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Es war noch dunkel, als Golo unsanft aus dem Schlaf gerüttelt wurde. »Es ist soweit«, flüsterte eine Stimme dicht an seinem Ohr.

Müde streckte der junge Ritter seine Glieder und schlug die klamme Decke zur Seite. Die Feuchtigkeit war aus den Sümpfen ins Lager hinaufgezogen. Golo rieb sich mit den Händen über die Arme, bis ihm ein wenig wärmer wurde. Dann tastete er in der Finsternis nach seinen Kleidern und der Rüstung.

Er war noch nicht ganz angekleidet, als die Plane des Zelts zurückgeschlagen wurde und eine Gestalt mit einer Blendlaterne eintrat. Bischof Jehan! Der grauhaarige Normanne lächelte spöttisch. »Heute werden wir beide zu Ende bringen, was in einer Schenke begonnen hat. Wenn die Sonne untergeht, werde ich der Herrscher dieser Sumpfstadt sein. Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, Golo, und dafür sollst du belohnt sein. Du darfst in der Schlacht heute an meiner Seite kämpfen. Ich lasse zwei meiner Getreuen bei dir. Sie werden dich zu mir bringen, sobald du fertig gerüstet bist. Wenn du dich bei der Erstürmung der Wälle bewährst und mir zeigst, daß das Zeug zu einem richtigen Ritter in dir steckt, dann werde ich dich zum Vogt dieser Stadt machen. In meinem Namen sollst du hier draußen in den Sümpfen herrschen. Ein beachtlicher Aufstieg für einen Pferdeknecht, nicht wahr?«

Golo nickte ergeben. »Ich danke Euch, Herr. Eure Großzügigkeit wird nur noch von Eurem Mut und Eurer Schwertkunst übertroffen.«

Eine steile Falte zeigte sich auf der Stirn des Bischofs. »Mach keine Späße mit mir, Knecht! Ich habe noch zu tun. Beeile dich! In einer Stunde wird der Angriff beginnen. Ich hoffe, daß der Nebel dem Heidenpack unsere Truppenbewegungen verbergen wird und wir dieses Gesindel überraschen.« Jehan wandte sich ab. Einer der Leibwächter des Bischofs schlug die Zeltplane zurück, und der Normanne verschwand in der Finsternis. Die beiden Söldner, die er zurückgelassen hatte, waren unrasierte Schläger. Offensichtlich hatten sie Gefallen daran, daß man ihnen ansah, daß sie bezahlte Mörder waren. Golo schluckte. Warum hatte der Bischof diese Kerle zu ihm abkommandiert und keinen Ritter? Ob Jehan plante, ihn während des Angriffs ermorden zu lassen? Immerhin war er, Golo, der einzige, der außer dem Bischof wußte, daß er kein Edelknappe, sondern nur ein Bauernsohn war und daß Jehan seinem König eine handfeste Lügengeschichte vorgetragen hatte, als sie beide den Tod Volkers beklagt hatten.

Golo musterte seine beiden Wächter mißtrauisch. Er sollte aufpassen, daß keiner von diesen Kerlen in seinen Rücken gelangte, wenn die Schlacht erst einmal begonnen hatte.

Verschlafen tastete Volker über den Platz an seiner Seite. Er wollte Nemans Haar zerwühlen, ihren zarten Hals küssen und... Halb benommen richtete er sich auf. Sie war nicht mehr da!

Ein leises Geräusch ließ ihn herumfahren. Schlagartig war er jetzt hellwach. Jemand stand neben dem Tisch. Die Dochte der Öllampen glommen nur noch schwach, und er konnte, die Gestalt nur undeutlich erkennen. Es war eine Frau mit langem Haar. Sie schien seine Beinlinge in Händen zu halten und machte sich an der flachen Wasserschüssel zu schaffen.

»Neman«, flüsterte Volker. »Was machst du dort? Komm in meine Arme zurück...«

Die Gestalt am Tisch drehte sich zu ihm um. »Meine Schwester hat uns verlassen.« Die Stimme der Frau klang zu dunkel! Jetzt konnte Volker ihr Gesicht besser erkennen.

Es war Babd, die Wäscherin! Mit Schrecken dachte der Spielmann an all die Geschichten, die er über die Unglücksbotin gehört hatte. Sah ein Krieger sie am Morgen einer Schlacht, so hieß dies, daß er sterben würde.

»Deine Beinlinge sind jetzt sauber, Sänger.« Babd legte die beiden Kleidungsstücke auf den Tisch neben die Schüssel und strich sie glatt. »Es wird ein heißer Tag werden. Die Normannen wappnen sich bereits zur Schlacht.«

»Neman, bitte komm zurück...« Volker starrte die Frau verzweifelt an. Er hoffte, der Geist der Todesbotin, oder was auch immer in den Leib der Morrigan gefahren war, würde vielleicht von ihr ablassen. Es war grausam, in das so vertraute Gesicht zu sehen und eine gefühllose, kalte Stimme von den Lippen klingen zu hören, die er vor wenigen Stunden erst geküßt hatte.

»Ich muß nun gehen. Wir sehen uns wieder, Sänger.« Volker fröstelte es in dem kühlen, fensterlosen Raum. Die Todesbotin hatte recht. Jeder Krieger des Nachtvolks würde ihr am Ende seines Weges begegnen. Wen sie wohl noch alles besuchen würde?

Der Spielmann erhob sich von seinem Lager und begann sich anzukleiden. Er war ein Christ. Für ihn hatten die düsteren Legenden des Nachtvolks keine Bedeutung, und die Götter des Feenvolkes hatten keine Macht über ihn. Trotzdem unterließ er es, die Beinlinge anzulegen, die die Todesbotin berührt hatte.

Die Krieger hatten Befehl erhalten, keine Fackeln oder Laternen zu entzünden und sich im Schutz des dichten Nebels schweigend den Mauern zu nähern. Bischof Jehan hatte sein Heer in zehn Gruppen unterteilt. Die Verletzten und ein Teil der Knechte blieben im Lager zurück. Sie sollten dort die Feuer schüren und soviel Lärm machen wie eine ganze Armee, die ihr Frühstück einnahm und sich auf einen neuen Belagerungstag vorbereitete.

Die hunnischen Bogenschützen und die Schleuderer von den Balearen waren als Späher vorausgeschickt worden. Sobald der Angriff auf die Mauern begann, würden sie den Rittern und Lanzenträgern Deckung geben, indem sie jeden beschossen, der sich auf den Mauern zeigte. Acht Einheiten von Fußkämpfern würden die Mauern zur gleichen Zeit von acht verschiedenen Seiten angreifen. Jehan und seine Berater gingen davon aus, daß die Feen nicht mehr genügend Krieger hatten, um die ganze Mauer zu bemannen, so daß es ein leichtes sein würde, in die Stadt einzudringen, wenn man an vielen Orten zugleich angriff.

Sobald eine Gruppe innerhalb der Wälle Fuß gefaßt hatte, sollte sie versuchen, sich bis zum Stadttor durchzuschlagen, um es für die Reiter zu öffnen, die als Reserve in der Nähe des Lagers warteten.

Golo war von seinen Wächtern zur Einheit des Bischofs eskortiert worden. Der Trupp bestand fast ausschließlich aus Rittern. Sie sollten nahe dem Stadttor angreifen, und Jehan erwartete nicht weniger, als daß seine Männer die ersten wären, die auf der Mauer der feindlichen Stadt stehen würden.

Die aufgehende Sonne tauchte den Nebel in ein unheimliches, rotes Licht. Irgendwo in den Sümpfen erhob sich laut schnatternd eine Ente zum Himmel. Golo hatte gemeinsam mit drei anderen Rittern eine Leiter geschultert. Allein ihre Gruppe führte zehn Sturmleitern mit sich, und auch die anderen Abteilungen waren mit Wurfankern und Leitern ausgerüstet. Dem jungen Ritter war übel. Außer ein paar Bissen alten Brots hatte er nichts herunterbekommen. Mißtrauisch blickte er zu seinen beiden Aufpassern, die ein wenig seitlich von ihm gingen. Vielleicht bildete er sich ja alles nur ein, und die zwei Männer waren wirklich zu seinem Schutz abgestellt? Er wünschte sich, Berengar würde noch leben. Mit dem Ritter aus Armorika an seiner Seite würde er sich jetzt sicherer fühlen.

Dunkel erhob sich vor ihnen die Stadtmauer aus dem Nebel. Der Bischof zog sein Schwert und hob den Arm. Die Kolonne der Krieger kam zum Stehen. Offenbar hatten die Verteidiger sie immer noch nicht bemerkt. Der Nebel, der die Stadt für Jahrhunderte vor neugierigen Blicken bewahrt hatte, würde ihr heute morgen zum Verhängnis werden.

Jehan schien sich noch ein letztes Mal mit seinen Beratern zu besprechen. Quälend langsam ging die Zeit dahin. Würde nur endlich der Angriff beginnen! Golo hatte das Gefühl, er müsse sich jeden Moment erbrechen. Verstohlen blickte er zu den anderen Kriegern hinüber. Einige hatten sich auf den Acker gesetzt und dösten vor sich hin. Andere wirkten unruhig und prüften immer wieder ihre Waffen. Ein verrutschendes Kettenhemd oder ein offener Kinnriemen an einem Helm konnten im Gefecht den Tod bedeuten.