„Ich will eigentlich gar nicht mitfahren. Ich weiß, ich habe darum gebeten, aber ich war sicher, daß ihr mich abweisen würdet. Der Wind ist zu stark, und ich habe Angst.“
„Wir bringen eine wichtige Nachricht — eine sehr, sehr wichtige Nachricht — zu den grünen Leuten.
Wir werden sie nie finden, wenn wir die Nachricht nicht dorthin bringen, wo sie nach unserer Meinung sein werden.“
„Sind sie im Ozean?“
„Manchmal. Komm jetzt.“ Der Junge hatte noch immer keine Lust, doch Maetas starke Persönlichkeit ließ ihm keine Wahl, und so war der Jäger keineswegs überrascht, als der Junge half, das Boot ins Wasser zu schieben. Und auch Bob nicht. Beide machten sich dagegen Sorgen über den scheinbar feststehenden Entschluß des Mädchens, mit nur zwei Paddlern hinauszufahren, von denen einer nicht sehr kräftig war und wahrscheinlich überhaupt keine Erfahrung besaß.
Da sie in Anwesenheit des Jungen keine Fragen stellen wollten — weder Bob noch der Jäger wollten einen Plan verderben, den sie haben mochte —, konnten sie nicht wissen, daß Maeta sich in eine Ecke manövriert hatte. Sie wollte die Flasche unbedingt zu dem Raumschiff bringen; sie betrachtete die Nachricht für Bob als lebenswichtig. Außerdem hatte auch sie den Verdacht, daß André irgend etwas mit ihrem Boot angestellt haben mochte, und wollte die Versicherung, ihn in dem Boot sitzen zu sehen. Nichts anderes konnte sie davon überze ugen, daß er nicht doch irgend etwas getan hatte, und bis zu dem Augenblick, als sie in See stachen, erwartete sie, daß er im letzten Augenblick noch irgendeine lahme Ausrede erfinden würde, um zurückzubleiben.
Der Jäger hatte in der gleichen Richtung gedacht, dann jedoch war ihm etwas anderes eingefallen: Sollte sein Gegner tatsächlich in dem Jungen stecken und ihn zu all diesen Streichen angestiftet haben, war es durchaus möglich, daß alle Me nschen in dem Boot ertrinken würden. Der andere hätte kein wirkliches Interesse am Wohlergehen seines Gastgebers und würde den Tod des Jungen als gerechtfertigt ansehen, wenn er dadurch dem Jäger seinen Gastgeber und einen Helfer nehmen konnte. Die Aliens würden keinen Schaden; ne hmen, wenn das Boot auf dem Riff zerschellen sollte. Sie konnten nicht ertrinken; und die Situation wäre wieder genauso, wie vor fast acht Jahren, als die beiden Repräsentanten des Guten und des Bösen aus Castors Zivilisation die Erde erreicht hätten. Es würde genauso sein wie damals, nur würde der andere diesmal keinen der Fehler begehen, durch die der Jäger ihn damals finden konnte.
Der Jäger fragte sich, auf welche Weise das Boot sabotiert sein mochte, und wann sich dieser Schaden bemerkbar machen würde.
Der Wind wehte aus Südosten und frischte immer mehr auf. Bob und sein Symbiont wurden zunehmend unruhiger, und selbst Maetas Nerven waren angespannt. Sie fragte sich, ob ihr Verstand nicht für wenige Augenblicke an Kurzsichtigkeit gelitten hatte. Über ihr Boot hatte sie sich keine Gedanken mehr gemacht, seit sie tiefes Wasser erreicht hatten und André noch immer an Bord war. Genau wie Bob und der Jäger während der letzten Wochen kam auch sie sich jetzt reichlich albern vor; wie der Jäger machte sie sich jetzt Sorgen darum, welche Folgen ihre Fehler für andere Leute haben mochten.
Trotz des Windes und ihrer ablenkenden Gedanken fand sie die Markierungsboje über dem Schiff sofort. Trotz Wind und Wellengang war sie klar auszumachen, und die Tanks in der Lagune, die ihr als Richtungshilfe dienten, waren deutlich zu erkennen. Sie richtete den Bug des Auslegerbootes in den Wind und zog ihr Paddel ein.
„André, versuche, es ohne meine Hilfe eine Minute lang hier zu halten. Du siehst doch die Boje dort; du mußt versuchen, in dieser Position zu ihr zu bleiben.“
Bob brauchte einige Zeit, bis er begriff, was hinter diesen Worten lag, und als er sich dann nach ihr umwandte, hatte sie bereits Jeans und Hemd ausgezogen, die sie über ihrem Badeanzug trug, und ließ sich über Bord gleiten, die kleine Flasche in der linken Hand. Selbst der Jäger wäre jetzt einverstanden gewesen, die Nachricht einfach über Bord zu werfen, und Bob war zutiefst schockiert; doch Maeta ließ ihm nicht die Zeit, seine Gefühle auszudrücken. Bob konnte nur ein paar Worte herausbringen, bevor sie untertauchte.
Weniger als eine Minute später war sie wieder aufgetaucht und glitt mit gewohnter Grazie an Bord. Sie nahm ihr Paddel auf und begann es durchs Wasser zu ziehen.
„Bob, du mußt dich auf die vordere Strebe hinauslehnen oder dich daraufsetzen. Ich kann nicht direkt auf den Strand zuhalten, und auch so laufen wir genau gegen den Wind. Ein Ausleger ist kein wirklicher Doppelrumpf und sehr leicht; der Wind könnte ihn aus dem Wasser heben. Dein Job ist, darauf zu achten, daß es nicht geschieht. Du machst deine Sache gut, André. Mach so weiter.“
Es war jetzt sehr viel schwerer. Auf ihrem Weg zum Riff hatten sie den Wind im Rücken gehabt; jetzt blies er ihnen entgegen und hielt sie auf. Maeta erkannte sofort, daß sie die Drift unterschätzt hatte und wich ein paar Grad westlich ab. Schließlich fand sie den Kurs, der sie zur North Beach bringen würde, doch selbst André erkannte, daß sie eine sehr lange Zeit brauchen würde, um die Insel zu erreichen. Maeta entschied anscheinend, daß es zu lange dauern würde; wenige Minuten später lenkte sie das Boot fast genau nach Westen, und sie fuhren von der Insel fort.
„Was hast du vor?“ rief Bob durch das Heulen des Windes.
„Wir schaffen es nicht nach Ell. André hält nicht mehr lange durch, und ich werde, auch nicht ewig weitermachen können. Ich möchte vor allem dem Riff ausweichen, und dies ist der kürzeste Weg. Du kannst jetzt wieder von der Strebe herunterko mmen.“
„Aber der Wind bläst uns auf die offene See!“
„Ich weiß. Aber Insel Acht ist nur etwa fünfunddreißig Meilen entfernt und der Wind weht direkt auf sie zu, soweit ich das erkennen kann. Wir sollten keine Schwierigkeiten haben, sie zu finden — ich habe einen Kompaß an Bord. Wir können sie schon aus großer Entfernung sehen; der Kultur-Tank, den sie dort aufgestellt haben, ist ungewöhnlich hoch; falls wir also ein wenig vom Kurs abkommen sollten, haben wir reichlich Zeit für Korrekturen. Das wichtigste ist jetzt, am Riff vorbeizukommen.“
„Und nicht abzusaufen.“
Maeta wies diese Bemerkung mit einem Zurückwerfen des Kopfes von sich. Sie wußte, daß sie sich um Wind und Wellen auf offener See keine Sorgen zu machen brauchte, so lange sie das Paddel halten konnte. Das Vertrauen in ihre Kompetenz wurde durch die Arroganz der Jugend vielleicht noch verstärkt, aber sie wußte genau, was sie tat. Der Fehler, an diesem Tag überhaupt auf See zu fahren, resultierte daraus, daß sie Faktoren, die nicht mit dem Wetter zusammenhingen, zu viel Gewicht beigemessen hatte, doch würde sie keine Sekunde zögern, es wieder zu tun, so lange sie einigermaßen sicher sein konnte, die Nachricht zu übermitteln.
„Wie ist es mit dem Riff bei Insel Acht?“ schrie Bob. „Ich bin noch nie dort gewesen.“
„Ich auch nicht“, war die Antwort, „aber Charlie hat mir gesagt, daß die Passage sich auf dieser Seite befindet und ziemlich breit ist — sogar Tanker benutzen sie; also gibt es da kein Problem. Paddele weiter. André, nur noch ein wenig länger; du machst das sehr gut.“
Sie hatte den Kurs etwas in nördlicher Richtung verändert, als sie sich ein Stück von Ell entfernt hatten. Als sie sicher war, das Riff ein gutes Stück seitlich von ihrem Kurs zu haben, drehte sie nach Nordwesten ab, so daß sie genau vor dem Wind lagen. André durfte jetzt mit dem Paddeln aufhören, und sie selbst beschränkte sich mehr oder weniger darauf, das Boot auf Kurs zu halten. Sie passierten das Riff von Ell in einem sicheren Abstand von zwei- bis dreihundert Yards, doch Bob kamen die Brecher trotzdem ungemütlich nahe vor.