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»Ich denke, daß du diese Sache zu leicht nimmst! Hast du nicht gehört, wie er mir gedroht hat? Ich kann seine Frechheiten nicht hinnehmen! Außerdem kennt er dich und weiß, wer du bist«, fügte er leiser hinzu. »Auch das ist ein Grund, warum er sterben muß. Es wäre nicht gut, wenn er durch das Lager liefe und jedem erzählen würde, daß du erst vor wenigen Wochen noch ein ungewaschener Pferdeknecht gewesen bist.«

Golo zuckte mit den Schultern. »Wer würde ihm schon glauben? Alle in diesem Lager haben gesehen, wie Ihr mich in Saintes zum Ritter geschlagen habt.«

Jehan lächelte abfällig. »Du bist naiv, mein junger Freund. Unter den Adligen gibt es jede Menge Neider, die keine Gelegenheit auslassen werden, meinen Namen zu beschmutzen. Zum Dreikönigsfest war ich nur ein Bischof und ein Graf, dessen Ländereien weit verstreut lagen. Jetzt bin ich ein Herzog, und wenn der Feldzug zu Ende ist, werde ich mehr Land als selbst der König besitzen. Glaubst du, das freut sie? Was denkst du, warum ich so viele Söldner angeworben habe? Ihnen kann ich eher trauen als der aquitanischen Ritterschaft. Jeder von diesen feinen Herren hofft darauf, daß ich in den Kämpfen fallen werde. Deshalb habe ich lieber meine Söldner um mich, wenn ich in die Schlacht ziehe. Sie haben nur so lange einen gefüllten Geldbeutel, wie ich lebe. Bei ihnen brauche ich nicht zu fürchten, daß mich in der Schlacht womöglich ein Dolchstoß in den Rücken trifft.«

Golo blickte zu den prächtigen Zelten des Heerlagers hinab. Die meisten der Ritter mochte er nicht sonderlich. Sie waren eingebildet und überheblich. Aber waren es wirklich Mörder? Ein Hornsignal erklang, und er konnte beobachten, wie sich eine Gruppe Bewaffneter auf den Weg zum Dorf machte.

Es dauerte nicht lange, bis sich das Heer vor den Ruinen der Burg versammelt hatte. Ein wenig abseits und umgeben von Berengars Rittern aus Armorika standen die Bauern und Fischer. Von einer der Zinnen der Burgmauer hing ein Seil herab, dessen Ende zu einer Schlinge geknüpft war. Der alte Jean stand auf einem Faß. Er war völlig ruhig. Zuversichtlich blickte er zum Moor, so als erwarte er, daß die Göttin selbst erscheinen werde, um ihn zu retten.

»Ich beschuldige Jean, den Fischer, der Ketzerei und der Götzenverehrung. Er hat den Namen des Königs und meine Ritterschaft beleidigt und weigerte sich, im Namen des Herren um Vergebung zu verbitten. Seine Reden beweisen, daß er ein Freund der Aufrührer in den Sümpfen ist. Da er keine Reue zeigt und sich weigert, den alten Göttern abzuschwören, verurteile ich ihn kraft der mir durch den König verliehenen Gerichtsgewalt in den Sumpflanden zum Tode durch den Strang. Wenn du noch etwas zu sagen hast, Jean, so sprich jetzt. Ich biete dir noch ein letztes Mal an, den alten Göttern abzuschwören. Bist du gefügig, so schenke ich dir dein Leben.«

Jean blickte zu den Dörflern und sprach so laut und deutlich, als sei er ein Mann in den besten Jahren und kein zahnloser Greis. »Ich habe keine Kinder und keine Enkel. Der Tod hat keine Schrecken für mich. Meine einzige Enkeltochter ist der Morrigan gefolgt. Sie ist die Herrin der Sümpfe. Vergeßt das nie, meine Freunde! Sie bestimmt über unser aller Wohlergehen, denn sie ist ewig, so wie die Sümpfe. Den Namen Jehan de Thenac wird bald schon niemand mehr kennen, denn er und die Seinen sind dem Untergang geweiht. Sie haben den Zorn der Göttin herausgefordert, und noch bevor der Sommer vorüber ist, werden die Raben der Morrigan ihnen ihr fauliges Fleisch von den Knochen picken.«

»Fahr zur Hölle, Ketzer!« Der Bischof schwang sich aus dem Sattel und trat das Faß zur Seite, auf dem der Alte stand. Mit einem Ruck straffte sich das Seil.

Golo, der nur wenige Schritt entfernt stand, konnte das trockene Knacken hören, mit dem das Genick des Fischers brach. Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Tote über ihre Köpfe hinweg zum Sumpf. Das Seil pendelte leicht hin und her. Es war völlig still, als plötzlich in der Ruine des Bergfrieds ein schrilles Krächzen erklang. Ein großer Rabe flog auf und kreiste über ihren Köpfen.

»Tötet das Mistvieh!« brüllte der Bischof ärgerlich, doch keiner seiner Söldner hob seine Waffe. Golo schlug hastig ein Kreuzzeichen, und aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie es viele der Ritter und Söldner ihm gleichtaten.

Jehan war zu einem seiner Männer getreten und riß ihm den Bogen aus den Händen. Wütend zog er die Sehne der Waffe bis weit hinter sein Ohr zurück und schickte dem Raben einen Pfeil hinterher. Doch das Geschoß verfehlte sein Ziel. Noch einmal zog der schwarze Vogel einen Kreis über dem Heer und krächzte schrill, so als wolle er sie herausfordern. Dann flog er nach Westen, dorthin, wo der Wald mit dem Trophäenbaum lag.

Volker lehnte an der Brüstung der innersten Umwallung und blickte auf die Stadt hinab, die sich inmitten des Nebels verbarg. Zunächst hatte er geglaubt, er sei tatsächlich in eine andere Welt gelangt, jenes Reich der Feen, von dem die Troubadoure berichteten, so fremd und andersartig erschien ihm hier alles. Doch nachdem er jetzt schon zwei Wochen unter dem Nachtvolk gelebt hatte, wußte er, daß auch sie nur ganz gewöhnliche Sterbliche waren. Jedenfalls die meisten von ihnen...

Die Stadt lag auf einem langgezogenen Hügel und war durch vier Mauerringe untergliedert. Die erste Schutzmauer, vor der ein tiefer, mit zugespitzten Pfählen gespickter Graben verlief, wand sich auf halber Höhe um den Hügel und beschirmte das Viertel der Bauern und Fischer. Ihre Häuser aus Holz und Lehm standen auf Terrassen, die künstlich angelegt worden waren. Die Dächer der einfachen Behausungen waren mit dem gelben Schilf der Sümpfe gedeckt. In den meisten dieser Häuser gab es nicht einmal eine gemauerte Feuerstelle. Der Boden bestand aus festgestampfter Erde. Die runden Häuser hatten nur einen einzigen Raum, in dessen Mitte oft eine Feuergrube lag, deren Rauch durch eine Öffnung im Dach abzog.

Die zweite Wallanlage umgab das abgeflachte Plateau, das die Hügelkrone bildete. Hier hatten die Handwerker ihre Häuser. Sie waren solider gebaut, aus Holz und Stein. Manche hatten sogar ein zweites Geschoß. Die Dächer waren aus Holzschindeln oder aus Sumpfgras.

Am hinteren Ende des Plateaus gab es eine Erhebung, auf der eine Art Burg lag. Einige auserwählte Krieger sowie die Priesterinnen und Priester lebten dort. Die Häuser in der Festung sahen sehr fremdartig aus. Es waren große, steinerne Kegel. Manche der Priesterinnen lebten auch in Höhlen, die in die Erde gegraben waren.

Auf dem höchsten Punkt des Hügels, noch einmal von einer eigenen Mauer umgeben, lag schließlich das Heiligtum der Morrigan. Die Bewohner von Galis benutzten den Namen anders als die abergläubischen Bauern am Rand der Sümpfe. Für das Nachtvolk war Morrigan die Bezeichnung der Hohepriesterin, die den drei Göttinnen Macha, Babd und Neman diente. Eine solche Priesterin hatte er bislang aber noch nicht zu sehen bekommen. Überhaupt war der Tempelbezirk sehr eigenartig gestaltet. Es gab dort mehrere steinerne Tore, die völlig vereinzelt standen, ohne daß sie von Mauern umgeben waren. In die Pfeiler, welche die Abschlußsteine stützten, waren Nischen geschlagen, in denen Schädel lagen. Es waren die Köpfe der großen Helden des Nachtvolks und besonders ruhmreicher Gegner. Hinter den Toren lagen zwei Kreise aus aufrechtstehenden Steinen. Welche Bedeutung sie hatten, konnte Volker noch nicht erfahren. Einmal hatten sich dort nachts die Priesterinnen der Morrigan versammelt, doch ihm war es verboten gewesen, das Heiligtum zu betreten.

Vor drei Tagen war er in einer Vollmondnacht mit Neman vermählt worden. Es war eine heidnische Zeremonie, die für einen guten Christen natürlich nicht bindend war. Der Vollmond hatte hoch am Himmel gestanden, als die Priesterinnen ihn geholt hatten und hinauf zu dem Heiligtum brachten. Außer ihm war kein einziger Mann bei dieser Zeremonie zugegen gewesen. Anschließend hatte es in der tiefer gelegenen Burg ein großes Festessen gegeben, doch als Volker Neman in sein Gemach tragen wollte, hatte sie sich ihm verweigert. Sie hatte entschieden darauf bestanden, daß sie bestimmen würde, wann sie beide sich vereinten.