Wie Pfeile trafen ihn die Blicke der Männer. Hilfesuchend blickte sich Volker nach Neman um, doch die Hohepriesterin war verschwunden. Wie eine eisige Hand griff die Angst nach ihm. Was zum Henker hatte das zu bedeuten? Eben erst hatte die Priesterin doch noch neben ihm gestanden! Nervös fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen. Abgesehen vom Knistern der Fackeln und dem leisen Gluckern der Quellen war es totenstill. Volker wußte, daß er etwas sagen mußte. Nur noch wenige Herzschläge, und er hätte den Zeitpunkt verpaßt, an dem er die Dinge noch zu seinen Gunsten wenden konnte. Je länger das Schweigen andauerte, desto verzweifelter würde seine Lage.
»Dort, Macha ist zu uns gekommen!« schrie ein Mann nur ein paar Schritt von Volker entfernt und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf etwas, das sich hinter Volkers Rücken befinden mußte. Erschrocken drehte sich der Spielmann um. Flankiert von zwei Fackelträgerinnen trat eine Frau, gehüllt in einen langen, schwarzen Umhang, aus dem Eingang des Grabes. Ihr Gesicht glich dem Nemans so sehr, als sei sie ihre Zwillingsschwester, doch waren ihre Züge härter. Ein grausames Lächeln spielte um ihre blutroten Lippen. Auch sie hatte weiß geschminkte Wagen, und um ihre Augen war so viel Ruß aufgetragen, daß es schien, als ruhten ihre Augäpfel in tiefen, schwarzen Höhlen. In ihrem Haar steckten zwei Rabenschwingen, und als sie mit ihren Armen den Umhang weit auseinandersteckte, sah es aus, als habe sie an Stelle menschlicher Glieder zwei Flügel. Volker schluckte. Im Fackellicht konnte er sie nicht richtig erkennen. Etwas stimmte mit dieser Frau nicht! Ihre Arme! Sie waren zu lang! So weit, wie Macha ihren Umhang auseinanderstreckte, mußten ihre Arme mindestens einen halben Schritt länger sein, als dies bei normalen Sterblichen der Fall war.
»Sag uns, wer du bist, Fremder!« ertönte die dunkle Stimme der Kriegergöttin.
Volker atmete tief ein. Neman hatte davon gesprochen, daß die Männer von Tirfo Thuinn Krieger und Barden seien. Er würde versuchen, ihre Herzen mit ein paar abgewandelten Strophen aus einem alten Kriegslied seiner Heimat zu gewinnen.
»Ich bin der Sturmwind,
der das Gras beugt!
Ich bin die Flamme,
die die Scheiterhaufen entzündet!
Ich bin der Schnitter,
der in die Reihen der Feinde fährt!
Ich bin der Sänger,
der sich aus den Gebeinen der Toten erhoben hat,
um an der Seite der wiedergeborenen Göttin zu stehen!
Ich bin der Todbringer
für jeden, der Zweifel im Herzen trägt!«
Gespannt beobachtete der Spielmann die Reaktion seiner Zuhörer. Viele der Krieger hatten ihre Waffen sinken lassen. Er schien sie mit seinen Worten erreicht zu haben. Doch in den Gesichtern mancher Männer konnte er noch immer die Zweifel lesen.
»Wie kommt es, daß du mit dem Dialekt der Leute jenseits der Nebel sprichst, wenn du unser Kriegerkönig sein willst? Wie willst du über uns herrschen, wenn du nicht einmal unsere Sprache beherrschst?« rief einer der Männer, und zustimmendes Gemurmel machte sich breit.
»Nicht euch zu beherrschen ist mein Ziel! Ihr seid freie Männer! Doch wenn ich eure Feinde vernichten will, dann muß ich sie kennen, muß wissen, wie sie denken und welche Entscheidungen ihre Feldherren treffen werden. Ich muß in ihnen aufgehen können, um sie dann mit eurer Hilfe um so leichter zu besiegen. Mancher von euch wird ein Jäger sein, und wer auf die Pirsch geht, der wird wissen, daß derjenige der beste Jäger ist, der denken kann wie ein Hirsch oder ein Reh, und seine Beute erlegt, weil er schon im voraus weiß, wie sich die Tiere verhalten werden.«
»Und warum sollten die Krieger von jenseits der Sümpfe kommen und uns angreifen? Keiner kennt dort unsere Stadt, und jene, die am Rand des Moors leben, fürchten das Nachtvolk.«
»Sie werden kommen, weil sich die Zeiten geändert haben. Die Normannen herrschen in Aquitanien, und sie brachten die Priester des Zimmermannssohnes. Die Priester aber wollen die heiligen Haine fallen sehen, weil sie keine anderen Götter neben ihrem Herren akzeptieren werden.« Volker hoffte inständig, daß ihn diese Worte nicht ins ewige Fegefeuer bringen würden, doch wenn er hier lebend herauskommen wollte, mußte er die Barbarenkrieger mit seiner Rede überzeugen. »Als der Winter zu Ende ging, habt ihr die Burg eines normannischen Barons niedergebrannt, der eines eurer Heiligtümer geschändet hat. Die Normannen sind ein Volk von Eroberern, die auf ihren Schiffen aus einem kalten, unwirtlichen Land hoch im Norden gekommen sind. Sie werden es nicht dulden, daß einer der Ihren getötet wurde. Sie werden kommen und blutige Rache für den Baron nehmen.« Der Spielmann war sich zwar durchaus nicht sicher, daß König Eurich sich darum scherte, daß einer seiner Lehnsmänner ermordet worden war, doch konnten die Sumpfmänner nicht wissen, wie die Dinge in Aquitanien standen. Nach dem wenigen, was Volker von Neman über das Volk von Tirfo Thuinn erfahren hatte, lebten sie sehr zurückgezogen und interessierten sich nicht sonderlich für die Dinge, die jenseits der Nebelwand geschahen. Das galt jedenfalls so lange, wie sie nicht direkt betroffen waren, wie es bei Baron Rollos Versuch, den heiligen Hain zu schänden, geschehen war.
Unter den Kriegern erhob sich unruhiges Gemurmel. Es schien, als habe er eine Mehrheit der Männer mit seinen Worten überzeugt.
Macha war an Volkers Seite getreten. Mit großer Geste schwang sie ihren Mantel auf und umfing ihn mit ihrem weiten Umhang. Dann legte sie ihren Kopf an seine Brust und verharrte so einen Augenblick lang. Der Spielmann spürte, wie ihm das Herz bis zum Halse schlug. Nemans Schwester war ihm unheimlich. Eine Mauer von Kälte schien sie zu umgeben. Ihr Umhang aus schwarzer Wolle war mit Hunderten von Rabenfedern geschmückt, und ein süßlicher Verwesungsgeruch, wie ihn der Spielmann von Schlachtfeldern kannte, ging von ihr aus.
»Es schlägt das Herz eines Barden in seiner Brust«, verkündete die schwarze Macha schließlich mit lauter Stimme und entließ ihn aus ihrer unheimlichen Umarmung. »Neman hat mir berichtet, wie er sich vor den Augen der Priesterinnen aus den Gebeinen der toten Krieger erhoben hat. Vielleicht ist er der Sänger, von dem die alten Legenden künden. Ich werde ihn mit nach Galis nehmen. Soll dort die Morrigan über sein Schicksal entscheiden!«
Zwischen den Kriegern öffnete sich eine Gasse, die zum Ufer der Insel führte. Keiner der Männer wagte es, seine Stimme gegen den Entscheid der schwarzen Macha zu erheben.
»Folge mir!« murmelte die Rabenfrau halblaut und ging mit gemessenem Schritt zum Ufer hinab. Im Nebel eingehüllt wartete dort eine schwarze Barke. Undeutlich konnte Volker auch die Schemen anderer Boote erkennen.
Kaum war er an Bord gekommen, da wurde die Barke vom Ufer abgestoßen. Die Kraft von mehr als zwanzig Ruderern ließ sie schnell in die Finsternis gleiten.
Mit gemischten Gefühlen blickte Volker in den wirbelnden Nebel. Endlich war er der Gefangenschaft auf der Grabinsel entkommen. Doch was war Galis? Ein Dorf, eine Burg? Wohin würde ihn diese dunkle Hohepriesterin bringen?