Die sechs Priesterinnen trugen ein großes Leinentuch, in dem der Leichnam des Kriegers ruhte. Jetzt betrat auch Neman die Kammer. Wie die anderen Priesterinnen war sie in ein weißes Gewand von schlichtem Schnitt gehüllt. Doch trug sie dazu prächtigen Schmuck. Schwere, goldene Armreifen, eine breite, emaillierte Kette und goldene Haarnadeln, mit der eine komplizierte Frisur aus Zöpfen, frischen Blüten und kleinen Ästen zusammengehalten wurde. Ihre Wangen waren mit weißem Puder eingerieben, die Lippen mit dem Saft von Waldbeeren rot bemalt und die Augen von schmalen, mit Holzkohle gezogenen Linien gerahmt. Fasziniert starrte der Spielmann aus seinem Versteck zwischen den Gebeinen zu der Priesterin. Sie war von atemberaubender, barbarischer Schönheit.
Zwei Priesterinnen begannen, die Knochen von der bronzenen Liege auf ein weißes Leintuch zu räumen, das sie auf dem Boden ausgebreitet hatten. Offenbar sollte der Streiter der Morrigan diesen Ehrenplatz erhalten. Aus dem Gang hinter dem Felstor erklang noch immer Trommelschlag und Flötenspiel. Die Priesterinnen, welche die Gebeine umbetteten, murmelten leise Zauberformeln, während eine andere Frau Räucherwerk entzündet hatte und damit über den bleichen Knochen hin und her wedelte, so als wolle sie auf diese Weise den Geist des Verstorbenen besänftigen.
Als der letzte Knochen von der bronzenen Liege entfernt war, begann Neman ein Lied in einer fremden Sprache anzustimmen, während die Priesterinnen den Körper des toten Kriegers auf seine letzte Ruhestatt hoben und dann das Leintuch unter ihm hinwegzogen. Der Mann war enthauptet worden. Sein Körper war ausgezehrt. Flüchtig konnte Volker die tiefe Wunde über der Hüfte sehen, die Arbotorix, dem Recken der Morrigan, den Tod gebracht haben mußte.
Ob jetzt der Zeitpunkt war, sich zu erheben? Gott allein wußte, wie lange die Priesterinnen noch in der Grabkammer bleiben würden. Wie mochte er dieses Schauspiel am eindrucksvollsten gestalten? Sollte er sich mit einem Schrei erheben? Nein! Er sollte ein Sänger sein... Er erinnerte sich an einige Verse eines traurigen Liedes, das Neman einmal gesungen hatte. Er würde sie leicht ändern. Sein neues Leben sollte mit einem Lied beginnen. So ziemte es sich für einen Spielmann. Die ersten Worte hauchte er nur leise, doch dann wurde seine Stimme immer lauter.
»Das Mark in meinen Knochen schmerzt mich,
Neman!
Das Blut in meinen Adern ist eine bitterwilde Flut,
Neman!
Es ist dein Herz, das ruft und das ich höre,
Neman!«
Die Stimmen der Priesterinnen waren verstummt, und die jungen Frauen waren totenblaß, als Volker sich zwischen den Gebeinen erhob. In der Rechten hielt er sein Schwert, und er konnte an den Gesichtern der Frauen ablesen, daß jede ihn für einen Krieger hielt, der aus dem Totenreich zurückgekehrt war.
»Ist es der Wind im Wald,
ist es Brandung, die am Fels zerbricht,
oder spricht die Stimme deines Herzens zu mir,
Neman
und ruft mich aus dem Grab zurück.
Meine Göttin mit den weißen Brüsten,
meine Göttin mit dem kupfernen Haar
und den Lippen, so rot wie Vogelbeeren,
Neman!
Wo ist der Schwan, der weißer ist als du,
wo die Woge der See, die sich bewegt wie du,
Neman!
Kein Grab ist so tief,
keine Zeit so weit,
daß ich die Stimme deines Herzens nicht zu hören vermöchte,
Neman!«
Die wiedererstandene Göttin schritt an der Totenliege vorbei und trat vor ihn hin. Vorsichtig und langsam streckte sie die Hand aus und strich ihm über die Wange. »Bist du der Mann, den uns unsere Ahnen verheißen haben? Bist du der Sänger, der sich aus den Gebeinen der toten Helden erhebt?«
»Ich bin jener, den die Stimme seines Herzens aus dem Grab befreit!« Volker konnte sehen, wie sich eine steile Zornesfalte auf der Stirn der Hohepriesterin zeigte. Er sollte seine Worte mit mehr Bedacht wählen!
»Der Streiter der Morrigan ist von uns gegangen«, erklärte Neman mit fester Stimme. »Folge uns aus dem Grab, Sänger. Die Krieger von Tirfo Thuinn erwarten dich. Mögen sie entscheiden, ob du ihr neuer Herr sein magst. Folge mir!« Neman drehte sich um und trat zu der steinernen Pforte der Grabkammer. Volker fluchte innerlich. Sie hatte sich mit keinem Wort eine Blöße gegeben. Er war davon ausgegangen, mit seinem Auftritt nur ein paar Priesterinnen beeindrucken zu müssen. Er brauchte sich nur umzublicken, um zu sehen, daß ihm dies gelungen war. Mit den Kriegern war das etwas anderes. Sie würden ihn nicht zwischen den Knochen aufstehen sehen und würden gewiß sofort seinen Akzent bemerken. Volker war sich bewußt, daß er, so sehr er sich auch bemühen mochte, den merkwürdigen, altertümlichen Dialekt der Feen nicht nachahmen konnte. Wollte Neman ihn ans Messer liefern? Doch dann hätte sie schon hier unten gegen ihn sprechen können. Nein, sie war lediglich nicht bereit, auch nur das geringste Risiko einzugehen. Keinen Schritt würde sie ihm entgegenkommen. Entweder schaffte er es, die Krieger dort oben zu überzeugen, oder er war ein toter Mann, und die Frau, die ihn über Wochen gesundgepflegt hatte, würde zusehen, ohne nur mit der Wimper zu zucken.
Er folgte der wiedergeborenen Göttin in den langen Gang, der sie hinaus in die Nacht führen würde. Hinter ihm erklangen die leisen Schritte der anderen Priesterinnen. Volker ging mit hoch erhobenem Haupt und festem Schritt. Er durfte nach außen nicht die kleinste Schwäche zeigen. Jeder, der ihn sah, mußte davon überzeugt sein, daß er gekommen war, um zu herrschen, und nicht den geringsten Zweifel an seiner Bestimmung hegte!
Dem Spielmann war übel. Er fühlte sich so wie an jenem Tag, als er zum ersten Mal am Hof des Königs in Worms aufgetreten war. Sein Magen drohte zu rebellieren, seine Beine wollten ihm den Dienst versagen. Jedesmal, wenn er einen Auftritt hatte, der ihm besonders wichtig war, kehrte dieses Gefühl zurück. Er hatte keine Erklärung dafür. Selbst wenn er völlig gesund war, fühlte er sich bei solchen Gelegenheiten wie ein Siecher, der dem Ende nahe war. Ein alter Troubadour hatte ihm einmal erklärt, dies sei die Bardenkrankheit, und es gebe kein Mittel dagegen. Der Mann hatte auch behauptet, sie sei ein gutes Zeichen, denn an dem Tag, an dem man sich zum ersten Mal nicht mehr so elend fühle und keine Angst mehr habe, vor seinen Zuhörern zu versagen, höre man auf, ein wirklicher Barde zu sein.
Volker verzog die Lippen zu einem zynischen Lächeln. Vielleicht war er schon sehr kurz davor, für immer von der Bardenkrankheit befreit zu werden. Was sie wohl mit seinem Kopf machen würden? Ob er auf einem Pfahl stecken würde? Vielleicht würde er von den wütenden Kriegern auch einfach nur in Stücke gerissen werden. Er seufzte. Er sollte diese Gedanken aus seinem Kopf verbannen. Sie raubten ihm nur Kraft!
Sie traten aus dem Eingang des Grabes. Die laue Luft des warmen Frühlingsabends war wie Balsam nach den Stunden in der stickigen Gruft. Doch das war der einzige Genuß! Der Rest erschien ihm mehr wie ein Alptraum. An den Flanken des Grabhügels und bis hinab zum Wasser standen Hunderte von Männern. Viele waren im Nebel verborgen, und man nahm nur das Licht ihrer Fackeln wahr. Die Krieger sahen aus, als hätten die Pforten der Hölle sie ausgespien. Alle erschienen sie Volker ungewöhnlich groß und kräftig. Sie hatten Schnauzbarte, deren Enden hochgezwirbelt oder zu dünnen Zöpfen geflochten waren. Viele waren nackt oder trugen nur Beinkleider. Ihre Körper waren mit blauen Tätowierungen geschmückt oder wenigstens mit blauer Farbe bemalt. Einige hatten etwas in ihre Haare geschmiert, so daß sie ihnen wie Stacheln vom Kopf abstanden. Fast alle Krieger waren mit langen Schwertern bewaffnet. Mit den bunt bemalten Schilden und ihren phantastischen Helmen sahen sie aus, als ob sie bereit seien, in die Schlacht zu ziehen.