»Verräter«, zischte Macha wütend. »Was weißt du schon von den Kriegern des Sumpfvolkes?«
»Nur was ich sehe, und das genügt! Blick dich um! Deine Krieger sterben wie die Fliegen. Wenn du noch jemanden nach Galis zurückbringen willst, dann gib endlich Befehl zum Rückzug, sonst überläßt du die Stadt wehrlos den Normannen.«
Macha schüttelte den Kopf. »Das Nachtvolk ist noch niemals besiegt worden. Auch wenn wir uns zurückziehen, werden wir vernichtet werden und...«
Volker holte mit der Waffe aus und schlug Macha mit der flachen Seite seines Schwertes vor die Schläfe. Die Rabengöttin strauchelte, und er fing sie in seinen Armen auf. »Du hast es nicht anders gewollt, törichte Närrin«, flüsterte der Spielmann. Hastig blickte er sich um. Keiner der Männer schien bemerkt zu haben, was er getan hatte, oder sie waren klug genug zu schweigen. Volker war davon überzeugt, daß jeder der Krieger Macha bis in den Tod gefolgt wäre, doch sie mußten wissen, daß es ein sinnloses Opfer war. Nun hatte er das Kommando. Schließlich war er während der heiligen Hochzeit zum König gekürt worden.
»Zurück zu den Booten. Die Göttin ist verletzt. Wir müssen sie nach Galis bringen!« Der Ritter hatte Mühe, mit seiner Stimme den Schlachtenlärm zu übertönen. Seit der Feind Verstärkung erhalten hatte, hatten sich die Seiten verkehrt. Jetzt waren sie es, die in die Defensive gedrängt waren. Noch hielt die lockere Schlachtreihe gegen die wütenden Angriffe der Normannen, doch Schritt um Schritt wichen die Krieger des Nachtvolks zum Wald hin zurück.
Ihre Lage wurde mit jedem Augenblick aussichtloser. Wenn er den Befehl gab, die Schlachtlinie aufzulösen und zu den Booten zu fliehen, dann würde mindestens die Hälfte der Krieger auf der Flucht niedergemetzelt. Er mußte die Formation der Normannen zerstreuen. Nur dann konnten seine Männer einen halbwegs geordneten Rückzug antreten.
Volker winkte einen jungen Krieger herbei. »Nimm dir ein paar Krieger und schaffe Macha zu einem der Boote! Die Göttin muß vor den Feinden gerettet werden.«
Der junge Mann nickte stumm. Tränen rannen ihm übers Gesicht, als er Macha auf den Arm nahm und geschützt durch zwei Schildträger zum Wald zurücklief. Auf der anderen Seite der Halbinsel lagen die Boote versteckt, auf denen die kleine Armee des Nachtvolks von Galis her übergesetzt war. Volker betete stumm, daß sich keines der normannischen Drachenboote dorthin verirrt hatte. Es war nur eine Handvoll Knaben und alter Männer zur Bewachung zurückgeblieben. Die Nordmänner würden leichtes Spiel mit ihnen haben. Er sollte lieber erst gar nicht daran denken! Wenn sie die Boote verloren, gab es keine Möglichkeit zum Rückzug mehr.
Fluchend griff Volker nach dem Horn an seinem Gürtel. Abgesehen von dem breiten Wehrgehänge um seine Hüften war auch er nackt und mit magischen Zeichen bemalt, wie die übrigen Kämpfer des Nachtvolks. Er würde jetzt das Zeichen geben. Wenigstens hatten diese Narren beim Kriegsrat in diesem Punkt auf ihn gehört. Es waren einige Hornsignale ausgemacht worden, die alle Krieger kannten. Dies war die einzige Möglichkeit, die Truppen im dichten Schlachtgetümmel noch zu lenken.
Dreimal erklang der Ruf seines Horns, dann hob Volker sein Schwert und drängte sich erneut in die vorderste Schlachtreihe. Es war absurd, daß er als christlicher Ritter hier auf seiten der Heiden gegen ein christliches Heer focht. Im Grunde stand er auf der falschen Seite. Nur Gunbrid zuliebe war er in diese Schlacht gezogen. Nach dem Kriegsrat war die Nichte seines Königs in seine Gemächer gekommen und hatte ihm in aller Deutlichkeit geschildert, was geschehen würde, wenn er sie nicht verteidigte. Gunbrid hatte schon immer eine scharfe Zunge gehabt und ihre Argumente wie Pfeile auf ihn abgeschossen! Natürlich wußte Volker, was geschehen würde, wenn ein christliches Heer eine heidnische Stadt eroberte. Es würde vergewaltigt, gemordet und gebrandschatzt. Und er war zu ihrem Schutz hier.
Der Spielmann wich dem Angriff eines Axtkämpfers aus und traf den Mann mit seinem Schwert knapp oberhalb des Knies in den Schenkel. Volker bemühte sich, keinen der christlichen Kämpfer zu töten. Niemals hätte er sich träumen lassen, daß diese Reise damit enden würde, daß er gezwungen war, gegen die rechtmäßigen Herren Aquitaniens zu kämpfen. Doch als Ritter Gunthers mußte er dessen Nichte beschützen, und das konnte er nur, indem er verhinderte, daß diese Bastarde die Mauern von Galis erreichten. Verzweifelt hatte er im Kriegsrat versucht, Macha von einem direkten Angriff auf das Ritterheer abzuhalten. Doch die Rabengöttin hatte sich durchgesetzt. Noch nie hatten ihre Krieger eine Niederlage erlitten, und sie folgten ihr blind.
Endlich erklang vom Wald her das Geräusch donnernder Hufe. Bei ihrem Angriff war nur ein Teil der Schlachtrösser in das Lager der Normannen getrieben worden. Mit seinem Hornsignal hatte er den Befehl erteilt, auch die restlichen Pferde auf die Lichtung zu treiben. Nur so bestand Hoffnung, die Reihen der Feinde durcheinanderzubringen. Volker duckte sich unter dem Angriff eines hünenhaften Normannen, der zweihändig eine riesige Axt führte. Hastig blickte er hinter sich. Schon konnte er die ersten Pferde zwischen den Bäumen erkennen. Zuerst würden die Tiere durch die Schlachtreihe des Nachtvolks brechen. Volker hoffte, daß nicht allzuviele seiner Männer unter den Hufen der Schlachtrösser sterben würden. Ohne schwere Kettenhemden waren sie wendiger als die Normannen und konnten den Pferden leichter ausweichen.
Der Axtkämpfer, der eben noch auf ihn eingedroschen hatte, ließ nun seine Waffe fallen und wandte sich zur Flucht. Noch bevor die Hengste die Lichtung erreichten, zerfielen die Schlachtreihen des Nachtvolks und der Christenritter. Volker stieß sein Schwert in die Scheide zurück und drehte sich zu den Pferden um. Mit einem Hechtsprung wich er einem grauen Hengst aus und griff dann in die Mähne eines Rappen, um sich auf den Rücken des Pferdes zu ziehen. Hier oben war er am sichersten. Flach über den Hals des Pferdes gebeugt, zog er sein Horn aus dem Gürtel und gab das Signal zum Rückzug.
So wie eine Lawine, die einen Bergwald niederreißt, zersprengten die Pferde die Reihen der Normannen. Auf der engen Lichtung war nur wenig Platz zum Ausweichen. Schreiend liefen die Krieger und Söldner durcheinander. Durch die Männer von den Schiffen hatte sich die Anzahl der Soldaten, die auf der Lichtung zusammengepfercht waren, mindestens verdoppelt. Wie aufgescheuchte Hühner rannten die Normannen herum, und es war sicher kaum einer unter ihnen, der jetzt daran dachte, die flüchtenden Heiden zu verfolgen.
Volker hieb seinem Hengst die Fersen in die Flanken und versuchte, das Pferd zum Rand des Lagers hin zu lenken. Er mußte sehen, daß er von hier fortkam. Wenn die Pferde erst einmal begannen, sich zu beruhigen, dann sollte er besser nicht mehr inmitten des feindlichen Heerlagers sein.
Obwohl der Spielmann ein ausgezeichneter Reiter war, hatte er mit dem scheuenden Hengst einige Mühe. Ohne Sattel und Zaumzeug hatte er noch nie zuvor in seinem Leben ein Pferd geritten. Ganz zu schweigen davon, daß er natürlich auch noch niemals nackt auf einem Hengst gesessen hatte. Für ein Heldenlied bei Hof wäre diese Schlacht gewiß nicht geeignet, obwohl einige Damen Gefallen an solchen Geschichten finden würden.
16. KAPITEL
Staunend und ein wenig verwundert betrachtete Golo die Stadt des Nachtvolks. Die Späher des Bischofs hatten sie auf einer Insel inmitten der Sümpfe entdeckt, und drei Tage nach der Schlacht am Trophäenbaum landete das christliche Heer auf dem Eiland. Der junge Ritter hatte himmelhohe, marmorne Türme erwartet, goldene Dächer und seidene Banner, die von den Zinnen flatterten. Doch es gab nichts von alledem. Drei mächtige Mauern aus Bruchstein umgürteten die Stadt auf dem Hügel. Die Dächer der Hütten waren aus Schilf oder Holzschindeln. Rings um die Stadt breiteten sich Äcker aus, durchzogen von einem komplizierten System von Kanälen und Deichen. Nichts erschien ihm hier zauberhaft. Es gab keine Feen! Diese Stadt war zweifellos von ganz normalen Sterblichen erbaut. So dachte jeder Soldat im Heer des Bischofs, und gierig starrten die Männer nach den Mauern. Jehan de Thenac hatte ihnen Gold und Silber versprochen, das sich angeblich in den Tempeln der Heiden zuhauf türmte. Auch waren die Männer entschlossen, Rache für den Überfall auf das Lager zu nehmen. Mehr als zweihundert Mann hatten in jener Nacht den Tod gefunden, und es gab noch einmal so viele Verwundete.