Mit der Niederlage schien der Wille zum Widerstand unter den Sumpfleuten gebrochen zu sein. Fast unbehelligt hatte das Heer des Bischofs den Sumpf durchquert, und auch während das Lager vor den Mauern der Stadt errichtet wurde, gab es keinen Widerstand. Die hohen Wälle schienen verlassen, und abgesehen von den weißen Rauchsäulen der Torffeuer, die über den Dächern fast senkrecht in den Himmel stiegen, gab es nicht das geringste Lebenszeichen.
Die Byzantiner, die der Bischof in seinen Sold genommen hatte, waren den ganzen Nachmittag über damit beschäftigt gewesen, zwei große Katapulte aus vorgefertigten Holzteilen zusammenzusetzen. Wie die Löffel eines Riesen sahen die langen Arme der Geschütze aus. Die Kellen am Ende der hölzernen Arme waren mit dicken Eisenblechen verkleidet und schimmerten matt in der Sonne. Golo, der mit einigen anderen Rittern zum Schutz der Katapulte abkommandiert war, beobachtete neugierig die Fortschritte, die die Arbeit der Griechen machte. Statt Felsbrocken schafften sie nun etliche kleine Kisten heran.
Erst als die Geschütze fertig zusammengebaut waren und die Byzantiner Gelehrten sie jeweils dreimal abfeuern ließen, ohne jedoch ein Geschoß auf ihre hölzernen Löffel zu legen, wurde die erste der Kisten geöffnet. Sie enthielt einen bauchigen, fast runden Tonkrug, der mit einer Manschette aus geflochtenem Stroh umgeben war. Auch die Kiste selbst hatte man mit goldgelbem Stroh ausgepolstert, so als seien die Tongefäße von ungeheurem Wert und dürften auf gar keinem Fall zerbrechen.
Zwischen den beiden Katapulten war eine eiserne Schüssel auf einem Dreibein aufgestellt worden, in der glühende Kohlen glommen. Zwei kleine Fässer wurden herangerollt, und man hebelte ihre Deckel auf. Sie waren bis zum Rand mit einem schwarzen, übel stinkenden, zähflüssigen Schlamm gefüllt. Einer der Byzantiner, ein älterer Mann mit grauen Bartstoppeln auf den Wangen, gab ein Kommando, und zwei seiner Waffenknechte plazierten auf den Wurflöffeln der Katapulte je einen dieser merkwürdigen Tonkrüge.
»Die wollen die Heiden hinter ihren Wällen wohl mit griechischem Wein vergiften«, spottete einer der normannischen Ritter. Golo schmunzelte. Indessen traten zwei der Männer, die den Aufbau der Geschütze beaufsichtigt hatten, an die beiden Fässer mit der stinkenden Flüssigkeit. Sie tauchten grobe Pinsel in den schwarzen Schlamm und bestrichen dann die Strohmanschetten um die Krüge damit. Anschließend traten sie hastig zurück und warfen dem Mann mit den Bartstoppeln einen erwartungsvollen Blick zu. Dieser nickte, trat an die Feuerschale und entzündete dort eine Fackel. Dann hielt er die Flammen an einen der Krüge, und augenblicklich griff die Glut auf den Schlamm über. Dicker, öliger Rauch stieg auf. Der Grieche brüllte einen Befehl, und einer der Waffenknechte riß einen Hebel an der Seite des Geschützes herum. Der Katapultarm schnellte hoch und schleuderte den Krug in die Luft. Das Geschoß war jetzt von einem dichten Flammenmantel umhüllt und zog einen langen Schweif aus dunklem Rauch hinter sich her. Nach kurzem Flug senkte es sich auf die Stadt herab und verschwand zwischen den Häusern. Fast im nächsten Augenblick reckte sich eine Flammenzunge zwischen den schilfgedeckten Häuserdächern empor. Das Feuer griff auf die Dachgiebel über.
Der Geschützmeister drehte sich zu den normannischen Rittern um und grinste überheblich. »Wie Ihr seht, meine Herren, brennt griechischer Wein nicht nur in der Kehle.«
Seine Waffenknechte machten sich bereits an den Winden zu schaffen, mit denen das Geschütz erneut gespannt wurde. Einige Herzschläge lang genoß der Byzantiner ihr Staunen, dann wandte er sich zu seinen Geschützen um und steckte das nächste Geschoß in Brand. Eine zweite glühende Feuerkugel stieg in den Himmel und flog der Stadt entgegen.
In der Hölle konnte es nicht schlimmer sein, dachte Volker, während er dafür sorgte, daß seine Krieger die Stadt unterhalb der Burg räumten. Mehr als zwei Dutzend Brände gab es bereits. Das Feuer, das die Normannen in die Stadt schleuderten, ließ sich mit Wasser nicht löschen. Der Spielmann hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Die Flammen brannten sogar auf nacktem Stein und Pfützen. Woher sonst als aus der Hölle konnte solches Feuer kommen!
»Treibt das Vieh aus den Ställen«, rief er einer Gruppe junger Krieger zu, die voller Entsetzen in die Flammen starrten. Sie waren noch Knaben, und wahrscheinlich hatte noch keiner von ihnen mehr als fünfzehn Sommer gesehen. Volker fluchte. Die Lage der Stadt war verzweifelt! Er hatte nicht genug Kämpfer, um den ersten der drei Wallringe lückenlos zu besetzen. Wenn die Normannen von mehreren Seiten gleichzeitig angriffen, würden sie mit Sicherheit schon bei ihrem ersten Sturm die Verteidigungslinie durchbrechen.
Seit der Niederlage am Trophäenbaum hatten die Krieger des Nachtvolks ihn als Anführer akzeptiert, doch wann immer Macha erschien, galten seine Befehle nichts mehr. Willig folgten sie den Worten der Rabengöttin, auch wenn offensichtlich war, daß sie die Lage der Stadt nicht richtig einzuschätzen vermochte. Hätte dieses törichte Weib nur auf ihn gehört und den Angriff auf die Normannen nach dem Anfangserfolg sofort abgebrochen! Dann stünden sie jetzt nicht so schlecht da!
Sie war es auch, die befohlen hatte, den vordersten Wall zu verteidigen, obwohl es offensichtlich war, daß sie dazu nicht genug Männer hatten. Volker hatte zwanzig der besten Kämpfer zu einer Gruppe zusammengefaßt und sie ein Stück hinter den Wällen plaziert. Wann immer die Normannen an einem Mauerabschnitt durchbrachen, sollte diese Elitetruppe in die Bresche stürmen, um die Angreifer wieder zurückzudrängen. Doch auch das wäre nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Draußen vor den Mauern hatten über tausend Feinde ihr Lager aufgeschlagen, und Volker hatte nicht einmal mehr hundert brauchbare Kämpfer. Selbst nachdem die Knaben und alten Männer bewaffnet worden waren, stieg die Zahl der Verteidiger kaum über zweihundert. Auch wenn die Männer des Nachtvolks wie die Löwen kämpften und jeder von ihnen zwei oder drei Normannen erschlagen würde, war ihre Stadt verloren. Es gab keine Hoffnung mehr. Das einzige, was sie jetzt noch retten konnte, war ein Wunder. Doch durften Heiden in der Welt Gottes mit solcher Gnade rechnen?
Volker war allein auf einer der Straßen der brennenden Unterstadt. Alle Zivilisten mußten hier unten verschwinden. Manche wollten nicht einsehen, daß der Kampf gegen das Feuer aussichtslos war. Andere versuchten verzweifelt, ihre Habe zu retten. Zu allem Unglück war der Wind auch noch aufgefrischt und ließ die Flammen von Dach zu Dach springen.
Volker schlug sich den Umhang vors Gesicht. Dichter Qualm trieb durch die engen Straßen. Seit der Niederlage in den Sümpfen trug er wieder normale Kleidung und scherte sich einen Teufel um den Brauch des Nachtvolks, nackt in die Schlacht zu ziehen.
Zwischen dem treibenden Rauch sah er ein kleines Mädchen. Sie hielt etwas eng gegen die Brust gepreßt und schien die Orientierung verloren zu haben. Ein pfeifendes Geräusch übertönte das Fauchen der Flammen. Am Himmel war ein glühender Punkt zu sehen.