Golo versuchte stöhnend, sich zu erheben, gab aber auf halbem Weg wieder auf und ließ sich zurücksinken. Er lag in einem roten Zelt auf einer Bettstatt aus Kissen und Pelzen. Ob dem Knappen seine Betroffenheit ernst war? Vermutlich war er nur ein Heuchler. Golo wußte nur zu gut, wie Diener üblicherweise von ihren Herren dachten.
»Hol mir lieber einen Priester«, röchelte er leise. Schlagartig wich dem Jungen alle Farbe aus dem Gesicht. »Nein, Herr... Ihr werdet doch nicht!« Der Knappe wollte schon zum Eingang des Zeltes laufen, als Golo ihn gerade noch an einem Zipfel seines Gewandes packen konnte.
»War nur ein Spaß... Vergiß es. Mir geht es... gut. Aber laß mich... jetzt in Ruhe. Ich will allein sein.«
Der Junge blickte ihn einen Moment lang verwundert an, dann gehorchte er. Stöhnend richtete sich Golo auf. Es hatte ihn nicht so schlimm erwischt, wie er gedacht hatte. Schließlich war er nicht zum ersten Mal von einem Pferd gefallen. Seine Rüstung hatte den Sturz allerdings keineswegs angenehmer werden lassen. Ihm war jetzt klar, daß das Leben als Ritter nichts für ihn war. Sicher hatte es Spaß gemacht, die edlen Herren von ihren Rössern zu stoßen, doch welchen Preis hatte er dafür gezahlt! Er mußte an den Ritter im roten Waffenrock denken, den man tot vom Turnierplatz getragen hatte. Nein, so wollte er nicht enden! Auch wollte er nicht länger in die Intrige des Bischofs verwickelt sein. Das konnte nicht gutgehen, wenn er sich inmitten eines Heeres streitsüchtiger Normannen als Adliger ausgeben mußte. Irgendwann würde ihnen auffallen, daß er in Wahrheit nur ein Knecht war, und sie würden ihn in Stücke reißen.
Golo streifte den Waffenrock ab und kämpfte sich mühsam aus dem schweren Kettenhemd. Als er sich endlich entblößt hatte, betrachtete er sein Hinterteil. Durch den Sturz hatten sich dort dunkelrot die Ringe des Kettenhemdes abgemalt. Zu reiten würde in den nächsten Tagen die reine Hölle sein. Der Knappe humpelte zu der Kleidertruhe, die dicht neben dem Eingang stand. Dort suchte er einige schlichte Kleidungsstücke zusammen, in denen man ihn für einen Pagen halten mochte. Während des Durcheinanders des Turniers war die beste Gelegenheit zu fliehen. Er würde die Mauern von Saintes schon weit hinter sich gelassen haben, bevor der Bischof überhaupt bemerkte, daß er verschwunden war. Golo überprüfte den Sitz seiner neuen Kleider und war zufrieden.
Wenn Jehan de Thenac geglaubt hatte, er ließe sich einfach so herumschubsen, dann hatte er sich geirrt. Er würde jetzt seine Pferde holen und Aquitanien auf immer den Rücken kehren. Wenn er abwechselnd auf den beiden mächtigen Streitrossen ritt, dann würde er jedem Verfolger mit Leichtigkeit entkommen. Ein Leben lang zu lügen und auf die Gnade dieses tyrannischen Bischofs angewiesen zu sein, das war nichts für ihn! Er dachte wieder an Troyes und daran, wie er schon im nächsten Jahr eine Handvoll Knechte haben würde, die für ihn die Drecksarbeit auf seinem Gutshof erledigten. So wollte er sein Leben fristen!
Vorsichtig schob Golo die Plane am Eingang des Zeltes ein wenig zur Seite und spähte nach draußen. Es mußte später Nachmittag sein. Er hatte offenbar für eine ganze Weile das Bewußtsein verloren. Das Leben im Lager ging seinen gewohnten Gang. Knappen eilten im Auftrag ihrer Herren umher. Ein Stallbursche striegelte ein Pferd. Hier und dort lungerten ein paar Waffenknechte herum. Entschlossen trat Golo vor das Zelt. Er hatte seine kurzen Haare unter einer Kappe versteckt und humpelte, so schnell es ihm seine geschundenen Knochen erlaubten, zu den Pferdekoppeln. Nur vor dem Küchenzelt des Bischofs machte er kurz Halt, um sich ein frisches Brot und ein Stück Käse einzustecken.
Lanzenbrecher war inzwischen längst abgesattelt worden, und ein Knecht hatte ihm einen Hafersack umgehängt. Neben dem Schimmel waren das Schlachtroß Gwalchmais und die anderen Pferde angepflockt. Sein Vermögen wartete darauf, daß er es wieder in Besitz nahm! Golo wollte schon zu dem Pferdeknecht herübergehen, als zwei Soldaten in den Waffenröcken des Bischofs erschienen. Die Krieger gingen geradewegs zu den Pferden. Sie tauschten ein paar Worte mit dem Knecht, der daraufhin nickte.
Was zum Henker mochte dort vor sich gehen? Golo hatte sich hinter ein Zelt zurückgezogen und beobachtete die drei. Sollte der Bischof etwa schon erfahren haben, daß er versuchte, aus dem Lager zu fliehen? Aber wer könnte ihn verraten habe? Etwa der junge Knappe aus seinem Zelt? Ob der Kerl am Ende beobachtet hatte, wie er verkleidet aus dem Zelt herausgekommen war? Golo leckte sich nervös die Lippen. Er mußte seine Pläne ändern! Vielleicht sollte er sich unter die Zuschauer des Turniers mischen und erst bei Nacht wiederkommen, um seine Pferde zu holen. Doch dann müßte er an den Wachen des Lagers vorbei, und das waren allesamt Männer des Bischofs, die ihn zumindest vom Sehen her kannten. Ärgerlich schüttelte er den Kopf. Ohne die Pferde hatte es keinen Sinn zu fliehen! Sie waren seine Zukunft!
Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. »Herr von Zeilichtheim, habe ich Euch endlich gefunden!«
Erschrocken drehte Golo sich um. Er hatte sich immer noch nicht richtig an seinen falschen Namen gewöhnt, und manchmal passierte es ihm, daß er gar nicht reagierte, wenn er mit dem Adelstitel angesprochen wurde. Es war einer der Diener des Bischofs, der ihn aufgespürt hatte.
»Ich war bereits in Eurem Zelt. Es freut mich, Euch nach dem schweren Sturz so wohlauf zu sehen.«
Golo war sich nicht sicher, ob sein Gegenüber die letzte Bemerkung ironisch gemeint hatte. Zumindest verzog der Kerl keine Miene dabei. Jetzt waren auch noch die beiden Wachen beim Pferdeknecht auf ihn aufmerksam geworden und kamen herüber. Ob Jehan geahnt hatte, daß er fliehen wollte? Wie sonst hatten ihn diese Kerle so schnell gefunden? Und was mochte der Bischof von ihm wollen?
»Was für eine eigenartige Gewandung tragt Ihr nur? Ihr werdet Euch neu kleiden müssen, bevor Ihr vor den Herzog der Sumpflande tretet, Herr Golo.«
»Zu welchem Anlaß wünscht der Herr de Thenac mich denn zu sehen?« fragte der Knecht möglichst unverfänglich. »Nur wenn ich das weiß, vermag ich mich wirklich angemessen zu gewanden.«
»Der Herzog der Sumpflande pflegt mich nicht über seine Absichten aufzuklären«, entgegnete der Diener steif. »So wie es mir scheint, wird dies in Anbetracht der Ereignisse dieses Tages wohl ein Gespräch unter vier Augen werden.«
Golo schluckte. Also doch... Jehan hatte ihn beobachten lassen und wußte um seine Fluchtpläne. Der Knecht atmete tief durch. Nun galt es, die Haltung zu wahren und alles entschieden zu leugnen. Der Bischof war kein Mann, der Spaß verstand, wenn jemand versuchte, seine Pläne zu durchkreuzen.
»Ich wollte mich nur davon überzeugen, daß mein Schlachtroß im Turnier nicht verwundet worden ist«, murmelte Golo gepreßt.
»Natürlich«, entgegnete der Diener des Bischofs gelassen.
Klang ein Hauch von Ironie in seiner Stimme, oder bildete er sich das ein? Der Knecht spürte, wie ihm kalter Schweiß den Rücken hinablief. Solche Intrigenspiele waren nichts für ihn. Er liebte es, wenn die Dinge klar und unmißverständlich waren. »Können wir nun zu Eurem Zelt gehen, Herr? Der Herzog der Sumpflande besteht sehr dringlich darauf, Euch zu sehen.«
»Selbstverständlich!«
Die drei Männer geleiteten ihn bis zum Zelt, und während die beiden Waffenknechte draußen Posten bezogen, folgte der Diener Golo sogar bis ins Innere und ließ ihn auch, während er sich neu ankleidete, nicht aus den Augen.
»Wo soll ich den Herrn Herzog denn treffen?«
»In der kleinen Kapelle unten am Fluß. Er hat sich dort zum stillen Zwiegespräch mit dem Herrn eingefunden. Dort ist es ruhig. Niemand wird uns stören.«
Der Knecht schluckte. Genau das hatte er befürchtet. Er kannte den Ort, und für seinen Geschmack war es dort entschieden zu ruhig. Ein kleiner, sehr dichter Wald schirmte die Kapelle gegen den Turnierplatz ab. Sie stand auf einer Lichtung, die zwar nahe am Wasser lag, doch vom Fluß aus nicht einzusehen war. Ein Ort, wie geschaffen dazu, um ihn ermorden zu lassen. Golo griff nach seinem Schwert und gürtete es um seine Hüften. Er wußte zwar, daß er gegen Jehan und vermutlich auch gegen die beiden Waffenknechte nicht im Schwertkampf bestehen konnte, aber so blieb ihm zumindest die Illusion, sich verteidigen zu können. Er war sich sicher, daß der Bischof und seine Spießgesellen ihn dort auf der Lichtung ermorden würden. Seine Leiche würden sie in den Fluß werfen oder im Wald unter einem Haufen alten Laubes verbergen. Er hatte seine Schuldigkeit getan. Jehan brauchte ihn nun nicht mehr weiter. Ja, nach diesem Fluchtversuch bestand für den Bischof keinerlei Anlaß mehr, ihm zu vertrauen.