Er hatte Bischof Jehan lange für einen machtbesessenen Mann gehalten, doch nun erkannte er das wahre Wesen des Adeligen. Jehan war von Gott auserwählt und hatte die Last einer gewaltigen Aufgabe zu tragen. Es war dem Bischof bestimmt, Aquitanien von den Heiden zu befreien, und vielleicht würde der Kirchenfürst danach die Ritter der Christenheit vereinen. Golo seufzte voller Verzückung. Auch sein eigenes Schicksal war fest mit dem Weg des Bischofs verwoben. Er, ein Unfreier, war zum Ritter aufgestiegen und durfte als einziger Burgunde an diesem großen Werk Anteil haben.
Golos Blick schweifte zu dem Scheiterhaufen, der inmitten der Lichtung vor dem gefällten Trophäenbaum brannte. Dort schwelten die Pfähle, auf denen die Köpfe all der Opfer des Nachtvolkes gesteckt hatten. Die Schädel waren in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt worden, und der Bischof hatte einige Handwerker, die dem Troß angehörten, damit beauftragt, dort ein großes Steinkreuz zu errichten.
Inzwischen war das Pilgerlied verklungen. Jehan de Thenac hatte sich erhoben und nahm einem der Männer, die in seiner Nähe standen, einen Wurfspieß ab. Dann hob er die Waffe hoch über den Kopf. »Hundert Jahre und länger haben die Heiden diese schöne Lichtung für ihre gottlosen Rituale genutzt. Diese Zeit ist nun für immer vorbei!« Er rammte den Speer mit aller Kraft vor sich in den Boden. »Dies soll der letzte Spieß sein, auf den hier ein Haupt gesteckt wird. Er ist dem Kopf der Zauberin vorbehalten, welche die Heiden Morrigan nennen. Und noch bevor der Sommer vorüber ist, werde ich diesen Eichenschaft mit ihrem Haupte krönen. Nun reicht mir das Horn, das wir in dem Schrein gefunden haben.«
Jehan winkte einem seiner Waffenknechte, und der Mann brachte das mit goldenen Bändern geschmückte Signalhorn. Ohne zu zögern, setzte er das Instrument an die Lippen. Golo hatte ihn vor der unseligen Wirkung dieses Horns gewarnt, und so waren alle Pferde aus dem Troß von der Lichtung fortgeführt worden.
Obwohl der ehemalige Knecht den gräßlichen Mißton schon kannte, ließ ihn auch diesmal der Ruf des Signalhorns erschauern. Gespannt wartete er, ob auch diesmal ein Unwetter vom Meer aufziehen würde. Doch der Himmel blieb klar. Nur weit im Moor konnte man eine blasse Nebelwand erkennen. Wohl jeder auf der Lichtung blickte gespannt nach Westen, und manche der Ritter hatten ein Gebet auf den Lippen. Wie lange würde es wohl dauern, bis die Heerscharen der Morrigan in ihren Booten das Ufer erreichten? Mit dem Hornstoß war die dunkle Göttin herausgefordert. Von nun an würde es kein Zurück mehr geben.
Vielleicht war der Bischof zu leichtfertig gewesen. Nur ein Drittel seines Heeres war bereits versammelt. Die anderen Männer würden auf den flachen Schiffen der Nordmänner durch die Marschen kommen. Doch bislang hatten sie von ihnen noch keine Nachricht erhalten.
Ein leichter Ostwind trieb den Dampf, der aus den heißen Quellen aufstieg, über die große Insel und hüllte Galis in dichten Nebel. Seit Tagen hatte Volker Neman nicht mehr gesehen. Nur die kriegerische Macha hatte das Heiligtum über der Burg verlassen, um mit ihm und den Anführern unter den Kriegern der Stadt zu sprechen. Am Morgen war ein Späher mit beunruhigenden Nachrichten aus den Sümpfen gekommen. Angeblich marschierte ein großes Heer über die Knüppeldämme, und es schien, als sei das Ziel dieser Ritter die verborgene Stadt.
Volker blickte zu dem Heiligtum. Es lag auf dem nördlichsten Ausläufer des Hügels. Der Kamm hatte dort einen leichten Höcker, und auf dessen Spitze lag der ummauerte Kultplatz. Wenn man nicht den schmalen Weg nahm, der dort hinaufführte, mußte man ein paar Schritt die Böschung erklimmen und dann die Mauer aus groben, unbehauenen Steinen hinaufklettern. Ein letztes Mal musterte der Spielmann den Platz inmitten der Festungsanlage, doch im Nebel war niemand zu sehen. Dann schlich er zur Böschung. Er hatte nun lange genug auf Neman gewartet. Er würde herausfinden, wo die Priesterin steckte. Vielleicht hatte Macha sie beseitigt, um an Einfluß zu gewinnen. Die Rabenpriesterin brannte gewiß darauf, gegen die Ritter dort draußen auf dem Knüppeldämmen in die Schlacht zu ziehen.
An der Böschung sah er sich erneut um. Für einen Moment glaubte er, ein verdächtiges Geräusch im Nebel gehört zu haben. Ganz so wie eine Ledersohle, die über einen vorstehenden Stein des Pflasters geschrammt war. Doch jetzt war alles still. Vielleicht war es nur ein Mann, der den Platz überquert hatte, um einen der Wachtposten am Tor abzulösen. Volker wartete noch einen Augenblick, dann begann er die steile, grasbewachsene Böschung hinaufzuklettern. Durch den Nebel war das Gras naß und rutschig geworden. Es schien dem Spielmann eine Ewigkeit zu dauern, bis er endlich den Fuß der Mauer erreichte. Oben aus dem Heiligtum erklangen Trommelschlag und Flötenspiel. Irgend etwas ging dort vor sich. Doch das war nur gut so! Die Priesterinnen waren jetzt abgelenkt, und er hatte es leichter einzudringen. Wachen brauchte er nicht zu befürchten. Dort oben wurden während der Zeremonien, welche die Morrigan abhielt, keine Männer geduldet.
Die Mauer zu erklettern war kaum schwerer, als die Böschung hinaufzukommen. Man hatte keinen Mörtel benutzt, sondern die Steine einfach nur aufeinandergeschichtet. Hier und dort ragten die Enden von Balken aus dem Mauerwerk und boten gute Griffe. Schließlich erreichte der Spielmann die Brüstung und versteckte sich auf dem Wehrgang. Sein Schwert hatte er in seinem Gemach zurückgelassen. Die Scheide wäre nur klappernd gegen das Mauerwerk geschlagen und hätte ihn verraten. Als einzige Waffe trug er einen schmalen Dolch bei sich.
Geduckt schlich er an der Brüstung entlang, bis er eine Rampe erreichte, die zum Innenhof hinabführte. Die Musik klang mittlerweile lauter und bedrohlicher. Wartend verharrte der Spielmann an der Rampe. Der Nebel war so dicht, daß man keine zehn Schritt weit sehen konnte. Die doppelt mannshohen Steine, die dort unten standen, erschienen nur noch als verschwommene, graue Schemen. Es schien sich etwas zwischen ihnen zu bewegen.
Volker wartete noch einen Augenblick, bis er meinte, daß niemand in seine Richtung kam. Dann ging er die Rampe hinunter und lief über den Hof bis hin zum Steinkreis. Mit klopfendem Herzen preßte er sich gegen den kalten Fels und spähte um die Ecke. Innerhalb des Steinkreises waren Feuerbecken aufgestellt worden, und der Duft schwelender Kräuter zog mit dem Nebel. Die flachen Metallbecken ruhten auf hüfthohen, dreibeinigen Ständern. Hinter jeder Feuerstelle war eine Priesterin plaziert, die in unregelmäßigen Abständen Räucherwerk auf die glühenden Kohlen warf. Die Frauen trugen lange, dunkle Gewänder und weite graue Umhänge, die sie fast mit Rauch und Nebel verschmelzen ließen.
Wenn er sehen wollte, was im inneren Steinkreis vor sich ging, würde er sich weiter nach vorne wagen müssen. Zögernd nagte der Ritter an seiner Unterlippe. Er war hierher gekommen, um Neman zu sehen. Angeblich würde sie während des Rituals tanzen. Wenn er jetzt wieder zurückging, hätte er genausogut unten in der Festung bleiben können! Der Nebel würde ihn schon schützen. Noch einmal spähte er um die Ecke des Felsblocks, und als er sicher war, daß keine der Priesterinnen in seine Richtung blickte, eilte er mit einigen schnellen Schritten zum inneren Steinkreis.
Von dort konnte er die Musikantinnen beobachten. Sie standen auf den Innenseiten der Felsblöcke und spielten für eine Frau, die in wirbelnden Kreisen über den Platz in der Mitte des Heiligtums tanzte. Es war Neman! Sie trug ein weißes Gewand und drehte sich so schnell, daß ihr weit geschnittener Rock wie ein Wagenrad von ihren Hüften abstand. Das rotblonde Haar leuchtete wie eine Flamme um ihr blasses Gesicht. Sie schien in Trance zu sein. Ihre Augen blickten starr ins Leere. Schweiß rann ihr über die Stirn. Zweimal kam sie so dicht an Volkers Versteck vorbei, daß er sie mit ausgestrecktem Arm hätte greifen können.