»Ich sehe dir an, daß du mir nicht glaubst, daß die Morrigan die drei Göttinnen in sich vereint. Dabei trägst auch du zwei einander widerstrebende Seelen in deiner Brust. Du bist ebensosehr ein Sänger wie ein Krieger.«
»Ich sehe nicht, was du mir damit sagen willst«, entgegnete Volker gereizt. »Es ist kein Widerspruch in dem, was ich bin. Beides ist ein Teil von mir, so wie eine Münze zwei verschiedene Seiten hat und trotzdem eins ist. Außerdem verändere ich nicht mein Gesicht, wenn man mir einen schwarzen Mantel über meine Schultern legt.«
»Du magst mir erzählen, daß du eins mit dir bist, Sänger, doch im Grunde weißt auch du, daß dies nicht stimmt. Bist du nie im Zweifel mit dir? Fragst du dich niemals, welches der bessere Weg ist? Wenn du das Haus eines Adligen besuchst, weißt du, daß man dort sowohl den Barden als auch den Krieger empfangen wird. Doch man wird sie unterschiedlich behandeln. Liebt der Herr des Hauses Lieder und Geschichten, so wird der Barde der König des Abends sein, wohingegen man den Krieger nur höflich aufnimmt, weil es die Gesetze der Gastfreundschaft verlangen. Doch was ist, wenn der fremde Herr Musik nicht zu schätzen weiß? Dann wird der Barde am Herdfeuer beim Gesinde sitzen, wohingegen man einem Krieger vielleicht Respekt gezollt hätte und den Ehrenplatz an der rechten Seite des Hausherren eingeräumt hätte. Du mußt dich also entscheiden, wer du sein willst, wenn du in ein fremdes Haus kommst. Als Krieger wirst du dich vollkommen anders benehmen, ja, du wirst sogar anders sprechen als ein Barde. Auf gewisse Weise haftet dir jedoch ein Makel an. So sehr du dich auch in die Rolle des Barden begibst, wirst du doch immer wissen, daß du auch als Krieger hättest kommen können. Umgekehrt ist es natürlich genauso. Die Morrigan ist anders. Sie ist das Gefäß der drei Göttinnen. Wenn Macha in sie einfährt, dann ist sie nur noch Macha. Sie hat dann die Erinnerung an alles andere verloren, und deshalb verändern sich sogar ihre Gesichtszüge und ihr Stimme. Das gleiche gilt für Babd und Neman. Nur in den Augenblicken, in denen sich die Morrigan keiner der drei Göttinnen hingegeben hat, ist sie unvollkommen, denn dann kennt auch sie den Zweifel. Dann vermag sie sich zu erinnern, wer Gwen war...«
Volker seufzte. Wenn der Alte tatsächlich ein Barde war, dann hatte er einen verdammt üblen Lehrmeister gehabt. Seine Art, Geschichten zu erzählen, war ebenso verwirrend wie langatmig. »Wer zum Henker ist Gwen?«
»Meine Tochter. Die alte Morrigan hat sie unter den Mädchen der Stadt auserwählt, um ihre Nachfolgerin zu werden. Lange Jahre ist sie von den Priesterinnen auf dieses Amt vorbereitet worden. Sie mußte lernen, sich selbst zu vergessen, um zum Gefäß für die Göttinnen werden zu können. Man hat ihr schwere Prüfungen auferlegt und ihr Zaubertränke gegeben, die sie verändert haben. Das alles diente dazu, die Gwen, die sie einst war, in ihr zu töten. Als Kind habe ich sie einmal auf eine meiner Reisen, die mich auf die andere Seite des Nebels geführt hat, mitgenommen. Wir waren in Niort, und dort haben wir in einer Schenke einen Märchenerzähler getroffen. Die ganze Nacht lang hat die kleine Gwen ihm zugehört. Sie konnte gar nicht genug bekommen von seinen Geschichten über Prinzessinnen, ferne Königreiche, Drachen und Prinzen. Ich habe den Märchenerzähler reichlich entlohnt, als er am nächsten Morgen weitergezogen ist. Nie zuvor und nie wieder danach habe ich meine Tochter so glücklich gesehen...«
Der alte Mann kämpfte mit den Tränen. Seine Lippen bebten, und es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis er sich wieder gefaßt hatte. »Meine Gwen ist jetzt schon viele Jahre tot...«
»Aber sie ist doch die Morrigan. Wenn die Göttinnen nicht in ihr sind, dann muß sie sich doch an dich erinnern und an ihre Kindheit.«
»Nein, Sänger.« Der Priester schniefte leise und preßte die Lippen zusammen. »Damit sie vollkommen sein konnte, hat ihr die alte Hohepriesterin alles genommen. Gwen ist tot... Es ist eine große Ehre, wenn ein Mädchen auserwählt wird, zur Morrigan zu werden. Verstehe mich nicht falsch... Es war schon immer so, daß es eine Hohepriesterin gegeben hat. Aber die alte Morrigan hat ihr Werk an meiner Tochter besonders gründlich verrichtet. Gwen ist nur noch das Gefäß. Wenn keine der Göttinnen in ihr ist, sitzt sie nur reglos in ihrer Kammer und starrt vor sich hin. Wenn ich zu ihr spreche, scheint sie mich nicht zu hören. Die Priesterinnen müssen sie füttern, so als sei sie ein kleines Kind. Sie kann nicht einmal mehr einen Löffel zum Mund führen, meine Gwen...«
Volker schaute betroffen zu Boden. Der Alte tat ihm leid, und doch war jetzt keine Zeit, sich seine Geschichte anzuhören. Der Kriegsrat hatte sich gewiß bereits im Langhaus der Burg versammelt, und sie würden einen Angriffsplan beschließen, ohne ihn gehört zu haben!
»Neman ist die einzige, die meiner Gwen wenigstens ein wenig ähnelt. Sie hat mir von dir erzählt. Sie liebt deine Geschichten, auch wenn ich glaube, daß du sie über deine Herkunft belogen hast.«
»Du weißt also, daß ich nicht der...«
Der Priester lächelte. »Ich weiß, wie Neman dich zu dem Sänger gemacht hat, der sich aus den Gräbern der toten Helden erhebt. Es war ihr Entschluß, daß du es sein solltest. Sie ist eine Göttin. Sie wird wissen, was sie tut. Sie wollte dich hier haben, deshalb hat sie dich aus dem Grab geholt und die heilige Hochzeit mit dir gefeiert. Ich glaube, sie liebt dich. Nicht daß ich begreifen könnte, worauf sich diese Liebe begründet, doch was wissen Menschen schon von Göttern? Weil ich der Barde bin und wissen muß, was wirklich war, wenn ich die Geschichte unseres Volkes weitererzählen will, hat sie mir die Wahrheit gesagt. Macha mag dich nicht. Sie hält dich für einen Betrüger. Nimm dich vor ihr in acht! Vielleicht würde sie dich sogar töten. Babd bist du gleichgültig...« Der Priester lächelte zynisch. »Doch achte darauf, daß Babd niemals eines deiner Gewänder wäscht. Wenn du sie dabei siehst, weißt du, daß der Tag gekommen ist, an dem du sterben wirst. Sei ständig auf der Hut! Wenn du mit einer der Göttinnen zusammen bist, darfst du dich keinen Atemzug lang sicher fühlen. Innerhalb eines Lidschlages könnte Neman den Leib der Morrigan verlassen, und vielleicht tritt Macha an ihre Stelle. Das war es, was du dort oben im Heiligtum beobachtet hast.«
Der Spielmann konnte dem Alten nicht glauben. Welches Ziel mochte der Priester mit dieser Geschichte verfolgen? Ob er es wagen sollte, ihn offen darauf anzusprechen? Es blieb nicht mehr viel Zeit. Vielleicht war es klüger, auf Intrigen und Spiegelfechterei zu verzichten? »Was willst du von mir, Ambiorix? Warum erzählst du mir das alles?«
»Weil du meine Tochter in deinen Armen halten wirst, wenn Neman sich entschließt, sich dir hinzugeben. Ihr Leib ist das einzige, was von Gwen noch übriggeblieben ist... Sei zärtlich zu ihr...« Der Alte stockte. Für einen Moment lang schien er um seine Fassung zu ringen. Dann sprach er leise, aber sehr eindringlich weiter. »Du gehörst nicht hierher, Sänger. Ich habe dich beobachtet, wie du einer der Frauen, die sie aus der Burg des Normannen mitgebracht haben, in den Wald gefolgt bist. Ist sie der Grund dafür, daß du gekommen bist? Sie heißt Gunbrid, nicht wahr? Ist sie dein Weib?«
Volker schüttelte den Kopf. Ambiorix hatte ihn also tatsächlich durchschaut. »Gunbrid ist die Nichte meines Königs, Gunther von Burgund. Es ist wahr, ich wollte sie in ihre Heimat zurückbringen, aber sie hat beschlossen, bei den Priesterinnen zu bleiben.«
»Gehe zurück zu deinem König, Sänger! Hier ist kein Ort für dich. Glaube mir, Macha wird dich töten. Nutze die nächste Gelegenheit zur Flucht. Du kannst unsere Welt nicht verstehen. Ich sehe dir an, daß du meinen Worten kaum Glauben schenken magst, und doch sind sie wahr.«
Der Spielmann blickte Ambiorix lange in die Augen. Der Alte hielt ihm stand. Was für ein Spiel trieb der Priester? War er wirklich ein Freund? Oder versuchte Ambiorix, ihn zu einem Fehler zu verleiten? Als Volker gehen wollte, hielt der alte Mann ihn noch einmal zurück. »Wundere dich nicht über das, was im Kriegsrat gesprochen werden wird. Wir müssen die Fremden noch draußen im Sumpf angreifen. Wir haben keine andere Wahl!«