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Volker war auf die Begegnung mit der Wäscherin nie zu sprechen gekommen. Neman schien nichts davon zu wissen, und er hatte beschlossen, daß es klüger sei, die schweigsame Heilerin nicht zu fragen. Überhaupt vermied er alles, wovon er befürchtete, daß er damit die junge Frau erzürnen könnte. Statt dessen ließ er seinen Charme spielen und versuchte die Unnahbare zu verführen oder wenigstens für sich zu gewinnen. Niemals zuvor hatte er eine Frau getroffen, die so kalt war. Nie sah er sie von Herzen lachen, und wenn sie lächelte, blieb sie dabei doch stets melancholisch. Vergeblich versuchte er, sie dazu zu bringen, von sich zu erzählen. Er erfuhr lediglich, daß sie sich selbst für eine Göttin hielt und noch zwei Schwestern hatte.

Ihre einzige Schwäche war die Liebe für Geschichten aus fernen Ländern. Und so verbrachte Volker die vielen einsamen Stunden, die er allein auf der Insel war, damit, stets neue, farbenfrohe Erzählungen von fremden Ländern zu ersinnen. Er erzählte von den Lotusblütenessern, von denen Homer berichtet, und von jenem Volk kranichköpfiger Menschen, das der verbannte Herzog Ernst besuchte. Von den Heiligenlegenden der christlichen Kirche wollte Neman nichts wissen. Sie war zutiefst in ihrem Heidentum verwurzelt, und Volker gab es schnell auf, ihre Seele retten zu wollen, indem er sie zum wahren Glauben bekehrte. Oft, wenn er allein auf dem Grabhügel saß und in den Nebel starrte, brütete er darüber nach, was diese unnahbare Frau für ihn bedeutete. Ursprünglich hatten seine Bemühungen einzig das Ziel, mit ihr gemeinsam die Insel zu verlassen und so vielleicht eine Gelegenheit zur Flucht zu erhalten. Doch diese Gedanken traten mit der Zeit mehr und mehr in den Hintergrund. Sehnsüchtig fieberte er ihren Besuchen entgegen und genoß es, wenn sie vor ihm saß und mit großen Augen seinen Geschichten lauschte. Er war sich allerdings nicht sicher, ob es die Einsamkeit war, die ihn so fühlen ließ, oder ob er tatsächlich begann, sich in seine Lebensretterin zu verlieben. Im Grunde hielt er nichts von jener Form der Minne, die ihre Erfüllung in der Anbetung einer Dame fand. Eine Liebe, die nur im Geiste vollzogen wurde, war noch nie sein Ideal gewesen.

Seine Wunde war fast völlig verheilt, und endlose Tage waren verstrichen, seit er auf dem einsamen Eiland gestrandet war, als eines Nachmittags Neman in heller Aufregung zu ihm kam. Er saß im Eingang der Grabhöhle und starrte wie so oft in den wirbelnden Nebel der nahegelegenen Quelle, als sich ihre vertraute Gestalt aus dem weißen Dunst schälte. Es war das erste Mal, daß ihr das Haar, das sonst stets gekämmt und wohlgeordnet war, in wirren Strähnen ins Gesicht hing. Atemlos kam sie auf ihn zugelaufen.

»Der Streiter der Morrigan ist heute morgen gestorben. Er war nicht mehr in der Lage, das Beltaine-Feuer zu entzünden. Das ist ein böses Omen. Wenn das Licht, das die Dunkelheit vertreiben soll, nicht entzündet wird, dann müssen die Ernten auf den Feldern verrotten, und das Vieh wird unfruchtbar bleiben. Nach Sonnenuntergang werde ich mit meinen Jungfern dem Toten das letzte Geleit zu diesem Sidh geben, dem Hügel der toten Helden. Krieger werden bis zum Eingang des Grabes mit uns kommen, und es wird kein Versteck für dich geben, in dem du unentdeckt bleiben kannst.«

Volker stutzte einen Moment und sah sie fragend an. »Du willst mich also von hier fortbringen?« Einer der wenigen Fortschritte der letzten Wochen bestand darin, daß sie es duldete, daß er sie mit dem vertrauteren Du ansprach.

Die junge Frau schüttelte energisch den Kopf. »Nein! Ich habe lange über dich nachgedacht, und ich glaube, daß du tatsächlich jener Sänger bist, von dem die alten Geschichten erzählen. So wie es verheißen ist, hast du dich aus den Gräbern der toten Helden erhoben. Man sagt, daß der Sänger Unglück und Veränderung bringen wird. Dazu passen der Tod des Streiters der Morrigan und die nicht entzündeten Beltaine-Feuer. Es scheint, als sei ich lange blind für das Offensichtliche gewesen, und auch die anderen werden nichts begreifen können, wenn ich ihnen nicht zeige, was sie sehen wollen.«

Volker hatte keines ihrer Worte verstanden, doch setzte er eine ernste Miene auf und nickte zustimmend. Neman griff nach der Öllampe, die im Eingang der Grabhöhle stand, und winkte ihm zu. »Folge mir! Ich muß dich nun auf verbotenen Grund führen. Nur dort werden meine Jungfern in dir den erkennen können, der du wirklich bist.«

Der Spielmann hoffte, daß dies nicht der Fall sein würde, und folgte Neman. Zunächst glaubte er, sie wollte ihn nur ein Stück tiefer in den gewunden Gang führen, um ihm eine Nische zu zeigen, wo er vor den Blicken der anderen Priesterinnen verborgen sein würde, doch als ihr Weg sie immer weiter ins Innere der Erde brachte, begann er unruhig zu werden. Die Bilder seiner Alpträume standen ihm wieder lebhaft vor Augen. Die tanzenden Toten, die ihn ins Verderben ziehen wollten. Die Mauer aus lebendigem Gebein...

»Wohin bringst du mich, Neman?«

»An den Ort deiner Fleischwerdung, Sänger. Du möchtest doch von hier entfliehen. Dies ist der Weg! Wenn du tust, was ich dir sage, so wirst du noch vor Sonnenaufgang der König meines Volkes sein. Sie wissen Sänger zu schätzen, doch mußt du ihnen in dieser Nacht als das erscheinen, was sie in dir sehen wollen, sonst bist du des Todes!«

Eine Weile gingen sie schweigend weiter. Das flackernde Licht der Lampe warf geisterhafte Schatten auf die Wände des Ganges. Überall gab es Nischen, in denen Skelette lagen. Hier und da schimmerte grün angelaufene Bronze und das Braun lange verrosteter Klingen. Es schienen nur Krieger in diesen Gräbern zu liegen, und allen war gemein, daß sie keinen Kopf hatten. Betrieben die Feen etwa auch mit ihren eigenen Helden diesen gräßlichen Trophäenkult? Volker hatte sich das in den letzten Wochen schon oft gefragt, doch wagte er es nicht, Neman darauf anzusprechen.

Warmer Schweiß lief dem Spielmann übers Gesicht. Es schien immer wärmer zu werden, je tiefer sie kamen. Oder war es seine Angst...

Plötzlich blieb Neman unvermittelt stehen und hob die Lampe. Ein großer, grauer Stein verschloß den Gang. Es war der Fels, den Volker aus seinen Träumen kannte. Keuchend atmete der Spielmann aus. Er wünschte, er wäre wieder in jener verzweifelten Schlacht, in der er allein mit einer Handvoll Rittern den König verteidigt hatte. Jener laue Sommertag, an dem er dem Tod so nahe wie nie zuvor gewesen war, erschien ihm jetzt, in der Erinnerung, vergleichsweise angenehm. Er hatte das Gefühl, an der Pforte zur Hölle angelangt zu sein.

Neman drehte sich um und hielt ihm die Öllampe hin. »Halt das!« befahl sie knapp und wandte sich wieder dem Felsen zu. Ihre blassen, schlanken Hände glitten über die rauhe, mit fremdartigen Bildern geschmückte Oberfläche des Steins. Sie murmelte etwas in einer Sprache, die der Spielmann noch nie zuvor gehört hatte. Dann drückte sie gegen den Fels, und mit dumpfem Dröhnen rollte der gewaltige Stein zur Seite.

Volker starrte die zierliche Frau mit weit offenem Mund an. Es hätte seiner Meinung nach mindestens der Kraft eines Riesen bedurft, um diese Pforte zu öffnen. Doch die Heilerin machte kein Aufhebens darum. Ohne ein Wort nahm sie ihm die Lampe aus der Hand und trat in die niedrige Kammer hinter dem Tor.