Hinter ihnen wurden die Verteidiger langsam von der Mauer zurückgedrängt. Auch unter den Kriegern des Nachtvolks schien Verwirrung zu herrschen.
Jehan schlug eine junge Frau nieder, die sich ihnen auf der Rampe mit einem Speer in der Hand entgegenstellte. Offenbar waren die Sumpfleute entschlossen, ihre Stadt bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Ohne auf weiteren Widerstand zu treffen, erreichten sie die schmale Straße, die auf der Rückseite der Mauer verlief. Das Tor war nur noch zwanzig Schritt entfernt.
Keuchend rannten die beiden am Wall entlang. Golo hatte das Gefühl, sich jeden Schritt abzwingen zu müssen. Fast hatten sie das Tor erreicht, als hinter ihnen Hufschlag ertönte. Der junge Ritter biß sich auf die Lippen und versuchte, noch schneller zu laufen. Es waren nur noch sieben oder acht Schritt bis zum Tor. Zwei breite Querbalken verriegelten die hohe, eichene Pforte.
»Mach du das Tor auf«, rief hinter ihm Jehan. »Ich übernehme den Reiter!«
Ohne sich umzusehen, warf sich Golo gegen die Torflügel. Mit der Schulter stemmte er den ersten Querbalken hoch. Von draußen konnte er Rufe hören. Braunes Wasser sickerte unter dem Tor hindurch. Ein Pfeil streifte klirrend sein Kettenhemd. Dicht neben seinem Hals schlug ein zweites Geschoß ein. Mit ausgestreckten Armen griff der junge Ritter nach dem zweiten Querbalken. Einen Augenblick lang schien es, als wolle sich das schwere Kantholz nicht von der Stelle bewegen. Immer lauter tönte das Geschrei vor dem Tor. Jetzt war auch das Wiehern von Pferden zu hören.
Endlich gab der Querbalken nach, rutschte aus seiner Verankerung und schlug krachend zu Boden. Hastig sprang Golo zur Seite. Quietschend schwangen die Torflügel auf, und ein Strom von Flüchtlingen ergoß sich in die Stadt.
18. KAPITEL
Unter ihm schloß sich das Tor. Nachdenklich blickte Volker auf die kleine Schar der Überlebenden, die zu den Normannen hinabstieg. Es waren weniger als zweihundert. Die meisten waren Frauen, Kinder oder alte Männer. Der Anführer der Belagerer hatte ihnen ihr Leben versprochen, wenn sie sich taufen ließen. Sie sollten unter seinen Leibeigenen aufgenommen werden...
Neman hatte den Männern und Frauen zugeredet zu gehen. Schließlich hatte sie es ihnen befohlen. Alle, die in der Festung zurückgeblieben waren, erwartete der Tod. Keine der Priesterinnen hatte ihrem Glauben abschwören wollen. Auch eine Handvoll Krieger, die zu stolz war, um sich zu ergeben, harrte noch aus. Der einzige unter den Männern, den Volker kannte, war Ambiorix, der Vater der Morrigan. Der alte Mann hatte sein weißes Gewand abgelegt und trug wie die anderen Krieger Hosen aus buntem Stoff. Sein Oberkörper war mit blauen Linien und Spiralen bemalt. Ambiorix stützte sich auf einen Speer und blickte zu den braunen Fluten hinab, die die Felder bedeckten.
Volker seufzte. Einen Augenblick lang hatte er das Schicksal der Stadt in Händen gehalten. Es wäre nicht schwer gewesen, die beiden Ritter, die von der Rampe gesprungen waren, niederzureiten. Doch der Kerl, der sich ihm in den Weg gestellt hatte, trug eine geschnitzte Mitra als Schmuck auf seinem Topfhelm. Waffenrock und Schild des Mannes waren von purpurner Farbe, und als Wappen hatte er ein goldenes Kreuz geführt. Der Ritter mußte ein Bischof gewesen sein. Ein Hirt der Christenheit! Volker hatte gegen ihn nicht das Schwert ziehen können. Er hätte damit alles verraten, was er an dem Tag geschworen hatte, als Gunther ihn zum Ritter geschlagen hatte. Es war seine Aufgabe, gute Christen vor den Schwertern der Heiden zu schützen.
Der Spielmann blickte zu Gunbrid, die bei den Priesterinnen stand. Als Lehnsmann Gunthers hatte er einen Eid abgelegt, jederzeit für die Familie des Königs zu kämpfen. Und dann war da noch Neman. Wenn sie den Normannen in die Hände fiel, würde sie auf einem Scheiterhaufen enden. Wie auch immer er sich entschied, er würde auf jeden Fall gegen eines der Gebote des Rittertums verstoßen.
Aus der Stadt erklang ein Horn. Die Krieger der Normannen begannen, sich zum letzten Sturm zu sammeln. Wahrscheinlich würden die da unten ihn nicht mehr sonderlich freundlich aufnehmen, wenn er jetzt noch durch das Tor kam. Damit war die Entscheidung gefallen. Er drehte sich zu den anderen um. »Wir sollten zum Heiligtum hinaufgehen.
Die Hügelböschung und der Wall sind zu hoch, um dort mit Leitern hinaufzukommen. Hinter dem Tor gibt es einen Hohlweg. Selbst wenn sie die Torflügel zertrümmert haben, werden wir uns dort noch eine Weile gegen die Übermacht halten können.«
Die älteste der Priesterinnen trat ihm entgegen. »Neman hat mir gesagt, wer du bist. Du mußt nicht an unserer Seite sterben, fremder Krieger. Es gibt aus dem Heiligtum einen Fluchtweg. Wenn du dich verbirgst, bis die Sonne untergegangen ist, wirst du entkommen können.«
Volker starrte die Frau ungläubig an. »Wir alle werden entkommen können. Vielleicht schaffen wir es, die Normannen noch bis nach Sonnenuntergang aufzuhalten. Das sind noch höchstens zwei Stunden, und ich habe dort oben eine kleine Überraschung für sie vorbereitet, die sie noch für eine Weile aufhalten wird.«
»Wir Priesterinnen können nicht gehen, denn die Morrigan hat beschlossen zu bleiben.«
»Was soll das heißen? Ich rede mit Neman! Sie wird niemals wollen, daß ihr alle...«
Die alte Priesterin zeigte zur anderen Seite des Platzes. Dort trat Macha aus dem Eingang des Langhauses. Sie trug ein hüftlanges Kettenhemd und war mit zwei Kurzschwertern bewaffnet. Von ihren Schultern wehte ein langer, schwarzer Umhang.
Der Hohlweg, der hinter dem Tor zum Heiligtum durch die Hügelflanke schnitt, war so schmal, daß drei Kämpfer ihn leicht verteidigen konnten. Sie waren zu sechst. In der Mitte der vordersten Reihe stand Macha, rechts von ihr der weißhaarige Ambiorix und zu ihrer Linken Volker. Die letzten drei Krieger, die noch eine Waffe führen konnten, bildeten hinter ihnen eine zweite Reihe.
Volker blickte zu dem jungen Mann, der auf dem Wall oberhalb des Tores stand. Zu seinen Füßen lag ein rundes Tongefäß mit einer halb zerrissenen Manschette aus geflochtenem Stroh. Das Geschoß war auf eines der Schilfdächer geprallt und nicht zerbrochen. Heute sollten die Normannen lernen, was es hieß, wenn flüssiges Feuer vom Himmel fiel! Der junge Mann hielt eine Fackel bereit, um das Geschoß in Brand zu setzen, sobald die Angreifer unter ihm durch das Tor brachen.
Die schweren Eichenpforten erbebten unter den Stößen eines Rammbocks, den die Belagerer aus einem halb verkohlten Giebelbalken gefertigt hatten. Schon begann das Holz zu splittern. Volker leckte sich nervös über die Lippen und umklammerte sein Schwert fester. Es war noch eine Stunde bis Sonnenuntergang.
Plötzlich zersplitterte das Tor. Die Bohlen und Querhölzer fielen in den Torweg. »Tod den Heiden!« erscholl der Schlachtruf der Normannen, als sie über die Trümmer hinwegsetzten und den Hohlweg stürmten.
Volker blickte zu dem Krieger bei dem Tongefäß und erbleichte. Den Mann hatte ein Speer in die Brust getroffen. Kopfüber fiel er von der Mauer zwischen die Angreifer. Jetzt war alles vorbei!
Volker hob sein Schwert. Mit dem Mut der Verzweiflung hieb er auf die anstürmende Übermacht ein. So oft er einen Gegner niederstreckte, füllte sich augenblicklich wieder die Lücke in den Reihen der Angreifer. Schließlich zerschmetterte ein Axthieb seinen Schild. Der Spielmann warf die beiden nutzlosen Hälften zur Seite und packte sein Schwert nun mit beiden Händen.
Macha an seiner Seite kämpfte, als habe sie den Teufel im Leib. Noch nie zuvor hatte er jemanden mit zwei Schwertern gleichzeitig fechten sehen. Wie Hagelschlag prasselten ihre Hiebe auf die Angreifer. Ihre Klingen durchschnitten Kettenhemden, Schilde und Helme, als seien sie nur dünnes Pergament. Sie war wahrlich eine Kriegsgöttin. Ein Dutzend Männer mußten schon unter ihren Klingen gefallen sein, als sie ein Speer in den Oberschenkel traf. Ihr Bein knickte zur Seite, und eine Schwertklinge durchbrach ihre Deckung und bohrte sich tief in ihre Brust. Sofort sprang einer der Krieger aus der zweiten Reihe vor, um die Lücke zu schließen, doch sein Geschick reichte bei weitem nicht an das Machas heran. Er führte nur ein paar Hiebe, bis ihm ein Streitkolben den Schädel zerschmetterte.