13. KAPITEL
Seit dem Pfingstfest waren zwei Wochen vergangen, als der Bischof und seine Reiter das kleine Dorf bei der niedergebrannten Burg des Barons von Marans erreichten. Die Bauern und Fischer waren aufgeregt herbeigelaufen gekommen, als sich die gewaltige Reiterkolonne über den Knüppeldamm näherte. Jehan gab Befehl, vor der rußgeschwärzten Ruine das Heerlager aufzuschlagen. Um schneller in die Sümpfe vorzurücken, hatte er sein Heer zweigeteilt. Die Reiter und ein Troß aus berittenen Knechten und Packpferden waren auf dem Landweg vorgerückt, während sich die Fußsoldaten in Saintes eingeschifft hatten, um die Charente hinabzusegeln und dann vom Meer her in das Sumpfland vorzustoßen.
Schon vor dem Pfingsttag hatte der Bischof etliche Späher ausgeschickt, um die Stärke der feindlichen Truppen auszukundschaften. Die meisten von ihnen waren nicht zurückgekehrt. Einer jedoch hatte berichtet, eines Nachts eine große Versammlung von Kriegern mit Fackeln beobachtet zu haben.
Seitdem der Bischof diese Nachricht bekommen hatte, war er deutlich besserer Laune. Nun bestand Gewißheit, daß sie nicht nur gegen eine etwas größere Räuberbande ins Feld zogen. Was auch immer in den Nebeln der Sümpfe verborgen lag, es mußte eine lohnende Beute sein, wenn es von so vielen Kämpfern verteidigt wurde. Für ihn schien es nicht den geringsten Zweifel daran zu geben, daß der Feldzug ein Erfolg sein würde und er damit auf Dauer das Recht auf den Titel eines Herzogs erlangte. Mit den Ländereien, die er dazugewinnen würde, wäre er nach dem König der zweitmächtigste Mann in Aquitanien.
Golo konnte diese Euphorie nicht teilen. Mit jedem Schritt, der ihn tiefer in die Marschen brachte, waren Erinnerungen an seinen toten Herrn verbunden. Wohl tausendmal hatte er jene Nacht verflucht, die der Spielmann in der Kemenate der sächsischen Prinzessin verbracht hatte und die der Ausgang ihrer tragischen Reise geworden war. Jeden Abend schloß er seinen toten Herren in seine Gebete mit ein, und er hoffte aufrichtig, daß er für seine Art, mit den Weibern umzugehen, Vergebung gefunden hatte.
Die Sumpflandschaft hatte sich in den letzten Monaten sehr verändert. Überall wogte mannshohes Schilf im Wind und versperrte die Sicht. Der Knüppeldamm erschien ihm wie ein Hohlweg, und wann immer er an den Trophäenbaum und die bewaldete Halbinsel inmitten des Moors dachte, beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Es würde nicht so einfach werden, die Feen zu besiegen, wie sich der Bischof das vorstellte. Sie waren keine Krieger aus Fleisch und Blut. Mit Schrecken dachte Golo an den Tag, an dem Volker und Gwalchmai gestorben waren. Manchmal verfolgte ihn das gräßliche Geheul, das über den Sümpfen erklungen war, in seinen Träumen. Die beiden Ritter waren gute Kämpfer gewesen, doch hatten sie es nicht vermocht, den Streiter der Morrigan zu töten. Was geschah, wenn die Feen nicht durch Waffen verletzt werden konnten, die von Menschenhand geschmiedet waren? Die Bauern hatten erzählt, die Morrigan sei eine mächtige Zauberin. Vielleicht ließ sie das ganze Heer in Schlaf versinken, so daß die Feen ihnen nur noch die Kehlen durchschneiden mußten.
Golo schüttelte sich. Er sollte sich nicht von solch finsteren Gedanken mitreißen lassen. Man mochte über den Bischof denken, wie man wollte, eins war jedenfalls gewiß: Er war ein mächtiger Kirchenmann! Er würde seine Männer mit der Kraft seines Glaubens beschützen!
Der ehemalige Knecht hielt sich ganz in der Nähe des Bischofs. Jehan traute ihm nicht. Stets waren ein paar seiner Söldner an Golos Seite. Dabei hatte er den Gedanken an eine Flucht längst aufgegeben. Der Bischof war sein Gönner. Er hatte ihn in den Ritterstand erhoben, und wer weiß, mit welchen Ehren der Kirchenfürst ihn noch überschütten würde, wenn es tatsächlich gelang, das Königreich der Feen zu erobern.
Jehan ritt auf einem schwarzen Hengst durch das Lager und wies die Knechte an, wo welche Zelte aufzuschlagen waren. Er trug einen prächtigen roten Umhang und das goldbestickte Bischofsgewand. Dazu ein langes Kettenhemd. Er hatte für sich einen ganz besonderen Topfhelm fertigen lassen, auf dem eine holzgeschnitzte Mitra thronte. Ständig war ein Diener in seiner Nähe, der den Helm auf einem Kissen vor sich her trug, und der Bischof erschien in seinem Aufzug wie ein Mann, der stets bereit war, in die Schlacht zu ziehen. Unter den Söldnern und Rittern war er sehr beliebt. Jeden Abend war er der letzte, der sich zur Ruhe legte, und morgens war er stets als erster wieder auf den Beinen. Es schien ganz so, als könne ihn nichts erschöpfen, und er hatte eine Aura, die außer Golo wohl niemanden im Heerzug daran zweifeln ließ, daß der Krieg gegen das Nachtvolk kurz und erfolgreich sein würde.
Jehan hatte seinen Dienern den Befehl gegeben, sein prächtiges Zelt direkt unter der Ruine des Bergfrieds aufschlagen zu lassen. Dann sprang er aus dem Sattel und trat in die zerstörte Burg. Prüfend blickte er sich um und gab dann Golo einen Wink, an seine Seite zu eilen.
»Wo waren die Köpfe des Barons und seiner Krieger aufgepflanzt?«
Der ehemalige Knecht wies auf die Weiden, die dicht beim Wasser standen. »Dort drüben, Herr. Wir haben sie hier nahe bei dem Festungsturm beerdigt.«
Der Bischof strich sich nachdenklich über sein kantiges Kinn und blickte auf das Moor hinaus. »Es soll der Heidenbrut genauso ergehen wie dem armen Baron Rollo. Jeden, den wir zu packen bekommen, werde ich enthaupten lassen. Wir werden alle paar Schritt entlang des Knüppeldamms einen Pfahl mit einem Kopf darauf aufstellen, damit die abergläubischen Bauern hier in der Gegend endlich lernen, daß nichts und niemand gegen die Ritter der Christenheit bestehen kann!«
Das Poltern eines Steins ließ Golo zu den Ruinen blicken. Hinter einer zerborstenen Mauer trat Jean, der Dorfälteste, hervor. Er trug einen schmutzigen Kittel und hielt einen alten Strohhut in der Hand. Mit gesenktem Haupt trat er vor den Bischof.
»Herr, ohne Euch belauschen zu wollen, wurde ich Zeuge Eurer Worte. Ihr dürft das nicht tun. Zieht Euch zurück, bevor Ihr den Zorn der alten Götter auf Euch ladet. Schon einmal hat die Morrigan ein ganzes Heer vernichtet, das gekommen war, um Ihr Volk zu versklaven. Nicht einer der Krieger kehrte aus den Sümpfen zurück.« Jean hob den Kopf und deutete auf Golo. »Hütet Euch vor diesem Mann! Er hat schon seinem letzten Herren das Verderben gebracht. Mag er jetzt auch die Gewandung eines Ritters tragen, so erkenne ich ihn dennoch wieder. Damals war er wie ein Knecht gewandet.«
»Schweig!« Der Bischof hatte den alten Fischer bei seinem Kittel gepackt. »Du warnst mich vor einem meiner Edlen und vor einer heidnischen Göttin! Bist du noch bei Sinnen, Mann? Ich bin der Bischof von Saintes! Gott selbst hat mich hierher geführt, damit ich das Heidentum in diesem Königreich vernichte! Es ist meine heilige Pflicht, dafür zu sorgen, daß solche Tölpel wie du endlich begreifen, daß die Götzen der Vergangenheit nicht vor Christus bestehen können.«
»Die Götter, von denen Ihr sprecht, Herr, sind so alt wie dieses Land. Sie haben die Römer, die Goten und die Franken kommen und vergehen sehen. Sie werden auch dann noch über die Sümpfe gebieten, wenn ihr Normannen nur noch eine ferne Erinnerung seid.«
»Das ist Ketzerei, du Lump!« Jehan wandte sich zu den beiden Waffenknechten, die ihn stets begleiteten. »Packt den Kerl! Wollen wir doch mal sehen, ob ihn seine alten Götter vor dem Zorn eines Kirchenfürsten bewahren können!«
Die zwei Krieger taten, wie ihnen geheißen. Der alte Fischer leistete keinen Widerstand. »Laßt das Heer zusammenrufen und bringt die Bauern aus dem Dorf herbei! Ich will an diesem Heiden ein Exempel statuieren.«
Golo trat dem Bischof in den Weg. »Laßt ihn, Herr! Er ist doch nur ein verwirrter Alter. Er weiß nicht, was er redet.«