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»Begebt Euch in Deckung, Herr!« Golo bückte sich nach einem Toten und zog ihm den Schild vom Arm.

»Das sind doch nur dahergelaufene Strauchdiebe! Ihnen in einer Rüstung entgegenzutreten hieße, ihnen zuviel der Ehre anzutun. Komm schon her, Junge, wir werden sie lehren, was es heißt, sich gegen Christenmenschen aufzulehnen.« Ein Pfeil verfehlte den Bischof um eine Handbreit, doch Jehan schien das nicht zu bemerken. Er wandte sich zum Wald und fluchte gotteslästerlich. Man mußte wohl ein Kirchenmann sein, um bei solchen Worten nicht um sein Seelenheil bangen zu müssen.

»Kommt her, ihr bocksbeinigen Satansbuhlen. Ich werde jedem, der dem Gottseibeiuns den Arsch geküßt hat, sein Gemächt abreißen und es ihm in den Rachen stopfen, bis er daran erstickt. Wo steckt ihr? Ich war es, der ins Horn gestoßen hat! Kämpft mit mir, ihr Feiglinge!«

Wohl ein halbes Dutzend Pfeile schlug rund um den Bischof in den Boden. Ein Ritter, der zu Jehan laufen wollte, um den Kirchenfürsten mit seinem Schild abzuschirmen, wurde von einem Geschoß ins Auge getroffen und ging zu Boden. Doch Jehan schien wie durch ein Wunder gegen die Pfeile der Heiden gefeit zu sein. Als ein zweiter Ritter, der an die Seite des Heerführers eilen wollte, von einem Speer durchbohrt wurde, entschied Golo für sich, daß es klüger wäre, sich in der Schlacht nicht in Jehans Nähe aufzuhalten.

Hinter seinen Schild geduckt, rannte er zu Berengar. Um den Recken hatten sich inzwischen mindestens zwanzig Ritter gesammelt und einen Kreis gebildet, so daß der Feind sie nicht im Rücken angreifen konnte. In ihrer Mitte wehte trotzig Berengars Banner. »Hierher, von Zeilichtheim!« Der großgewachsene Krieger winkte ihn an seine Seite, und eine Lücke öffnete sich in der Mauer der Schilde. »Gut, dich lebend zu sehen, mein Freund! Ich fürchte, wir haben diese Bastarde unterschätzt. Sie müssen an die hundert Bogenschützen dort drüben im Wald haben. Wenn wir es nicht schaffen, unter denen aufzuräumen, dann werden wir alle uns den Sonnenuntergang von Pfahlspitzen aus ansehen. Diese Hundesöhne haben den Zeitpunkt für ihren Angriff verdammt gut abgepaßt.«

Golo wollte ihm etwas antworten, doch klapperten ihm die Zähne so sehr, daß er kein Wort herausbrachte.

»Im leichten Marschtritt zum Wald«, rief Berengar, und der Schildkreis begann sich in Bewegung zu setzen.

Der Ritter verpaßte Golo einen sanften Stoß in die Rippen. »Bleib neben mir, Freund! In seiner ersten Schlacht ist es wichtig, einen erfahrenen Kämpen an seiner Seite zu haben. Ich pass’ auf dich auf.«

Der ehemalige Knecht nickte dankbar. Den Schild schützend vor die Brust gehoben, bemühte er sich, im Gleichschritt mit den anderen Rittern zu bleiben. Rings um sie brannte bereits die Hälfte des Lagers. Es war taghell auf der Lichtung, der Wald aber erschien wie eine drohende, schwarze Mauer. Ein dumpfes Donnern ertönte vor ihnen. Golo spürte, wie der Boden unter seinen Füßen erbebte.

»Bei der Jungfrau Maria!« zischte Berengar. Dann brüllte er los. »Runter, duckt euch hinter eure Schilde und haltet die Formation, sonst sind wir alle tot!«

Jetzt konnte Golo den Ursprung des Lärms erkennen. Die Heiden hatten die Pferde aus ihrem Pferch am Wald befreit und trieben sie ihnen entgegen. Wie eine Meereswoge kamen die großen Schlachtrösser auf sie zugestürmt. Golo stieß die Spitze seines Schildes vor sich in den Boden und kauerte sich nieder. Die vorderste Front der Pferde war jetzt keine zehn Schritt mehr entfernt. Ein schwarzer Hengst kam direkt auf ihn zu galoppiert. Wiehernd warf er den Kopf in den Nacken und wich zur Seite aus, als er bis auf zehn Schritt heran war. So wie eine Woge vor einem Fels im Strom, so teilte sich die Front der Pferde, um dem Schildwall auszuweichen. Doch der Platz war zu eng. Schon wurden die Männer an den äußeren Enden der lebenden Mauer niedergetrampelt. Immer später wichen die Pferde zur Seite. Dann setzte der erste Hengst über ihn hinweg. Golo konnte sehen, wie dem Mann zu seiner Linken von einem Huf der Schädel zerschmettert wurde. Einige Herzschläge lang schien die Welt nur noch aus dampfenden Pferdeleibern und aufgewirbeltem Schlamm zu bestehen. Dann war der Spuk vorbei. Doch es blieb keine Zeit zum Atemholen, denn den Hengsten folgten die Barbaren. Heulend wie Wölfe fielen die nackten Krieger über sie her.

»Auf die Beine«, befahl Berengar mit ruhiger Stimme. »Schließt die Lücken im Wall. Rückt zusammen, und dann schickt mir diese Bastarde in die Hölle!«

Golo hatte das Gefühl, in einem Alptraum gefangen zu sein. Dicht wie Hagelschlag prasselten die Schwerthiebe der Barbaren auf ihre Schilde. Jetzt bewährten sich die harten Schwertübungen, die ihm der Bischof aufgezwungen hatte. Ohne nachzudenken, schlug er über den Schildrand hinweg auf die Feinde ein. Ein Speer verletzte ihn an der Wange unter seinem linken Auge, und ein Dolch schnitt ihm in den Oberschenkel. Doch der junge Ritter fühlte keinen Schmerz. Wie eine Viper zuckte sein Schwert den Feinden entgegen, und schließlich zogen sich die Wilden zurück. Kaum war diese Gefahr überstanden, da hagelten wieder Pfeile auf sie herab. Verzweifelt kauerte sich Golo hinter seinen Schild. Er war überzeugt davon, daß er keine Stunde mehr zu leben hatte. Etwas Warmes lief ihm die Beine hinab. Ungläubig blickte er an sich hinab. Er konnte das Wasser nicht mehr halten!

Berengar, der neben ihm kauerte, folgte seinem Blick und grinste. »Mach dir nichts draus! In meiner ersten Schlacht hab’ ich mir ins Kettenhemd geschissen. Das ist mindestens der Hälfte der Männer hier passiert. Was glaubst du, wie mein Waffenknecht geflucht hat, als der sich abends um die Sauerei kümmern mußte!«

Golo lächelte verlegen. »Werden wir alle sterben müssen in dieser Nacht?« fragte er leise.

Berengar schüttelte den Kopf. »Unsinn! Die Nacktärsche haben sich gerade eine ganz schön blutige Nase geholt, als sie gegen unseren Schildwall angestürmt sind. Ich bin sicher, wir haben das Schlimmste überstanden.« Hinter ihnen erklang das Rufen vieler Hörner im Nebel. Die Barbaren schienen vom Wasser her Verstärkung zu bekommen. Jetzt war alles vorbei!

Zwischen den brennenden Zelten formierten sich die Krieger des Nachtvolks zu einem neuen Angriff. Einen Moment lang glaubte Golo, einen Mann zwischen ihnen zu sehen, der Volker ähnelte. Er schien die Krieger zurückhalten zu wollen. Der ehemalige Knecht lächelte. Was für ein Unsinn, sich den Herrn von Alzey als nackten Barbaren vorzustellen!

Eine Frau mit einem schwarzen Umhang war zwischen den Feenkämpfern erschienen. Sie wies mit ihrem Schwert auf den Schildwall, und die Barbaren stürmten los. Golo flüsterte ein stummes Gebet. Auch in ihrem Rücken erklangen jetzt laute Kriegsschreie.

»Das sind unsere!« erklang eine schrille Stimme. Ungläubig blickte Golo über die Schulter. Ein schlanker Drachenhals schob sich aus dem Nebel am Ufer. Dann erschien ein dunkler Bootsleib. Männer mit langen Bärten und bunt bemalten Rundschilden sprangen ins Wasser und kamen auf sie zugelaufen. Es waren die Nordmänner, die der Bischof in seinen Sold genommen hatte! Sie waren gerettet!

Ein Hagel von Pfeilen prasselte gegen den Schildwall. Dann rückte die zweite Angriffswelle der Barbaren heran. Mit neuem Mut hob Golo sein Schwert. Sie würden nicht mehr lange durchhalten müssen!

»Du hattest recht, wir werden es schaffen, Berengar!« Der Ritter aus Armorika antwortete nicht. Der Knecht blickte hastig nach rechts. Die Angreifer hatten ihre Formation fast erreicht. Erschrocken erkannte Golo, daß neben ihm eine Lücke in den Wall gerissen war. Berengar lag, halb von seinem Schild bedeckt, am Boden. Ein rot gefiederter Pfeil ragte aus seiner Kehle. Mit einem weiten Schritt trat ein anderer Ritter über den toten Recken hinweg und schloß die Lücke im Schildwall. Dann begann erneut das Gemetzel.

»Greift an! Wir werden sie zu den Schiffen zurücktreiben.« Macha selbst stand in der vordersten Schlachtreihe und feuerte ihre Krieger an. Doch ihr Kampf war aussichtslos. Volker packte die wiedererstandene Göttin an der Schulter und zog sie zurück. »Wir müssen hier fort. Sie sind uns um das Doppelte überlegen, und sie sind besser ausgerüstet. Wir können diese Schlacht nicht mehr gewinnen.«