, weil er in ihm leichte Beute vermutete. Der Knecht preßte grimmig die Lippen aufeinander. Dem Kerl würde er es zeigen! Seine Lanze traf genau ins Zentrum des gegnerischen Schildes. Golo hielt seinen Schild leicht zur Seite geneigt, so daß die gegnerische Waffe fast wirkungslos an ihm entlangschrammte. Einen Lidschlag lang bog sich seine eigene Lanze bedrohlich unter dem Druck des Aufpralls. Dann stürzte sein Gegner! Noch ein Sieg. Golo schrie vor Freude. Er war nicht schlechter als diese Adligen. Sicher gab es manches Edelfräulein, das sich jetzt fragte, welcher unbekannte Held sich hinter dem weißen Wappenschild verbergen mochte.

Wieder wurde der Kampfplatz gesäubert. Es gab einen kurzen Zwischenfall. Ein Ritter in rotem Waffenrock lag leblos am Boden. Der Medicus des Bischofs wurde hinzugewunken. Auch zwei andere Ritter knieten nun neben dem Mann. Als sich der Arzt endlich erhob, schüttelte er den Kopf. Ein weißes Leinentuch wurde über den Ritter gebreitet. Dann hob man ihn auf eine Trage und schaffte ihn von der Wiese.

Golo hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Wer dieser Krieger gewesen sein mochte? Heute morgen war er gewiß noch voller Hoffnung auf den Siegeslorbeer in dem Turnier gewesen. Jetzt hatte der unglückliche Sturz seine Träume auf immer beendet. Der Knappe hatte bislang keinen Gedanken daran verschwendet, wie viele Möglichkeiten es gab, bei einem Turnier zu sterben. Eine Lanze, die den Schild verfehlte... Ein schweres Schlachtroß, das über einen hinwegtrampelte...

Wieder ertönte das Hornsignal vor der Tribüne, und diesmal zitterte Golos Hand, als er sich die Lanze unter die Achsel klemmte. Ein Ritter mit einem schwarzen Drachen auf rotem Schild hielt diesmal auf ihn zu. Der Knappe keuchte. Er kannte dieses Wappen! Es war der Anführer der normannischen Ritter aus Armorika, Berengar von Broceliande, der dort auf ihn zukam. Ein berühmter Krieger, der schon unzählige Turniere gewonnen hatte. Golo begann zu beten. Wäre nur schon alles vorbei!

Die Lanze des Gegners traf ihn mit voller Wucht. Als erfahrener Kämpfer hatte Berengar auf die rechte Hälfte von Golos Schild gezielt, so daß die Spitze der Waffe nicht so leicht abgleiten konnte. Der Knappe wurde in seinem Sattel nach hinten gedrückt. Seine Schenkel verkrampften sich um Lanzenbrechers Leib. Golo fühlte, wie sich sein rechter Fuß im Steigbügel verfing. Dann gab es einen Knall. Splitter schlugen gegen seinen Helm. Berengars Lanze war zerbrochen! Sie mußte bei einem der vorangegangenen Kämpfe Schaden genommen haben. Augenblicklich war der Druck verschwunden. Die beiden Ritter passierten einander. Atemlos erreichte Golo das rettende Ende des Turnierplatzes.

Bei allen Heiligen! Er war gegen einen der berühmtesten Ritter der Christenheit angetreten und im Sattel geblieben. Gewiß war ein wenig Glück dabei im Spiel, doch war ihm nun endgültig klar, daß diese Ritter auch nur Männer aus Fleisch und Blut waren und es mit ihrer Waffenkunst nicht so weit her war, wie er immer geglaubt hatte. Man konnte sie besiegen! Selbst die besten unter ihnen!

Der Knecht blickte die Reihe der Reiter entlang, die am anderen Ende des Feldes erneut Aufstellung nahm. Es waren vielleicht noch fünfzehn Krieger. Auf ihrer Seite sah es gewiß nicht besser aus. Der Ritter mit dem Drachenschild rief nach einem seiner Knappen. Man brachte ihm eine neue Lanze. Berengar zeigte mit der Waffe herausfordernd zu ihm herüber. Golo nickte. Er würde annehmen. Diesmal sollte der Kerl vor ihm im Dreck liegen!

Das Feld war schnell geräumt. Wieder ertönte das Angriffssignal. Diesmal spürte Golo keine Angst mehr. Er hielt den Blick starr auf den Ritter mit dem Drachenschild gerichtet. Fast gleichzeitig senkten sie beide die Lanzen. Es war, als ob ein Feenzauber über dem Turnierplatz läge. Die Bewegungen Berengars erschienen dem Knecht unnatürlich langsam. So blieb ihm Zeit, mit seiner eigenen Lanze sorgfältig auf die Mitte des gegnerischen Schildes zu zielen. Kurz vor dem Aufprall korrigierte er mit einem leichten Schwenk noch ein letztes Mal die Richtung. Dann traf die Spitze krachend auf den schwarzen Drachen. Der Normanne neigte den Schild zur Seite. Golo fluchte. Er konnte sehen, wie seine Turnierlanze an der Schräge abglitt. Sein eigener Schild wurde ihm nun mit Wucht gegen die Brust gepreßt. Helle Lichter tanzten in seinem Helm. Plötzlich sah er nur noch das Blau des Himmels. Einen Herzschlag lang fühlte er sich, als treibe er im Wasser eines langsam dahinfließenden Stroms. Dann schlug er hart auf den Boden, und ihm wurde schwarz vor Augen.