»Seid Ihr bereit, Herr?« Der Diener sah ihn fragend an.
Golo straffte sich und erwiderte den Blick. Dies war der letzte Weg, den er in seinem Leben machen würde. Er würde sich dabei nicht wie ein Feigling verhalten! »Gehen wir!« Seine Stimme klang nicht ganz so fest, wie er gehofft hatte.
Draußen vor dem Zelt schlossen sich ihnen sofort wieder die beiden Waffenknechte an. Für einen Beobachter, der nicht wußte, was geschah, mochte es so aussehen, als sei Golo eine besonders wichtige Persönlichkeit, die von einer Ehrengarde eskortiert wurde.
Schnell hatten sie den Turnierplatz hinter sich gelassen. Es war später Nachmittag. Der Tag war ungewöhnlich heiß gewesen. Am Himmel gab es kaum Wolken. Der Sommer kündigte sich an. Die ausladenden Äste der hohen Buchen, die den schmalen Weg durch den Wald flankierten, spendeten angenehmen Schatten. Gierig sog Golo die würzige Waldluft ein und blickte den kleinen Vögeln nach, die durch das dichte Laubdach segelten. Ein Stück vor ihnen erhob sich eine Elster keckernd vom Waldweg. Warum hatte er nicht in seinem Zelt bleiben können? Hätte er diesen idiotischen Fluchtversuch nicht gewagt, hätte der Bischof sicher noch eine Zeitlang sein Spiel mit ihm getrieben. Golo seufzte. Ihm war ein wenig schwindelig, und sein Kopf brummte, als suchten Hunderte wütender Bienen nach einem Weg aus seinem Schädel heraus.
»Ist Euch nicht wohl, Herr?« Der Diener war stehengeblieben und musterte ihn besorgt.
»Das muß wohl der Sturz sein... Ich glaube, ich habe mir ziemlich den Kopf angeschlagen.«
Der Mann nickte. »In der Kapelle ist es kühl. Das wird Euch sicher guttun. Ihr sitzt fest im Sattel. Beinahe hättet Ihr es geschafft, den Herren Berengar von Broceliande in den Staub zu schicken.«
Was nutzte ihm dieser zweifelhafte Ruhm, dachte Golo. Morgen schon würde niemand mehr davon sprechen. Der Knecht taumelte ein wenig. Mit einem raschen Schritt war der Diener an seiner Seite und stützte ihn. »Es ist nicht mehr weit.« Er gab den beiden Waffenknechten einen Wink, und sie nahmen Golo in ihre Mitte.
Dem Knecht war hundeelend. Er hatte keine Kraft mehr. Die Bäume schienen um ihn herum zu wirbeln...
Halb benommen merkte er, wie er durch ein Portal gezerrt wurde. Es war hier dunkler und kühler.
»Ah, da erscheint ja endlich auch der ehrenwerte Herr von Zeilichtheim!« Jehans Gesicht erschien vor ihm. Der Bischof trug liturgische Gewänder und war auf das Prächtigste herausgeputzt. Flüchtig konnte Golo ein paar andere Gestalten hinter dem hohen Herren erkennen.
»Ihr habt Euch heute auf dem Turnier hervorgetan, mein lieber Freund. Mit dem Schwert mögt Ihr nicht der Beste sein, doch habt Ihr alle überzeugt, daß Ihr es versteht, mit der Lanze Hervorragendes zu leisten. Der Herr Berengar kam nach dem Gestech zu mir und erklärte, er sei froh, daß er nicht zu einem dritten Durchgang gegen Euch antreten mußte. Für diese herausragende Leistung habt Ihr Euch die Sporen der Ritterschaft verdient.« Der Bischof beugte sich ein wenig tiefer und flüsterte nun leise. »Wenn du erst einmal in aller Öffentlichkeit zum Ritter geschlagen bist, wird niemand mehr deinen Stand anzweifeln können. Die Zeremonie wird morgen im alten Römertheater stattfinden, und die ganze Armee wird zugegen sein, um deiner Schwertleite beizuwohnen. Danach wirst du noch einmal erzählen, auf welch heimtückische Weise diese Bastarde aus den Sümpfen deinen Freund Volker ermordet haben. Ist das klar?«
»Mir ist schlecht...« murmelte Golo.
»Reiß dich zusammen! Mit dir werden noch zwei andere Edle in den Ritterstand erhoben. Zieh dich jetzt aus. Ihr werdet in den Fluß steigen und baden, um geläutert zu sein, wenn ihr morgen zum Ritter werdet. Nach dem Bad sollt ihr in frische Gewänder aus neuen Linnen gehüllt werden und über Nacht in dieser Kapelle wachen.«
»Ich kann nicht...«
Der Bischof erhob sich. Er sprach nun wieder so laut, daß ihn alle in der Kapelle verstehen konnten. »Mich dünkt, der Herr von Zeilichtheim hat sich noch nicht ganz von seinem Sturz erholt. Helft ihm, seine Kleider abzulegen!«
Volker kam es so vor, als habe er schon eine Ewigkeit zwischen den Gebeinen der toten Helden des Feenvolkes gelegen. Zeit genug jedenfalls, um von immer quälenderen Gedanken heimgesucht zu werden. Was würde geschehen, wenn er einen Fehler machte? Würde Neman wirklich zusehen, wie man ihn ermordete? Er hatte sein Schwert. Mit ein paar Priesterinnen müßte er doch fertigwerden... Er dachte eine Weile darüber nach und kam so auf jenen Gedanken, der ihn wesentlich mehr ängstigte als die Aussicht, mit einem Schwert in der Hand einer Übermacht von Feinden gegenüber zu stehen. Was war, wenn Neman ihn hinters Licht geführt hatte? Vielleicht war sein Tod für sie schon längst beschlossene Sache? Womöglich hatte sein Sterben sogar schon begonnen. Er lag in einer Grabkammer, tief unter der Erde, die mit einem massigen Felsrad verschlossen war, von dem er nicht wußte, wie man es von der Stelle bewegte. Vielleicht hatte die Fee ihn betrogen! Was war, wenn der Streiter der Morrigan noch lebte und es niemals ein Begräbnis geben würde? Dann wäre er es, den sie in dieser Nacht zu Grabe gelegt hatte! Er würde hier unten verdursten.
Das konnte nicht sein! Er sollte so etwas nicht einmal denken! Warum sollte sie das tun? Vielleicht weil du wieder genesen bist und sie deine Lügengeschichten durchschaut hat, meldete sich eine Stimme in seinem Inneren. Jetzt bist du stark genug, um sie zu überwältigen, falls es dir in den Sinn kommen sollte, auf diesem Wege die Flucht zu versuchen.
Aber warum hätte sie ihn auf so umständliche Weise ermorden sollen? Warum eine so aufwendige Geschichte? Es hätte doch gereicht, das Essen zu vergiften, das sie ihm regelmäßig brachte.
Auch dafür gibt es einen ganz einfachen Grund, entgegnete die kalte Stimme des Zweifels. Hätte sie dich vergiftet, würde deine Leiche irgendwo auf der Insel herumliegen. Manchmal kommen auch andere Feengestalten hierher. Denk nur an die Wäscherin! Neman ist gezwungen, deine Leiche verschwinden zu lassen. Dich wegzutragen wäre schwere Arbeit... Du weißt, sie ist zierlich gebaut. Also hat sie dich hierher gebracht, an einen Ort, an dem ein Toter mehr nicht auffallen wird. So mußte sie dich nicht tragen.
Sie ist nicht so, versuchte sich Volker einzureden. Er dachte an all die Stunden, die sie zusammen verbracht hatten. Gewiß, sie war anders als andere Frauen. Auf ihre Art scheu und zurückhaltend... Oder war alles nur Kalkül gewesen? Hatte sie von Anfang an mit ihm gespielt? So wie sie hatte sich noch nie eine Frau seinem Charme widersetzt. Sie war unempfänglich für Schmeicheleien, und daß er recht attraktiv war, schien sie auch zu ignorieren. Hatte sie ihn also benutzt? Aber wozu?
Ein Geräusch schreckte den Spielmann aus seinen Gedanken. Es klang wie fernes Flötenspiel. Dann hörte er auch Trommeln. Volker verharrte still und lauschte. Bald schon konnte es keinen Zweifel daran geben, daß sich die Musik näherte. Neman hatte ihn nicht belogen! Der Leichenzug kam. Hoffentlich würde es gelingen, die Priesterinnen zu täuschen. Jetzt konnte er auch schrille Stimmen hören. Das Geschrei von Klageweibern.
Rumpelnd rollte der Verschlußstein am Eingang zur Seite. Flackerndes Fackellicht fiel in die Grabkammer. Zwei Frauen in weißen Gewändern traten ein und stießen merkwürdig trillernde Schreie aus. Die eine von ihnen trug eine Fackel, die andere eine flache Tonschale, aus der duftender Rauch aufstieg. Ihnen folgte eine Gruppe von sechs Frauen, die in weiße, bodenlange Gewänder gekleidet waren. Volker stockte der Atem. Eine der Totenträgerinnen war Gunbrid! Was hatten die Feen mit ihr gemacht? Wie hatten sie die Christin dazu gebracht, an einem heidnischen Ritual teilzunehmen?