Выбрать главу

Endlich winkte der Bischof nach seinem Hornisten. Das Angriffssignal erklang. Fast augenblicklich ertönten auch rechts und links von ihnen Kriegshörner im Nebel. Dann war das Signal auf allen Seiten der Stadt zu hören.

Jehan hob sein Schwert zum Himmel. »Tod den Heiden«, rief er mit tönender Stimme. Die Ritter und Söldner nahmen seinen Schlachtruf auf. Dann begannen mehr als tausend Krieger den Angriff auf die Stadt.

»Sag das noch einmal«, fauchte Volker wütend.

Der junge Krieger wagte es nicht mehr, ihm in die Augen zu sehen. »Die zwanzig Kämpfer, die Ihr als Reserve abgestellt habt, sind nicht mehr da, mein König. Macha ist diese Nacht gekommen und hat den Männern den Befehl gegeben, die Stadt zu verlassen. Ich weiß auch nicht, wo sie jetzt sind und was sie tun.«

Der Spielmann faßte sich an den Kopf. Das gab es nicht! Wenn er es nicht besser gewußt hätte, würde er sagen, daß Macha es den Angreifern leichter machen wollte, über die Mauern zu kommen. Was zum Teufel sollte dieser sinnlose Befehl? Ohne die Verstärkung würde er den ersten Mauerring nicht einmal eine halbe Stunde halten können.

»Komm mit mir! Wir sind jetzt die Reserve!« Volker hatte sich eines der wenigen Pferde besorgt, die es in der Stadt gab. Auf einer Insel inmitten der Sümpfe brauchte man keine Reittiere. So gab es nur wenige Arbeitspferde, die im Ackerbau benutzt wurden oder schwere Karren ziehen mußten. Auch für den jungen Krieger war ein Hengst vorhanden. Sie würden in der Nähe des Tores bleiben. Dort war bereits ein wilder Kampf entbrannt, und vermutlich hatten die Normannen hier ihre besten Truppen zusammengezogen.

In regelmäßigen Abständen hinter der Mauer hatte er Frauen plaziert, die als Botenläuferinnen dienen sollten und die Aufgabe hatten, Verwundete aus dem Kampfbereich fortzubringen. Viele der schmalen Gassen des Stadtviertels waren mit Barrikaden unpassierbar gemacht. So würden die Eroberer, selbst wenn die erste Verteidigungslinie gefallen war, nicht schnell bis zur zweiten Mauer vorrücken können. Die Verteidiger hingegen kannten genau die wenigen Fluchtwege, die noch offen waren. An einigen Stellen lehnten lange Leitern an der zweiten Mauer, so daß die Flüchtlinge nicht zum einzigen Tor laufen mußten, um in den höher gelegenen Stadtteil zu gelangen. Die Leitern wurden jedoch von zuverlässigen Männern und Frauen bewacht, und sie würden sofort hochgezogen, sobald sich die Normannen dem zweiten Wallring näherten. Ruhig blickte der Spielmann zum Mauerkranz am Tor. In den letzten drei Tagen hatte er alles, was menschenmöglich war, getan, um die Stadt zur Verteidigung vorzubereiten.

Ganze Karrenladungen von Steinen waren auf den Mauern plaziert worden, um sie auf die Angreifer herabzuschleudern. Es gab Stangen und Gabeln, mit denen die Leitern zurückgestoßen werden konnten, und Beile, mit denen man die Seile von Wurfankern durchtrennen würde. Sicher würden sie den Normannen hohe Verluste beibringen, doch daß sie die Angreifer aufhalten könnten, glaubte der Spielmann nicht.

»Los, hinauf mit dir! Tu etwas für Land und Titel! Ich werde hinter dir die Leiter hinaufkommen.« Jehan wies mit dem Schwert zur Mauerkrone. Zweimal schon hatten ein paar Ritter auf der Mauer Fuß gefaßt und waren wieder zurückgedrängt worden. Der Nebel hatte sich nun ein wenig gelichtet und verhüllte kaum noch den grausamen Anblick des Schlachtfelds. Am Fuß der Mauer lagen Männer mit zerschmetterten Gliedern. Zwischen ihnen ragten wie Gerippe die Reste zerbrochener Leitern auf.

Ein wahrer Hagel von Steinen schlug den Angreifern entgegen. Golo hielt schützend seinen Helm über den Kopf. Der schwere Topfhelm behinderte seine Sicht, doch im Augenblick war er sogar dankbar, nicht zu wissen, wer ihn rechts und links auf der Mauer erwarten würde. Hinter den angreifenden Rittern waren zwei Dutzend Bogenschützen in Stellung gegangen, um die Verteidiger oben auf der Mauer in Deckung zu zwingen.

Zögernd umklammerte Gold die Sprossen der Leiter. Nur ein kleines Stück neben ihm lag der Ritter, der den letzten Angriff angeführt hatte. Sein Kopf war in einem unnatürlichen Winkel verdreht. Der Krieger war schon fast auf der Mauer angekommen gewesen, als man seine Leiter mit einer Forke zurückgestoßen hatte.

»Für Burgund!« brüllte Golo aus vollem Halse. Es tat gut zu schreien. So konnte er seine Angst verdrängen. Ein letztes Mal prüfte er den Sitz der Lederschlinge am Griff seines Schwertes. Sie würde dafür sorgen, daß die Waffe von seinem Handgelenk hinabhing. Mit einer kleinen Drehung hätte er das Schwert wieder in der Hand. Das war besser, als die Waffe erst noch ziehen zu müssen, wenn er oben auf der Mauer ankam. So behielt er die Rechte frei, um sich an den Sprossen der Leiter festzuhalten, während er nach oben stürmte. Mit der Linken hielt er sich schützend den Wappenschild über den Kopf. So schnell er konnte, kletterte er die Leiter hinauf.

Neben ihm ertönten gellende Schreie und dann das Bersten von Holz. Eine der Leitern mußte gestürzt sein. Er würde jetzt nicht nach links sehen! Starr hielt er den Blick auf die Mauer vor ihm geheftet und zog sich von Sprosse zu Sprosse weiter die Leiter hinauf. Ein Stein prallte auf seinen Schild und glitt zur Seite ab. Dann erschien ein Stück blauer Himmel über ihm. Er hatte es fast geschafft!

Mit der Rechten griff er nach dem Mauerkamm und zog sich hoch. Plötzlich stand wie aus dem Nichts ein Krieger vor ihm. Genaugenommen war es noch ein Knabe. Vielleicht war er fünfzehn Sommer alt, vielleicht auch noch jünger. Er holte mit einer Axt aus, um ihm den Schädel zu zerschmettern. Golo stieß sich von der Mauer ab und duckte sich zugleich hinter seinen Schild. Er prallte gegen den Jungen, und sie beide stürzten zu Boden.

Golo rollte sich zur Seite, und dicht neben ihn stieß klirrend ein Speer auf die steinernen Bodenplatten des Wehrgangs.

»Fahrt zur Hölle, ihr Teufel!« ertönte der tiefe Baß des Bischofs. Golo sah den Jungen, der ihn angegriffen hatte, mit zerschmettertem Gesicht zu Boden stürzen.

Mit Mühe kam der ehemalige Knecht wieder auf die Beine. Das verdammte Kettenhemd machte ihn langsam. Jetzt wünschte Golo sich, er hätte härter mit Jehans Waffenmeister geübt. Noch zwei weitere Ritter waren auf die Mauer gekommen. Schild an Schild schirmten sie das Ende der Leiter ab. Links von ihnen versuchten zwei Männer die Leiter mit einer langen Stange von der Mauer wegzustoßen.

»Mir nach!« Jehan hatte seinen Streitkolben hoch über den Kopf erhoben und griff die Krieger zu ihrer Linken an. Ein Pfeil schlug krachend in Golos Schild. Der junge Ritter fluchte leise. Er kam von der anderen Seite der Mauer. Einer ihrer eigenen Männer mußte ihn abgeschossen haben.

Die beiden bunt bemalten Krieger ließen jetzt die Stange fallen und zogen ihre Schwerter. Golo wartete den Angriff seines Feindes ab. In dem Moment, als die Klinge seines Gegners auf seinen Schild niederfuhr, trieb er dem Mann sein Schwert in den ungedeckten Bauch.

»Gut gemacht, Junge! Ich sehe, aus dir wird noch ein Mann und...« Der Bischof brach mitten im Satz ab und wandte sich zur Brüstung. »Bei allen Heiligen! Diese Hundesöhne! Sie müssen die Dämme durchstochen haben!«

Golo folgte dem Blick des Kirchenfürsten. Es war windstill, und der Nebel war vom erstarkenden Sonnenlicht fast aufgelöst. Zum ersten Mal an diesem Morgen konnte man hundert Schritt weit sehen, und was der junge Ritter sah, ließ ihm fast das Herz erstarren. Breite Ströme von braunschwarzem Wasser ergossen sich über die Felder unterhalb der Mauer. Schon kippten die ersten Zelte des Heerlagers. Die Reiterreserve kam auf die Stadt zugaloppiert. Einige Pferde scheuten und warfen ihre Reiter ab. Den Männern, die im Lager zurückgeblieben waren, reichte das Wasser schon bis zu den Hüften.

Der Bischof verpaßte Golo einen Stoß mit dem Ellenbogen. »Wir müssen runter zum Tor. Nur wer es bis in die Stadt schafft, ist vor den Fluten sicher!« Jehan wies auf eine breite Rampe, die auf der Rückseite der Mauer verlief.