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»Lauf in ein Haus! Schnell!« Volker duckte sich in einen Türeingang. Das Mädchen schien ihn nicht gehört zu haben. Benommen taumelte es durch den Rauch. Keine drei Schritt hinter ihr schlug eines der teuflischen Geschosse auf den Boden und zerschellte. Flüssiges Feuer sprühte über den Weg aus festgetretenem Lehm. Flammen leckten an den Hauswänden empor. Ein gellender Schrei erklang. Volker sprang aus seiner Deckung. Das Mädchen kam ihm entgegengerannt, das Gesicht von Schmerz und Schrecken verzerrt. Etwas von dem flüssigen Feuer war auf ihren Rücken gespritzt. Jetzt erkannte Volker, was sie so fest gegen ihre Brust drückte. Es war eine kleine Puppe aus Stroh.

Der Spielmann riß sich den Umhang von den Schultern. »Du mußt dich auf den Boden werfen!« Das Mädchen hörte ihn nicht. Es lief auf ihn zu und umklammerte schreiend seine Beine. Verzweifelt versuchte Volker, mit seinem Umhang die Flammen auf ihrem Rücken zu ersticken. Bald war das Feuer verloschen; und er riß ihr die schwelenden Reste ihres Kleidchens vom Leib und nahm sie in die Arme. Die Kleine hatte aufgehört zu schreien. Sanft strich Volker ihr über das versengte Haar. »Es wird alles wieder gut, meine Prinzessin. Ich bringe dich zu den Priesterinnen. Die werden deine Schmerzen wegzaubern und nach deinen Eltern suchen.«

Er blickte dem Mädchen ins Gesicht. Ihre Wangen waren rußverschmiert. Ihre großen, braunen Augen waren starr vor Entsetzen. Der Spielmann wischte ihr die Tränen von den Wangen. Er konnte spüren, wie das Blut aus den Wunden auf ihrem Rücken seinen Umhang durchtränkte. »Ich werde dich ganz vorsichtig halten. Wenn ich dir weh tue, dann sagst du es mir, ja...«

Eine Hand griff von hinten nach Volkers Schulter. »Sie kann dich nicht mehr hören, Sänger.« Erschrocken drehte sich der Spielmann um. Neman stand hinter ihm. »Was weißt du schon?« grollte er. »Du kannst zaubern! Hilf ihr, so wie du mir in der Höhle geholfen hast.«

Sie blickte ihn mitleidig an. Dann nickte sie. »Leg das Kind auf den Boden.«

Volker gehorchte. Die Arme des Mädchens hingen schlaff herab. Er griff nach ihren zierlichen Händen und rieb sie mit seinen groben Fingern. »Die wiedergeborene Göttin ist gekommen, um dir zu helfen«, flüsterte er. Sein Umhang war verrutscht, so daß er ihren zarten Körper sehen konnte. Ihre Haut war makellos weiß. Nirgends war auch nur die kleinste Brandblase zu sehen.

Neman kniete neben der Kleinen nieder. Vorsichtig strich sie ihr über das versengte Haar. Dann drehte sie das Kind behutsam auf die Seite. Der ganze Rücken des Mädchens war eine einzige Wunde. Hautfetzen klebten an dem blutdurchtränkten Umhang. »Glaubst du mir jetzt, daß sie tot ist? Keine Macht dieser Welt kann sie mehr zum Leben erwecken.«

Volker schluckte. Es war, als säße ihm ein faustgroßer Kloß in der Kehle.

Neman streckte ihm ihre Hand entgegen. »Komm mit mir! Du hast alles getan, was in deiner Macht stand. Ich weiß, daß du in den letzten drei Tagen fast nicht mehr geschlafen hast. Du mußt jetzt ruhen. Die Normannen werden heute nicht mehr angreifen. Wenn sie die Stadt erobern wollen, werden sie warten, bis die Flammen verloschen sind.«

»Es ist alles verloren.«

Die junge Frau schüttelte energisch den Kopf. »Nein, Macha weiß, wie wir siegen werden. Sie hat mir verraten, daß sie einen Plan hat. Sie sagt, daß man die, die das Feuer bringen, nur durch das Wasser besiegen kann.«

Volker nickte müde. Er hatte nicht mehr die Kraft zu widersprechen. Was nutzte es auch? Er hatte in den Sümpfen gesehen, was von Machas Plänen zu halten war. Die Rabengöttin wußte nicht, wann eine Schlacht verloren war. Sie würde die ganze Stadt opfern...

Er griff nach der Hand der Totenklägerin. Neman führte ihn durch die rauchverhangenen Straßen zur Königsburg hinauf. Hunderte Menschen drängten sich auf dem Innenhof der Festung, dennoch war es unheimlich still. Schweigend machten sie der Göttin Platz. Volker konnte die Angst in den Augen der Männer und Frauen sehen. Sie wußten, daß es keine Hoffnung mehr gab.

Neman brachte ihn in sein Gemach. Es war ein kleiner Raum ohne Fenster. Zwei kleine Öllämpchen, die in Wandnischen standen, vertrieben die Finsternis. Hier war es angenehm kühl. Volker hatte das Gefühl, seine Glieder seien so schwer wie Blei. Müde ließ er sich auf seinem Lager aus Pelzen und bestickten Tüchern nieder. Das Zimmer war nur kärglich eingerichtet. Es gab einen großen Tisch, auf dem ein Krug und eine flache Wasserschüssel standen. Unter den Tisch waren zwei mit Schnitzereien geschmückte Stühle geschoben. Die schmale Nordwand wurde von einem breitem Kamin eingenommen, in dem kein Feuer glomm.

Erschöpft ließ sich der Spielmann auf die Felle zurücksinken. Was für Possen trieb das Schicksal mit ihm? Vor ein paar Wochen erst war er zum König eines wunderlichen Barbarenvolkes geworden, und morgen würde er inmitten seiner brennenden Königsburg sterben. Was für ein Heldenlied hätte man aus dieser Geschichte machen können! Er schmunzelte und blickte zu Neman. Die Göttin hatte ihren Umhang über den Tisch geworfen. Sie öffnete die beiden Fibeln, die ihr Kleid an den Schultern zusammenhielten. Der dünne Stoff glitt zu Boden. Volker war wie gebannt von ihrem Anblick. Seit Wochen waren sie verheiratet, doch sie hatte nie an seiner Seite gelegen. Ihr Körper war vollkommen. Schlank, aber nicht hager, die Brüste wohl gerundet, doch nicht zu üppig, ihre Haut so weiß wie Milch. Wie rotes Gold schimmerte ihr Haar, das ihr weit auf die Schultern hinabfiel. Nur die blaubraune Schwellung an ihrer Schläfe, dort, wo sie während der Schlacht in den Sümpfen sein Schwert getroffen hatte, erinnerte daran, daß sie auch Macha, die grausame Kriegerin, sein konnte. Sie lächelte scheu und trat an sein Lager. »Reicht deine Kraft noch, um dich zu entkleiden, oder soll ich dir helfen?«

Der Spielmann starrte sie mit großen Augen an. Dann nickte er. Neman lachte leise. »Was soll das heißen? Brauchst du nun Hilfe oder nicht?«

Volker räusperte sich. Sein Mund war staubtrocken, und zum ersten Mal in seinem Leben wußte er nicht recht, was er sagen sollte. Er hatte nicht mehr daran geglaubt, daß sie jemals in seinen Armen liegen würde, und je unerreichbarer sie für ihn schien, desto mehr hatte er sich in Neman verliebt. Sie beugte sich jetzt über ihn und begann mit geschickten Fingern die Lederbänder an seinem Wams zu lösen.

Zärtlich strich er ihr durch das Haar. Es war so weich wie Seide. Er zog Neman zu sich hinab und küßte sie lange und leidenschaftlich. Warme Wellen schienen seinen Leib zu umspülen. Er fühlte sich so leicht, als würde er wie eine Feder auf einem Wasserlauf treiben.

Die Hohepriesterin löste sich aus seiner Umklammerung. Ihre Hände glitten zu seiner Bruech, öffneten die Bänder der Beinlinge und streiften das leinene Kleidungsstück zurück. Jede ihrer Berührungen ließ ihn auf wohlige Art erschauern. Volker hatte schon viele erfahrene Liebhaberinnen gehabt, doch bei keiner hatte er so gefühlt. Es war fast, als sei er zum ersten Mal mit einer Frau beisammen.

Mit kundiger Hand fuhr sie seine Schenkel hinauf. Er richtete sich auf und streichelte sanft über ihre Brüste. Neman stöhnte leise. Sie hockte sich auf seine Schenkel. Er spürte ihre Wärme. »Liebe mich«, hauchte sie leise. »Vielleicht wird dies unsere einzige Nacht sein, mein Sänger.« Ihr Blick war plötzlich traurig.

Volker strich ihr über die Lippen. »Sprich nicht davon! Es gibt Nächte, die mehr als ein Leben wert sind.« Sanft zog er ihren Kopf hinab und küßte sie. Als er in sie eindrang, schien sein ganzer Leib in Flammen zu stehen. Neman bäumte sich auf und ließ sich wieder auf seine Schenkel hinabsinken...

Zweimal liebten sie sich in dieser Nacht, bis Volker erschöpft in den Armen der Priesterin einschlief.

17. KAPITEL