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Der Spielmann preßte die Lippen zusammen. Sie war nur ein Weib, und wie er war auch sie nur aus Fleisch und Blut. Wenn sie sich dort hineinwagte, dann würde er ihr folgen! Die Kammer, die er betrat, war vielleicht acht Schritt lang und höchstens fünf Schritt breit. Die Decke war so niedrig, daß er den Kopf einziehen mußte. Ein muffiger Geruch nach Staub und Verwesung lag in der Luft. Decke und Wände waren mit dicken, grob bearbeiteten Holzbalken verschalt. Die Kammer lag voller Gerümpel, das er in dem schwachen Licht nicht recht zu erkennen vermochte. An einer der Wände lehnten hohe Karrenräder. Dicht daneben schien ein Thron aus gehämmerter Bronze zu stehen, dazu ein eigenartiges, schmales Bett, das auf einer Längsseite mit einer hohen, sanft geschwungenen Lehne versehen war. Zwischen dem Gerümpel lagen Skelette. Manchen hatte man Schwerter und Speere auf die letzte Reise mitgegeben. Auch ein großer Bronzeschild lehnte an einem hohen Kessel, dessen Rand mit Löwenfigürchen geschmückt war. Neman ging zu einem Ständer, in dem eine halb verkohlte Fackel steckte, und zündete sie mit dem Docht der Öllampe an. Dann wandte sie sich zu Volker um. »Zieh dich aus!«

Der Spielmann starrte sie fassungslos an. Im Grunde war es das, was er seit Wochen wollte, doch an diesem Ort und...

»Du kannst nicht in deinen Kleidern auferstehen. Man sieht ihnen zu deutlich an, daß sie aus der Welt jenseits des Nebels kommen.«

Volker räusperte sich. »Was soll ich hier unten? Ich meine, das ist kein sonderlich romantischer Ort, und es könnte vielleicht...«

»Was glaubst du eigentlich, was ich von dir will?« zischte die Heilerin gereizt.

»Nun, dein Befehl läßt doch wohl nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig...«

»Dann befolge ihn!«

Volker blickte ihr in die Augen. Das Gesicht der Heilerin war eine Maske. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Angst vor einer Frau. Seine Hände glitten zur Schnalle seines Wehrgehänges. Er löste den Gürtel und ließ die Waffe zu Boden gleiten. Dann öffnete er sein von dunklem Blut verkrustetes Wams. Als nächstes streifte er die Tunika ab und ließ zuletzt seine Beinlinge zu Boden gleiten.

Neman zeigte auf seine leinene Bruech. »Ich meine alles, Spielmann. Keiner meiner Krieger trägt so etwas.«

Volker öffnete den Gürtel der knapp geschnittenen Leinenhose, und die Heilerin lächelte zufrieden. »Kommen wir nun zum nächsten Teil.« Sie nestelte ein kleines Gefäß mit einer breiten Öffnung aus einem der Lederbeutel an ihrem Gürtel. »Du mußt aussehen wie ein Kämpfer, der bereit ist, in die Schlacht zu ziehen.« Die Heilerin tauchte ihren rechten Zeigefinger in das Gefäß. Als sie ihn wieder hervorzog, war er mit einer blauen Paste verschmiert. Sie trat dicht vor Volker, so daß er jetzt ihren warmen Atem auf dem Gesicht spüren konnte. Er fühlte, wie sich regte, was die Bruech vor den Blicken Nemans hätte verbergen sollen. Ihr Zeigefinger strich sanft über seine linke Wange. Dann tauchte sie ihn erneut in das kleine Gefäß.

Volker räusperte sich leise. Sein Mund war staubtrocken. »Was... was machst du da?«

»Ein großer Krieger muß auch die Zeichen eines Kriegers tragen. Ich habe das Rabensymbol auf deine Wange gemalt. Es besagt, daß du ein Auserwählter der Morrigan bist. Die Schlangenlinien und die Spirale darunter verraten den Kundigen, daß du bereits viele Feinde getötet hast. Doch das ist nicht genug. Ich werde dich noch weiter bemalen. Du weißt nicht, wie ein Ritter der Morrigan aussieht. Seine Haut ist wie eine Schriftrolle, auf der er seine Geschichte trägt. Die Narbe auf deiner Brust ist ein Teil davon, und auch die anderen Narben werde ich in deine Geschichte einbeziehen.«

Volker verschwieg ihr, daß er sehr wohl wußte, wie ein solcher Ritter aussah. Der Gedanke daran, nach dem Vorbild des nackten Kriegers hergerichtet zu werden, den er vor dem Trophäenbaum gesehen hatte, behagte ihm nicht. Den heidnischen Kulten zu nahe zu kommen mochte ihn sein Seelenheil und seinen Platz im himmlischen Paradies kosten.

Als Neman endlich fertig war, hatte sie ihn von Kopf bis Fuß mit ihren Zeichen bemalt. Danach hob sie einen eigenartigen Bronzehelm aus einem Haufen von Knochen auf und reichte ihm das alte Rüstungsstück. Der Helm hatte breite Wangenklappen, und ein prächtiger Drache mit ausgebreiteten Flügeln erhob sich auf seinem Kamm. Es war eine meisterhafte Handwerksarbeit.

»Nimm das! Damit wirst du glaubwürdiger aussehen. Dein Schwert magst du behalten. Für einen Krieger ist es immer besser, die Waffe an seiner Seite zu tragen, mit der er vertraut ist. Das lederne Wehrgehänge ist deine einzige Kleidung.« Sie bückte sich und wischte mit der flachen Hand ein wenig Staub zusammen. Dann häufte sie ihn auf ihren Handteller und erhob sich. Für einige Herzschläge musterte sie ihn mit gerunzelter Stirn. Schließlich nickte sie. »Du siehst schon fast überzeugend aus.« Sie hob die flache Hand und blies ihm den Staub ins Gesicht.

Fluchend wedelte Volker den feinen Schmutz zur Seite. Seine Augen brannten wie Feuer. »Was soll das, verdammt?«

»Du sollst der Sänger sein, der sich aus den Gräbern der toten Helden erhoben hat. Es steht dir an, ein wenig mit Leichenstaub bedeckt zu sein. So siehst du glaubwürdiger aus.«

Volker schluckte. An die Herkunft des Staubes hatte er noch gar keinen Gedanken verschwendet.

»Du wirst dich zwischen den Gebeinen der Toten verstecken und warten. Wenn ich mit meinen Jungfern zurückkehre, um den Streiter der Morrigan hier zu seiner letzten Ruhe zu betten, dann paßt du einen günstigen Moment ab, um dich zu erheben. Versetze die Weiber in Angst und Schrecken! Sprich mit hohler Stimme und behaupte, du seiest auferstanden, um dein Volk vor großem Elend zu bewahren. Erzähl eine düstere Geschichte! Das kannst du ja recht gut...«

»Und was ist, wenn ich einen Fehler mache? Ich meine, ich weiß fast nichts über diesen Sänger.«

»Niemand weiß viel über ihn. Die Legende sagt nur, daß er kommen wird, um unserem Volk in großer Not beizustehen. Du sagtest, du hättest an Fürstenhöfen gespielt... Dies wird der wichtigste Auftritt deines Lebens. Wenn du nicht überzeugend bist, werde ich dich als Betrüger entlarven, und du wirst einen grausamen Tod sterben.«

»Ich könnte verraten, daß du mir das Leben gerettet hast.«

Das Gesicht der Heilerin blieb regungslos. »Niemand würde dir glauben. Ich bin die wiedergeborene Göttin. Mein Wort ist über jeden Zweifel erhaben. Ich werde deine Kleider und deinen Kettenpanzer im Sumpf versenken. Sie passen nicht zu deiner Rolle und dürfen nicht auf der Insel gefunden werden. Außerdem werde ich oben im Grab und auf der Insel alle Spuren beseitigen, die auf dich hindeuten könnten. So wirst du sicher sein.«

Volker überlegte einen Moment lang, ob er jetzt seine Begegnung mit Babd erwähnen sollte. Doch wenn die Wäscherin bis jetzt geschwiegen hatte, warum sollte er dann reden?

Neman hatte seine Kleider aufgehoben und war zum Eingang der Grabkammer getreten. »Lösche das Licht der Fackel, wenn ich gegangen bin. Und...« Zum ersten Mal spielte der Hauch eines Lächelns um ihre Lippen. »Viel Glück! Ich würde dich nur ungern verlieren, mein schöner Fremder.«

Mit dumpfem Knirschen rollte der Türstein, der wie der Mahlstein einer Mühle aussah, vor die Pforte der Totenkammer. Volker löschte das Licht und blieb allein mit seiner Angst und der Dunkelheit.

12. KAPITEL

Als Golo erwachte, hatte er das Gefühl, ein Stier müßte über ihn hinweggetrampelt sein. Jeder Knochen in seinem Leib schmerzte.

»Dem Himmel sei Dank, Herr! Ihr seid wieder bei Euch!« Das Gesicht eines jungen Knappen beugte sich über ihn. »Soll ich den Medicus des Bischofs rufen lassen?«