»Das ist Irrsinn! Warum sollten wir den Vorteil einer gut befestigten Stellung aufgeben? Wenn Macha diesen Befehl gibt, werden viele Männer aus der Stadt mit ihrem Leben dafür zahlen müssen.«
Der Alte schüttelte ärgerlich den Kopf. »Du begreifst wirklich gar nichts. Wenn sie bis vor unsere Mauern kommen, dann ist unser Geheimnis verloren. Selbst ein Sieg würde uns dann nichts mehr nutzen. Sie dürfen nicht erfahren, wo unsere Stadt liegt. Kommen sie hierher, und nur einem gelingt die Flucht, dann ist die Legende zerstört, daß kein Sterblicher das Reich des Nachtvolks betreten und wieder verlassen kann. Sie würden erkennen, was wir wirklich sind. Menschen, so wie sie. Sie würden wiederkehren, uns ihren Gott bringen und uns unterwerfen. Um unsere Freiheit zu behalten, müssen wir sie angreifen, bevor sie in den Nebel kommen. Ganz gleich, wie groß unsere Aussichten auf einen Erfolg sind!«
Volker musterte Ambiorix mißtrauisch. Er hatte gesagt, kein Sterblicher dürfe diese Stadt betreten und wieder verlassen. Dennoch hatte er ihm zuvor zur Flucht geraten. Es wäre wohl töricht zu glauben, daß er lebend den Rand der Sümpfe erreichen konnte. Vermutlich würden ihm ein paar Bogenschützen folgen, sobald er die Stadt verließ. Doch vielleicht gab es noch einen anderen Weg. Der Spielmann lächelte höflich. »Ich danke dir für deinen Rat und werde ihn beherzigen.«
Der Alte erwiderte sein Lächeln, doch wirkte es maskenhaft und nicht aufrichtig. »Du bist ein Mann meiner Zunft, Sänger. Ich bin verpflichtet, dir zu helfen.«
15. KAPITEL
Auf dem Rückweg von Berengars Zelt blieb Golo an einem der großen Signalfeuer stehen, die am Ufer der Waldinseln entfacht worden waren. Sie sollten der Flotte, die vielleicht schon in dieser Nacht ankommen würde, den Weg durch die Sümpfe weisen. Mehr als dreißig Drachenschiffe sollten Nachschub an Lebensmitteln, Waffen und Truppen bringen. Golo starrte in das gewaltige Feuer, das mit dem Holz des uralten Trophäenbaums gespeist wurde. Wie kleine Sterne stoben Funken aus der Spitze der Flamme und stiegen zum Nachthimmel auf.
Den ganzen Tag über hatten sie darauf gewartet, daß die Feen aus dem Sumpf kamen. Doch sie schienen zu ahnen, daß der Bischof ihnen eine Falle stellen wollte. Kein Boot hatte sich auf dem Wasser gezeigt, und es war auch kein Sturm losgebrochen wie an jenem Morgen, an dem er mit Volker und Gwalchmai hierhergekommen war. Es schien, als würde die Macht des Bischofs über die Zauberkraft des Nachtvolks triumphieren. Dennoch hatte Jehan de Thenac doppelte Wachen für die Nacht eingeteilt. Ob er wohl mit einem Angriff rechnete? Die großen Feuer waren auch eine Provokation. Sie mußten auf viele Meilen im Sumpf zu sehen sein.
Die Flammen warfen breite Streifen aus rotgoldenem Licht auf das Wasser. Golo dachte an das Abendessen mit Berengar. Die Diener des Anführers der Ritter aus Armorika hatte gefüllte Wachteln und einen erlesenen Rotwein aufgetischt. Während des Mahls hatte er mit Berengar noch einmal über das Pfingstturnier gesprochen, und der Recke hatte ihn lachend für seine Kunst im Umgang mit der Lanze gelobt. Der ehemalige Knecht seufzte. Langsam begann ihm das Leben als Ritter zu gefallen. Der Bischof hatte ihm am Nachmittag ein Rittergut hier in den Sümpfen versprochen. Vielleicht würde er sogar Vogt über die eroberten Ländereien in den Sümpfen werden. Um seine Zukunft brauchte er sich keine Sorgen mehr zu machen! Jehan de Thenac würde ihn gewiß gut versorgen.
Golo blickte zum Wasser. Er glaubte, außerhalb des Lichtkreises eine Bewegung gesehen zu haben. Ob die Schiffe sie schon gefunden hatten? Er kniff die Augen zusammen und spähte angestrengt in die Finsternis. Einige dünne Baumstämme trieben im Wasser. Dahinter konnte er schwach ein paar Kugeln, so groß wie Kohlköpfe, erkennen. Aber... Er fluchte. Das waren Schwimmer! Nur ein paar Schritt entfernt ertönte ein unterdrückter Schrei. Dicht neben dem Feuer war ein nackter Krieger aus dem Wasser gestiegen und hatte einem Wächter mit einem breiten Messer die Kehle durchgeschnitten. Golo machte einen Satz zurück und zog sein Schwert. Die Feen waren also doch noch gekommen!
Hinter ihm ertönten Alarmrufe. Feuerkugeln fielen wie Sternschnuppen aus dem Nachthimmel. Zwei Zelte gingen in Flammen auf. Jetzt konnte er auch am Waldrand nackte Krieger sehen. Sie kamen von allen Seiten! Nur ein paar Schritte entfernt trat Berengar vor sein Zelt. Er trug einen langen Reiterschild und hatte ein blankes Schwert in der Hand.
»Männer aus Armorika, zu mir!« brüllte er über den Schlachtlärm hinweg und riß das Banner aus der Erde, das vor seinem Quartier aufgepflanzt war. Ringsherum kamen jetzt Krieger aus den Zelten gestürmt. Doch nur die wenigsten hatten die Zeit gefunden, ihre Brünne anzulegen. Die meisten waren halbnackt und so wie Berengar nur mit Schwert und Schild bewaffnet.
Dicht neben Golo schlug ein Pfeil in die Erde. Es war Zeit zu verschwinden. Die Schwimmer, die er beobachtet hatte, waren keine zehn Schritt mehr vom Ufer entfernt. Er drehte sich um und stand vor einem baumlangen, nackten Krieger, der sein Schwert zum Schlag erhoben hatte. Mit einem Sprung versuchte er, sich in Deckung zu bringen, doch die Scheide seines Schwertes verfing sich zwischen seinen Beinen, so daß er strauchelte. Der Sturz rettete ihm das Leben. Nur einen Finger breit verfehlte ihn die Klinge des Barbaren. Noch im Fallen riß Golo sein Schwert hoch und stieß es seinem Gegner in den Bauch. So leicht wie ein Fleischmesser durch ein Bratenstück schnitt der Stahl durch das ungeschützte Fleisch. Der nackte Krieger stieß einen Schrei aus, der in einem Gurgeln erstickte. Blut tropfte ihm von den Lippen. Er versuchte den Arm zu heben und noch einmal anzugreifen.
Golo fluchte. Er mußte seine Waffe wieder freibekommen! Die Bewegungen des Kriegers waren so langsam, als machten sie eine Fechtübung, bei der er seinem Schüler einen neuen Schlag zeigte. Golo erinnerte sich daran, wie ihm der Bischof einmal erklärt hatte, was zu tun war, wenn man einem Feind die Klinge in den Leib gestoßen hatte. Er drehte die Waffe leicht zur Seite und riß sie dann mit aller Kraft zurück. Sein Feind schien versteinert zu sein. Er hatte das Schwert jetzt hoch über den Kopf gehoben, und Golo wollte parieren, doch es kam kein Angriff. Der nackte Krieger starrte ihn mit seinen grauen Augen an. Er bewegte die Lippen, als wolle er etwas sagen, dann brach er in die Knie und kippte vornüber in den aufgewühlten Uferschlamm. Dem jungen Ritter war übel. Er hatte sich den Krieg anders vorgestellt. Golo hatte geglaubt, ein Kampf auf Leben und Tod sei ein langes Kräftemessen zwischen zwei Recken, in dem schließlich der Stärkere oder der Geschicktere triumphierte. Das hier ging so schnell. Wäre ihm nicht die Schwertscheide zwischen die Beine geschlagen, dann würde er jetzt sterbend im Schlamm liegen.
Ein Schwimmer erreichte ein paar Schritt entfernt das Ufer und zog sein Schwert aus einem Ledergurt, den er über den Rücken trug. Der Kerl war am ganzen Körper tätowiert und hatte seine Haare auf der Mitte des Kopfes zu einem Zopf zusammengebunden.
Golo begann zu laufen. Auf sich allein gestellt würde er in diesem Getümmel nicht lange überleben. Er duckte sich und lief zwischen den Zelten hindurch auf Berengar zu. An seiner Seite war er in Sicherheit. Der Ritter wußte, wie man Schlachten überlebte! Ein paar Recken hatten sich schon um ihn geschart.
»Hierher, Golo!« erklang eine laute Stimme, seitlich vom ihm. »Wir werden diese Heidenbrut in den Sumpf zurücktreiben.« Es war Jehan, der ihn gerufen hatte. Der Bischof schritt aufrecht, anscheinend ohne Angst, durch das Getümmel. Er trug weder einen Schild noch sein Panzerhemd. Ob er wohl glaubte, der Heiland würde ihn vor Pfeilen beschützen?