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Plötzlich verstummten alle Instrumente, und Neman blieb wie versteinert stehen. Ganz leise erklang in der Ferne ein Horn. Die Ritter... Sie mußten zum Trophäenbaum gezogen sein! Die Tänzerin stieß einen wimmernden Laut aus und ging in die Knie. Zwei Priesterinnen eilten zu ihr und legten einen weiten, schwarzen Umhang über ihre Schultern. Dann traten sie hastig zurück.

Neman schien von Krämpfen geschüttelt zu sein. Zunächst hörte man noch ein Schluchzen. Sie zog den Mantel enger um ihre Schultern. Mit einem wütenden Schrei erhob sie sich und breitete den Umhang aus, als sei er ein schwarzes Flügelpaar. »Sie haben mich gefordert! Ich werde ihre Köpfe holen, und meine Raben werden ihnen das faulige Fleisch von den Rippen picken!« Die Hohepriesterin blickte in Volkers Richtung, und der Spielmann trat erschrocken einen Schritt zurück. Neman hatte sich verändert. Ihr Gesicht wirkte noch blasser und hatte einen grausamen Zug angenommen. Ihre Augen funkelten und schienen tiefer in den Schädel gesunken zu sein. Auch wirkte ihr Gesicht jetzt länger... Was war das für ein böser Zauber? Blut tropfte von ihren Lippen auf ihr weißes Gewand. Macha sah der Tänzerin Neman zwar noch ähnlich, und doch stand dort ein anderer Mensch in dem Steinkreis. Selbst ihre Stimme war dunkler geworden.

»Ruft die Krieger zusammen und bringt mir meine Waffen! Wir wollen den Tod in das Heerlager der Eindringlinge tragen.«

Volker duckte sich und schlich zum äußeren Steinkreis zurück. Er mußte von hier verschwinden! Die Priesterinnen würden nach ihm suchen. Auch er gehörte jetzt zum Rat, und vielleicht würde seine Stimme in der Versammlung der Krieger sogar den Ausschlag geben. Wenn die Kunde der Boten tatsächlich stimmte und ein ganzes Heer am Rand der Sümpfe aufmarschiert war, dann wäre es Wahnsinn, die Festung zu verlassen und anzugreifen. Gegen Hunderte ausgebildeter und bestens bewaffneter Ritter könnten die wilden Krieger aus den Sümpfen niemals bestehen. Sie würden von den Normannen niedergemäht wie der Sommerroggen vom Schnitter.

Hastig eilte er die Rampe hinauf. Hinter ihm hallten Schritte durch den Nebel. Ohne sich umzublicken, lief er zur Brüstung der Mauer und kletterte über sie hinweg. Seine Füße tasteten über die Wand und suchten nach einem Halt. Endlich fühlte er eine Fuge zwischen den Bruchsteinen, die breit genug war, um seinen Fuß halb hineinzuschieben. Er ließ die Brüstung los und tastete nach einem neuen Griff an der Wand. Den linken Fuß setzte er auf einen der Holzbalken, die aus der Mauer ragten. So arbeitete er sich langsam tiefer. Der Abstieg kam ihm wie eine Ewigkeit vor, und er hoffte inständig, daß sich niemand über die Brüstung beugen würde, um an der Mauer hinabzublicken.

Der Wind hatte gedreht und kam jetzt vom Meer. Schon wurden die Nebelschwaden, zwischen denen die Stadt des Nachtvolks verborgen lag, lichter. Er mußte schneller vorankommen. Nicht mehr lange, und man könnte ihn vom Hof der Burg aus sehen. Die grasbewachsene Hügelflanke lag nur noch zwei Schritt tiefer. Entschlossen stieß er sich von der Wand ab, landete federnd auf dem Rasen und rollte sich überschlagend die Böschung hinab, bis die steinerne Rückwand eines Lagerhauses seinen Sturz bremste. Benommen versuchte er, wieder auf die Beine zu kommen, als neben ihm eine Stimme erklang.

»Wißt Ihr nun, was Euch keine Ruhe ließ?«

Volker kniff die Augen zusammen, um die grellen Lichtpunkte zu vertreiben, die vor ihm durch die Luft zu tanzen schienen. Neben ihm stand ein Mann mit schulterlangem, weißen Haar und einem kurz geschorenen Vollbart. Er trug ein weißes Gewand und einen roten Umhang, der an der Schulter von einer goldenen Schlangenfibel zusammengehalten wurde. Der Spielmann hatte ihn schon mehrmals in der Burg gesehen. Er gehörte zu einer kleinen Gruppe von Priestern, die den Dienerinnen der Macha untergeordnet zu sein schienen.

Fieberhaft überlegte Volker, wie er dem Alten erklären konnte, was er an der Mauer gemacht hatte, ohne dabei preiszugeben, daß er heimlich in das Heiligtum eingedrungen war.

»Ich... ich war an der Mauer und hörte von oben seltsame Geräusche. Wie das Schnauben eines Tieres. Ich dachte, die Priesterinnen seien vielleicht...«

Der Priester schnitt ihm mit einer ärgerlichen Geste das Wort ab. »Ich glaube nicht, daß du der Sänger bist, von dem unsere Legenden kunden, und die Art, wie du sprichst, deutet darauf hin, daß du aus einem der Königreiche aus dem Osten kommst. Glaube nicht, daß ich nicht wüßte, was in der Welt geschieht. Ich habe mit den neuen Dienern gesprochen, und manchmal verlasse ich auch die Sümpfe... Ich weiß, mit welchem Feuereifer die Diener des neuen Gottes die alten Heiligtümer zerstören. Oft haben sie sogar die Frechheit, ihre Kirchen auf den Ruinen der alten Tempel zu errichten, obwohl sie gar nicht mehr wissen, warum diese Orte ausgesucht worden sind und welche Kräfte der Kundige dort zu wecken vermag. Doch lassen wir das... Ich möchte von dir wissen, was du gesehen hast!«

Der Spielmann hatte den Eindruck, daß der Alte genau wußte, was sich oben im Heiligtum ereignet hatte. Wahrscheinlich wollte der Priester ihn auf die Probe stellen, um zu sehen, ob er ihn belügen würde. Oder täuschte er sich in dem Kerl? Volker musterte den Alten, doch nichts deutete darauf hin, was der Priester dachte. Ruhig erwiderte er den Blick des Spielmanns. Nun gut, er würde ihm erzählen, was er gesehen hatte!

Als Volker seine Geschichte beendet hatte, schüttelte der Alte den Kopf. »Es war kein Zauber, den du beobachtet hast. Es ist das wahre Wesen der Morrigan. Sie benötigt keine Magie, um zu Macha zu werden. Sie trägt die Rabengöttin in sich.«

Der Spielmann seufzte. Der Alte hatte seine Sinne nicht recht beisammen. Vielleicht hätte er ihn doch belügen sollen. »Ich rede nicht von der Morrigan. Neman hat getanzt. Sie ist durch böse Magie verzaubert worden. Ich glaube, es war der Mantel Machas, der sie behext hat. Sie verwandelte sich erst, als ihr der Mantel mit den Rabenfedern gebracht wurde.«

Der Priester lächelte dünn. »Ich weiß. Du mußt es mir nicht noch einmal erzählen. Neman ist die Morrigan. Morrigan ist nicht nur ein Name. Es ist der Titel, den die Hohepriesterin führt. So wie die Christen dort draußen ihren obersten Priester Papst nennen. Die Morrigan vereint die drei Göttinnen in sich. Sie ist Macha, Babd und Neman. Man kann auch anders herum sagen, die drei Göttinnen seien in Wirklichkeit eins, die Morrigan.«

Volker starrte den Alten an. Seine Worte waren ihm ein Rätsel. »Woher weißt du das? Ist es dir nicht genauso wie allen anderen Männern verboten, den Ritualen der Priesterinnen beizuwohnen? Und wie kann eine Frau in drei zerfallen? Ich möchte dich nicht beleidigen, alter Mann, doch ich kann in deinen Worten keinen Sinn entdecken. Macha will den Kriegsrat zusammenrufen. Ich muß jetzt gehen.«

Der Spielmann wollte gehen, doch der Alte griff nach seinem Arm. Für einen Mann mit weißem Haar hatte er noch erstaunlich viel Kraft. »Bleib! Niemand geht, bevor Ambiorix seine Rede beendet hat. Ich bin der Barde von Tirfo Thuinn. Ich kenne die Geschichte meines Volkes vom Anbeginn der Zeiten bis zum heutigen Tag, und es ist meine Aufgabe, sie lebendig zu erhalten. Fast alle Geheimnisse dieses Landes sind in meiner Erinnerung lebendig. Zwanzig Sommer hat mein Lehrer mich unterrichtet, bis ich jede dieser Geschichten auswendig dahersagen konnte, ohne auch nur ein Wort der Überlieferung zu vergessen oder zu verändern. Du gehörst nicht zu uns, deshalb kann ich dir dein schlechtes Benehmen dieses Mal noch nachsehen. Doch merke dir, wenn der Barde spricht, schweigt selbst die Morrigan. Sogar wenn sie anderer Meinung ist, wartet sie, bis er seine Rede beendet hat, um ihm dann zu widersprechen.«

»Dann sag, was du mir zu sagen hast!« Volker hatte Mühe, seinen Zorn zu unterdrücken. Es gab nun Wichtigeres zu tun, als diesem verrückten Kerl zuzuhören! Wenn er nicht an der Versammlung des Kriegsrates teilnahm, würde Macha bestimmen, was geschehen würde, und er konnte sich nicht vorstellen, daß die Rabengöttin wußte, wie man einem Ritterheer zu begegnen hatte.